Verlag: J.G. Seume Blog

Kategorie: Nachbar Frankreich

Mei Spróóch

Moselfränkisch – ein europäischer Dialekt

Karl der Große, wie ihn Albrecht Dürer 1513 sah. (gemeinfrei, https://de.wikipedia.org/wiki/Karl der Große#/media/File:Dürer karl der grosse.jpg

Als der kleine Karl, der später mal „der Große“ genannt werden sollte, sich im Jahr 755 beim Spielen auf dem elterlichen Anwesen einen Milchzahn ausschlug – was mag er da gerufen haben? „Homines sumus, non die“? Oder doch eher: „Droff geschass“ ? Vermutlich Letzteres, denn seine Muttersprache soll Fränkisch gewesen sein. Und der derbe Fluch – Übersetzung unnötig – findet sich bis heute im Wörterbuch des Moselfränkischen (moselfranken.hpage.de) Dieses Moselfränkisch wiederum ist ein Kind des Altfränkischen.

Wie man Altfränkisch angesichts eines ausgeschlagenen Zahns geflucht hat, wissen wir natürlich nicht. Schon gar nicht, was am Königshof der Eltern an derben Sprüchen erlaubt war. Moselfränkisch dagegen wird heute noch von rund drei Millionen Menschen im belgisch-deutsch-französischen-luxemburgischen Grenzraum gesprochen. Es gilt als einer der lebendigsten Dialekte Deutschlands. In Luxembourg ist es sogar eine der drei Nationalsprachen. Es hat Lehnwörter aus dem Keltischen (koa- Schubkarre), Lateinischen (Viez – vice vinum), Französischen (Pottmannee – Portemonnaie) und Jiddischen (Zores- Ärger). Das Motto ‚Mir schwätze Platt‘ ist also der Gebrauch eines historisch und regional tief europäisch geprägten Dialekts. Und Charlemagne ist gewissermaßen sein Urgroßvater.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Moselfrankisch.png

Dem Zugereisten allerdings kommt zuerst manches Spanisch vor. Dass ‚et‘ eine Frau meint, dass ‚nehmen‘ konsequent durch ‚holen‘ ersetzt wird (und einem bis heute niemand erklären kann, warum das so ist), dass ‚Bädseechersalat‘ Löwenzahnsalat ist, dass ein ‚Flappes‘ ein Spaßvogel ist, dass ein ‚ Laitsgeheier‘ eine Nervensäge ist u.v.m.(vgl. → moselfranken.hpage.de). Aber es ist ein, ja, manchmal fast märchenhafter Dialekt, weil er etwas altertümlich daher kommt, bildhaft und humorvoll ist und voller Lebensweisheiten steckt. (Der Autor schafft es an dieser Stelle nicht, auf die Erwähnung einer für Norddeutsche äußerst schwierigen Situation zu verzichten: Erstmals bei einer moselfränkischen Familie zu Gast, reicht der Hausherr nach einem guten Essen ein Tablett mit Hundsärsch mit den Worten herum ‚Ei, holle se sich doch enner runner!‘ – ‚Hier? Jetzt?‘ wird er entsetzt fragen und die Antwort erhalten ‚Jo, das dut gudd nach‘m Esse!‘.)

Das Überraschende ist: Die moselfränkisch sprechenden Saarländer hören es nicht sonderlich gerne, wenn man ihren Dialekt schätzt. Sprachlich gesehen, wären sie wohl lieber Hannoveraner oder Hamburger. Oder Bielefelder.

Glücklicherweise ändert sich das langsam wieder. Die Globalisierung bringt gerade in den Grenzregionen die Menschen wieder zu ihren Wurzeln zurück. Ein wunderbares Beispiel ist ein Lied des moselfränkischen Chansoniers Hans-Walter Lorang, der ‚Mosel-Fränkie‘ besingt das Moselfränkische so:

Mei Spròòch

Mei Spròòch, die is ganz äänfach

Mei Spròòch, die is nét schwer

Mei Spròòch, dat is en Stick von óus

Un eich schwätzen se gäär

Mei Spròòch hann se ma ginn

Die wo vor mir woar´n

Un gesaat: Paß gudd dróff óff

Sonschd geht se da valoar

Mei Spròòch braucht nét vill Werta

Se macht nét vill daher

Se saat dat wat se denkt

Doch dat heert nét jeder gäär

Mei Spròòch vasteht nét jeda

Nur der der wo aach maan

Nur dem der wo en Spròòch hat

Dem kann se ebbes saan

Mei Spròòch dat is óusa Land

Dat is da Boddem unna óusan Féiß

Mòòl schwer wie Lehm mòòl leicht wie Sand

Mòòl Felsen unn mòòl Gréiß

Mei Spròòch, die is ganz äänfach

Mei Spròòch, die is nét schwer

Mei Spròòch, dat is en Stick von óus

Un eich schwätzen se gäär

Mei Spròòch vasteht nét jeda

Nur der der wo aach maan

Nur dem der wo en Spròòch hat

Dem kann se ebbes saan

Mei Spròòch

(mit Erlaubnis des Autors; Text: Hans Walter Lorang  Musik: Richard Bauer. Mei Sprooch, 14 Lieder, CD, LEICO 8292, 1992)

(gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dialectes_de_Moselle.svg)

Am Beispiel des Moselfränkischen zeigt sich auch immer der Stand des politischen Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich: Dialekte waren in Frankreich nach der französischen Revolution nicht mehr wohlgelitten. Der französische Zentralismus verlangte – ab 1794 – eine einheitliche Sprache für die ganze Nation. Natürlich gingen die Regionalsprachen und –dialekte nicht unter. Die Kinder lernten und sprachen in der Schule Französisch und daheim ihren regionalen Dialekt. Für Lothringen war das Jahr 1871 sprachpolitisch eine Wende: Die Deutschen machten Deutsch 1872 zur Amtssprache und entsprechend erfolgte der Schulunterricht auch auf Deutsch.1918 – Lothringen war nun wieder französisch – kam eine erneute Wende. Wie zuvor der Gebrauch des Französischen wurde nun das Deutsch sprechen der Schüler streng bestraft .Für 22 Jahre war nun wieder Französisch Amts- und Schulsprache – bis 1940. Da ging es bis 1945 wieder anders herum, nunmehr war das Französische verboten, sein Gebrauch wurde streng bestraft. Nach Kriegsende griff wieder die restriktive französische Sprachpolitik, Deutsch und verwandte Dialekte verschwanden aus Schule und Politik. Das entsprach allerdings auch der politischen Großwetterlage: Zu gravierend waren die Folgen des Krieges und der deutschen Besatzung im Bewusstsein der Bevölkerung. Kaum ein Kind lernte in diesen Jahren von den Eltern oder Großeltern noch Platt.

Erfreulicherweise ändert sich das aber seit den 90er Jahren wieder, insbesondere das Platt – also der Dialekt – findet beiderseits der deutsch-französischen Grenze wieder alte und neue Freunde. So kann man sich nur wünschen, dass dieser warmherzige Dialekt seine grenzüberschreitende  Funktion neu erfüllen kann. Es ist ja: ‚Dieselwich Spròòch‘!

De Grenz

Daselwich Boddem

Dieselwich Stään

Dieselwich Hecken

Dieselwich Bääm

Daselwich Wénd

Daselwich Reen

Dieselwich Vichel

Die wo fléin

Von dò no héi

Von héi no dò

Dieselwich Spròòch

Dieselwich Fròh:

Wo is dann lò

En Grenz?

Grenzen

Hat da Mensch erfónn

Do kamma mòòl gesinn

Wie dómm

Der is.

(mit Erlaubnis des Autors, Text: Hans Walter Lorang  Musik: Richard Bauer.

Heer mòòl, 30 MússikGedichda, CD, LEICO 8803, 2017

Projekt ‚Steine an der Grenze‘, gemeinfrei; https://de.wikipedia.org/wiki/Steine_an_der_Grenze#/media/File:Schneider_Paul_Durchblick.jpg)

Fronkraisch?

„Steine an der Grenze“ zwischen dem Saarland und Lothringen.  Auf diesem Grenzweg werden die Spaziergänger zweisprachig begrüßt. (Foto: Volker Hildisch)

‚Nichts‘ – antworten Saarländer häufig, wenn man sie fragt, was denn das Französische an Ihrem Land sei. Der Zugezogene stutzt, ist er doch nicht selten eben wegen des französischen Flairs – ‚sarrois vivre‘ – hierher gezogen. Fremd- und Selbstwahrnehmung liegen offenbar weit auseinander.

Setzt man nach, hört man als Antwort, nach einem Moment des Nachdenkens: ‚Die Franzosen‘. Und das stimmt ja auch: Rund 18.000 Franzosen pendeln täglich zur Arbeit ein – die Großregion Saar-Lor-Lux ist immerhin der zweitgrößte grenzüberschreitende Arbeitsmarkt Europas. Und sie kommen als Kunden: Etwa ein Drittel ihres Umsatzes machen die grenznahen saarländischen Geschäfte mit ihnen.
Gut, also die Franzosen. Was noch? Die Befragten räumen ein: Zugegeben, die regionale Küche und die Freude an gutem Essen seien möglicherweise auch französisch beeinflußt. Nicht umsonst sagt der Volksmund hier, ‚Mir wisse, was gudd is‘ und ‚Hauptsache, gudd gess …‘. Es gibt auch ein noch überzeugenderes Argument: Nirgendwo in den Flächenstaaten der Republik ist die Zahl der Restaurants mit Michelin-Sternen pro Kopf so hoch wie im Saarland: 8 Sterne erleuchten das Land 2018 kulinarisch. 124.273 Saarländer pro Stern. Und als Dreingabe: Acht Bib Gourmandes – das ist schon mal eine Ansage.
Die Franzosen und ihre Küche – das soll wirklich alles sein? Der Zugereiste denkt: Frankreich hat doch, schon nach erstem Eindruck, so viel mehr Spuren im Saarland hinterlassen.

Da ist zum Beispiel die Architektur: Der berühmte Barock-Baumeister Friedrich-Joachim Stengel (1694-1787), beispielsweise, wurde von seinem Landesherrn Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken (1718-1768) nach Versailles geschickt – zum Studium der Architektur. Das hat sich in seinen zahlreichen Bauten im Saarland niedergeschlagen – wie etwa in der Gestaltung des wunderschönen Ludwigsplatzes in Saarbrücken. Oder die ehemalige französische Botschaft an der Saar, ein Bau des Le Corbusier-Freundes Georges-Henri Pingusson – bis heute ein architektonisches Schmuckstück der Stadt.

Oder das kulturelle Leben des Saarlandes: Die Franzosen haben die Schule für Kunst und Handwerk gegründet, aus der die Hochschule der Bildenden Künste hervorging. Desgleichen geht die Hochschule für Musik – 1947 nach Vorbild des ‚Conservatoire de Paris‘ gegründet – auf eine französische Initiative zurück. Schließlich die Universität des Saarlandes: Sie wurde 1947 als Außenstelle der ‚Université de Nancy‘ in Homburg gegründet. Alle drei prägen nach wie vor mit frankophilen Aktivitäten das kulturelle Leben des Landes.

Und heute? Es gibt die deutsch-französische Hochschule, eines von drei deutsch-französischen Gymnasien Deutschlands, rund 200 zweisprachige Kindergärten, mehr als in jedem anderen Bundesland. Französisch ist Pflichtfach in den Grundschulen, darüber hinaus existieren zahlreiche bilinguale Angebote an weiterführenden Schulen. Der Saarländische Rundfunk produziert – neben vielen allgemeinen medienpolitischen deutsch-französischen Aktivitäten – regelmäßig grenzüberschreitende Sendungen für Fernsehen (‚Wir im Saarland. Grenzenlos‘) und Hörfunk (u.a. Sendungen „Rendezvous Chanson“, „Voyages“, „HörspielZeit“ sowie das deutsch-französische Magazin „ici et là“).

Einrichtungen und Einflüsse zu Hauf, aber was kommt davon bei den Saarländern wirklich an? Also: Was ist das Französische an ihnen? Was dem Fremden zunächst auffällt, sind die vielen Familien mit französisch-wallonischen Wurzeln im Lande: Die Berangs, Commerçons, Deschamps, Detemples, Duponts, Grandmontagnes, Lafontaines, Villeroys. Sie und die anderen Saarländer verwenden bis heute zahlreiche Wörter, die aus dem Französischen stammen: Dussma (= ‚doucement‘), Flemm (= ‚avoir la flemme‘), Hissje (= ‚huissier‘), Kulong (= ‚couler‘), Plummo (= ‚plumeau‘), Pussieren (= ‚pousser‘), Schesselong (= ‚chaise longue‘), ‚Budding‘ (= ‚boudin‘). Der Saarländer ‚hat kalt‘ (j’ai froid‘), wenn er bei winterlichen Temperaturen ‚der Butter‘ (‚le beurre‘) kaufen will. Er und sie sagen ‚Merci‘ und ‚E gudden bonjour‘, aber niemals ‚Salu‘!

Und Saarländer kaufen gerne in Frankreich ein: Baguette, Fisch, Fleisch, Käse, Weine, Champagner und Crémant schmecken einfach besser, wenn man sie jenseits der Grenze gekauft hat. Saarländer wohnen, arbeiten und feiern in Orten mit französische Namen: Beaumarais, Picard, Saarlouis. Saarländer haben Häuser kurz hinter der Grenze und Ferienhäuser an den lothringischen Weihern, fliegen in einer Stunde vom Flughafen Metz/Nancy an die Côte d‘Azur oder fahren in einer Stunde und 50 Minuten mit dem TGV nach Paris. Sie feiern das deutsch-französische Festival der Bühnenkunst ‚Perspectives‘, das Festival“ Loostik“ mit deutschen und französischen Theaterstücken für Kinder, den Bal populaire am 14. Juli, die Fête de la Musique , das Weinfest Beaujolais Primeur – und die Siege der ‚equipe tricolore‘, wenn’s nicht gerade gegen die deutschen Jungs geht. Sie gehen in Forbach ins Theater ‚Carreau‘, nach Metz ins ‚Centre Pompidou‘ und nach Strasbourg auf den Weihnachtsmarkt. Spitze (südfranzösische) Zungen behaupten ferner, daß es in der Mode einen spezifischen Stil ‚sarro-lorraine‘ gäbe – mit allerlei bunten Schnällchen, Volants am ‚Hinnern‘ und glitzernden Pailletten. Auch hautenge Leggings erfreuen sich in allen Kleidergrößen und Altersgruppen großer Beliebtheit.

Ist das alles wirklich ‚Nichts‘? Sicher, nicht alle machen alles, es ist wohl eher so – je näher an der Grenze, je höher die formale Bildung, umso mehr. Und manches mag aufgesetzt, gar inszeniert sein. Aber auch darin zeigt sich ja eine besondere Note, denn die Inszenierungen sind eben französisch und nicht italienisch oder englisch oder sonst was.

So drängt sich der Gedanke auf, dass das Französische im Saarland längst assimiliert ist, gewissermaßen eingewachsen in die normale saarländische Identität. ‚Fronkraisch‘ ist – zumindest ein wenig – Alltag im Saarland. ‚Sarrois vivre‘ eben.

Anmerkung der Redaktion: Was ist Ihrer Meinung nach das Französische am Saarland? Schreiben Sie uns! 

Flucht aus Lothringen

Am 4. Juni 1919 stellt Berthe Grass, verwitwete Dietrich, einen Antrag auf „freiwillige Rück­führung“. Sie zieht mit ihren zwei Kindern weg aus Lothringen. Denn für die neuen, die französischen Behörden, ist Berthe, deren Vater aus Sachsen stammt, eine Deutsche, obwohl ihre Mutter aus Chalons kommt. Berthe gehörte zur „Klasse D“ – Angehörige eines verfeindeten Landes.

Bei der Familie des ebenfalls verstorbenen Gießers Adolphe Sebastian war die Sache noch komplexer. Auch Adolphe gehörte als Sohn eines „Rheinpreußen“ zur „Klasse D“, aber seine Frau, Catherine Brix, war eine erstklassige Lothringerin (Kategorie A), denn sie wurde vor 1871 als Kind französischer Eltern in Elsass-Lothringen geboren. Das war, bevor sich das deutsche Kaiserreich diese Gebiete einverleibte. Catherines Kinder hatten deshalb das Gütesiegel B (Kinder aus Mischehen), sie hätten bleiben können. Doch sie zogen weg, in die deutsche Heimat des Vaters, ins  Rheinland, das nach dem Krieg jedoch die Alliierten verwalteten, und waren dort unerwünschte Eingewanderte.

70 000 lothringische Menschen irrten durch dieses Nachkriegs-Nationalitäten-Labyrinth, bis 1921 verließen elf Prozent der Bevölkerung Elsass-Lothringen. Bereits im November 1918, direkt nach der „Befreiung“ durch die Franzosen, hatte es Diskriminierungen und Vertreibungen gegeben. Sie betraf Kriegswitwen mit Kindern, entlassene Arbeiter und Bedürftige. Man zwang diese „Deutschen“, ihr Zugticket selbst zu kaufen, verbot ihnen mehr als 30 kg Gepäck, und limitierte das Bargeld, das sie mitnehmen durften.

All dies sind historische Flüchtlings-Schicksale in unserer Region, es ist ein bisher kaum ausgeleuchtetes Kapitel der großregionalen Geschichte. Jetzt hat es das Bergarbeitermuseum in Petite-Rosselle (Musée les Mineurs Wendel) in Zusammenarbeit mit den Archiven des Départements Moselle zumindest mal angepackt, im Erinnerungsjahr 2018, hundert Jahre nach Ende des  Ersten Weltkrieges. Ein Riesenthema, das Riesenerwartungen weckt und das eine Riesen-Gemeinschaftsaufgabe für saarländische und lothringische Landesforscher und Museen hätte werden können.

Stattdessen wagte sich das finanzschwache Musée les Mineurs allein vor – das kann nur kläglich enden. Denn in Petite-Rosselle wird das Top-Sujet nicht wirklich besuchergerecht aufgearbeitet. Alle Infos sind auf zwölf zweisprachigen Wandtafeln zusammengepresst, die abfotografierte Dokumente zeigen. In einer einzigen (!) Vitrine finden sich Original-Exponate, das alles spielt in einem Durchgangsraum.

Wer ein museales Erlebnis erwartet, wird herb enttäuscht. Das muss gesagt sein, bevor man den Abstecher zum Parc Explor dennoch empfiehlt. Weil das neu Erforschte derart aufschlussreich ist, dass man sich gerne in die Texte auf den Tafeln vertieft. Das Material stammt überwiegend aus dem Hauptsitz der Archive des Départements in Saint-Julien-les-Metz, die in der Vitrine gezeigten Objekte wurden vom Verein „Ascomémo“ in Hagondange zur Verfügung gestellt, der sich der Erinnerung an die beiden Weltkriege widmet. Durch die Schau wird plötzlich eine kaum je gestellte Frage aufgeworfen: Wie erlebten die Lothringer ihr Deutschfranzosentum, wie formte sich ihre Identität im Hinundhergeworfensein zwischen zwei Nationen? Für das Saarland wurde dies intensiv beackert, maßgeblich durch das Historische Museum Saar. Das Saarland entstand eigentlich erst durch den Versailler Vertrag von 1919. Vor allem aber bekamen die Saarländer, die ab 1920 einen Sonderstatus genossen, 1935 die Wahl, ob sie „heim ins (deutsche) Reich“ wollten.

Die Lothringer wurden 1919 nicht gefragt, die „Grande Nation“ startete ganz selbstverständlich eine energische Repatriierung. Der große symbolische Moment der Wiedereingliederung erfolgte bereits kurz nach Kriegsende, am 8. Dezember 1918, durch eine Bereisung der Gebiete durch Staatspräsident Poincaré und Ministerpräsident Clemenceau. Offiziell herrschte Jubel, er prägte die französische Perspektive auf den Weltkrieg. Doch in Lothringen saßen die Verlierer. Sie waren nur Schemen. Erstmals sieht man sie klarer.

Saarbrücker Zeitung vom 15./16.09.2018, Seite B 4, mit Genehmigung der Autorin Cathrin Elss-Seringhaus

Öffnungszeiten: Dienstags bis sonntags neun bis 18 Uhr. Alle Präsentationen sind zweisprachig. Man spricht Deutsch.

 

Ein Schlachtfeld als Ort des Friedens: die Spicherer Höhen

Das ist die deutsch-französische Grenze auf den Spicherer Höhen bei Saarbrücken, von Deutschland aus gesehen, an einem Sommertag im Juli 2018. Wanderer passieren sie, Jogger laufen an ihr vorbei, Mountainbiker radeln über sie hin. Deutsche, Franzosen und Menschen von woanders. Manche grüßen kurz, die Franzosen eher als die Deutschen: ‚Bonjour‘, ‚Guten Morgen‘. Ein friedlicher Ort.

Man sieht ihm nicht an, dass hier am 06. August 1870 eine der drei großen Schlachten (Wissembourg, Wörth und Spicheren) zu Beginn des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 stattgefunden hat. 843 deutsche und 820 französische Soldaten waren am Abend dieses Tages tot. 3.656 deutsche und 1.662 französische Soldaten lagen verwundet in Lazaretten und Krankenhäusern.

Einer der Toten: Hauptmann Franz Mudrack, auf dem breiten Wanderweg von zwei Kugeln tödlich in die Brust getroffen. Hinterließ er eine verzweifelte Kriegerwitwe, die um ihn trauerte? Weinende Kinder, die fortan am Sedantag an ihn denken mußten?

Unter den Opfern auf französischer Seite: Capitaine Charles Auguste de Beurmann, 1829 im elsässischen Wissembourg geboren, wenige Kilometer von der deutsch-französischen Grenze:

Was hat seine Mutter gefühlt, als sie der Brief mit der Todesnachricht erreichte, was seine Freunde?

Besonders absurd: Der Sterbeort des preußischen Generalmajors Bruno Hugo Karl Friedrich von François. Der Name sagt es: Er stammte aus einer normannischen Hugenottenfamilie, die nach der Widerrufung des Edikts von Nantes 1685 nach Deutschland gekommen war.  Fast schon am Ende der Schlacht, um 16.00 Uhr, wurde er von französischen Scharfschützen getroffen. Seine letzten Worte sollen gewesen sein:  „Es ist doch ein schöner Tod auf dem Schlachtfelde; ich sterbe gern, da ich sehe, dass das Gefecht vorwärts geht.“

(Von Gio von Gryneck – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14689098)

Der Anderen wird gedacht, mit pompösen Denkmälern, wie diesem für das Niederrheinische Füsilier-Regiment Nr. 39, gestiftet von ihren Regimentern, bis 1918 jedes Jahr geschmückt, gepflegt und befeiert:

Auch die Franzosen haben ein Denkmal für Ihre 1870 gefallenen Soldaten errichtet:

Insgesamt 7.000 Menschen und ihren Familien hat der 06. August 1870 Leiden und Tod gebracht.

Und heute? Deutsche und Franzosen treffen sich beim „Woll“, einem Restaurant direkt hinter der Grenze, auf der französischen Seite. Man spricht Deutsch (auch die Eigentümer sind Deutsche) und Französisch, Saarländisch und Platt, man isst „Flamm“ (-kuchen), trinkt einen Riesling, wer mag, bekommt auch Froschschenkel, und man schaut in die friedliche lothringisch-saarländische Landschaft.

‚Jeder Schuß‘ ein Russ, jeder Stoß ein Franzos‘ – längst vorbei, längst vergessen. Auch die beiden Weltkriege sind Geschichte, noch im Bewusstsein der Menschen und auf den Spicherer Höhen präsent, aber im Alltag kaum noch zu spüren. Das zeigt ein erst im Mai 1997 aufgestellter, von amerikanischen Veteranen gestifteter M 24 Chaffee Panzer: Dass er nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, wurde deutlich, als Unbekannte die Kanone mehrfach rosa anmalten. Wem das Denkmal zu martialisch ist, der möge aber daran denken, dass die Amerikaner am 21. Februar 1945 als Befreier nach Spicheren kamen. Sicherlich ist es auch eine versöhnliche Geste der Gemeindeverwaltung gegenüber den deutschen Nachbarn, den Panzer mit einer nach Frankreich gerichteten Kanone aufgestellt zu haben.

Die Menschen hier sind inzwischen gute europäische Nachbarn geworden, man respektiert sich, mag sich und geht sich gelegentlich auf die Nerven. Saarländisch-lothringische Normalität, so wohl nirgendwo in Deutschland zu erleben. Vergessen wir aber nie, wenn wir – nun von der französischen Seite aus gesehen – über diese Grenze wandern, joggen oder radeln: Wo am 06. August 1870 Deutsche und Franzosen einander umbrachten, ist nunmehr seit 73 Jahren Frieden!

Ein Champagnerhotel mit wechselvoller Geschichte

Foto © Volker Hildisch

Ein Hotel, das man nicht buchen kann? – Davon gibt es weltweit nicht so viele. Eines davon liegt in der Rue du Temple in Reims, gegenüber der Firmenzentrale des Champagnerhauses „Veuve Cliquot“, hinter einer Mauer in einem gepflegten Park. Das Haus spiegel auf eine besondere Art die deutsch-französische Geschichte wider.

Hier im „Hôtel du Marc“ (→ veuveclicquot.com ) können nur Freunde, Familie und Geschäftspartner des Unternehmens übernachten. Kunden von booking.com müssen leider draußen bleiben. Manchmal werden die Gäste sogar mit dem „Veuve Cliquot“-Bentley vom TGV-Bahnhof abgeholt. Da er im Kofferraum über ein Picknick-Set mit Flaschenhaltern und –Kühlern (natürlich für den hauseigenen Champagner) verfügt, eignet er sich auch für Überlandtouren durch die Weinberge der Champagne.

Foto © Volker Hildisch

Das 1840 gebaute Haus gehört einem Unternehmen, das die kühne Geschäftsfrau Barbe-Nicole Cliquot-Ponsardin weltweit berühmt gemacht hat. Heute ist es im Besitz des Branchenführers der Luxusgüterindustrie LVMH, zu dem auch die Champagnerfirmen Moet & Chandon, Ruinart, Mercier, Dom Perignon und Krug gehören. Das Grundstück hatte die Witwe ihrem einstigen Lehrling und späterem Partner Eduard Werlé geschenkt.

Foto © Volker Hildisch

Werlé, 1801 in Wetzlar geboren, kam wie so viele Deutsche in die Champagne, um dort sein berufliches Glück zu finden. Landsleute wie William Deutz und Peter Geldermann aus Aachen, Johann-Joseph Krug aus Mainz oder Joseph Bollinger aus Ellwangen handelten zunächst mit Wein, gründeten dann aber in der boomenden Branche schnell ihre eigenen Champagnerhäuser, die bis heute bestehen – wenn auch nicht mehr alle in Familienbesitz.

Foto © Volker Hildisch

Werlé, Sohn eines deutschen Posthalters, machte dagegen im Hause Veuve Cliquot-Ponsardin schnell Karriere. Schon nach kurzer Zeit übernahm er die Leitung der Kellerei, wurde Betriebsleiter und bereits 1831 Teilhaber. Er heiratete eine Französin, wechselte die Staatsangehörigkeit, wurde Bürgermeister von Reims, Präsident der Handelskammer und Deputierter im Parlament. Schließlich vermachte Barbe-Nicole Cliquot-Ponsardin ihm das Unternehmen. Auf dem Grundstück, das sie ihm zuvor geschenkt hatte, baute Eduard Werlé ein Haus für seine Familie, das heutige „Hotel du Marc“.

Im 1. Weltkrieg wurde es durch die Deutschen, die Reims zu 60 Prozent in Schutt und Asche legten, von zahlreichen Geschossen getroffen. Im 2. Weltkrieg suchte sich Otto Klaebisch, der Sonderbeauftragte der deutschen Besatzer, das Hotel du Marc als seinen Dienstsitz aus. Klaebisch, Schwager von Außenminister Ribbentrop und Schwiegersohn des Sektfabrikanten Otto Henkell, sorgte als „Weinführer“ dafür, dass von 1941 bis Ende des Krieges rund 80 Millionen Flaschen Champagner zu Dumpinpreisen an das Naziregime geliefert wurden.

Wer sich dagegen auflehnte oder versuchte, den Besatzer minderwertige Ware anzudrehen, wurde mit Arbeitslager, KZ  oder Todesstrafe bedroht.

Foto © Volker Hildisch

Heute erstrahlt das Hotel Marc in neuem Glanz. Die alten Einschusslöcher in der Hauswand sieht man zwar noch. Aber ansonsten ist alles vom Feinsten restauriert. Der Luxusgüterkonzern LVMH hat richtig viel Geld in die Hand genommen. Dafür wurden zahlreiche Künstler und Designer engagiert. Andrée Putmann hinterließ bei der Gestaltung der nur sechs Gästezimmer seine Handschrift ebenso wie Karim Rashid, Tom Dixon und Mathieu Lehanneur. Einer der Räume ist in Eisblau gestaltet – eine Referenz an Russland, wohin Veuve Cliquot ihre ersten Champagner exportierte. Die Farbe im Treppenhaus orientiert sich am Ton des Pinot Noir-Rebensaftes. Die Eingangshalle ziert ein riesiger Kronleuchter von Issey Miyake. In den Gesellschaftsräumen werden die besten Champagner des Hauses Veuve Cliquot verkostet. Und überall ist in Bildern die Witwe Cliquot zu sehen.

Foto © Volker Hildisch

Wer das Hotel du Marc besichtigen will, muss schon den exklusiven Dienst des Hauses Veuve Cliquot in Anspruch nehmen (→ visitscenter@veuve-clicquot.com). Ob man dann auch im Bentley abgeholt wird, ist dem Autor nicht bekannt. Der konnte das Hotel du Marc im Zuge einer Recherche für einen Fernsehfilm besichtigen. Darin geht es – wie oben angesprochen – um die speziellen französisch-deutschen Beziehungen beim Thema Champagner. Aus dem anfänglichen Miteinander wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen den französischen Champagnerherstellern und den deutschen Sekthäusern um das Markenrecht. Erst im Versailler Vertrag von 1919 konnten die Champagnerwinzer ihre Ansprüche besiegeln lassen. Viele deutsche Sekthäuser mit Niederlassungen in der Champagne und in Lothringen mussten Frankreich verlassen.

Einen Besuch ist Reims (zweieinhalb Stunden Autofahrt ab Saarbrücken → reims-tourisme.com) aber nicht nur wegen der vielen Champagnerhäuser wert, sondern weil die Stadt über Jahrhunderte im Zentrum europäischer Geschichte stand und dafür viele sehenswerte Zeugnisse bietet. Im Mittelpunkt natürlich ein gotisches Meisterwerk, die Kathedrale Notre-Dame, so etwas wie ein französisches Nationalheiligtum.

Foto © Volker Hildisch

Foto © Volker Hildisch


Seit dem Jahr 816 wurden hier fast alle französischen Könige gekrönt. Ein Grund, weshalb die deutschen Truppen im ersten Weltkrieg nicht nur die Stadt zu 60 Prozent in Schutt und Asche legten, sondern auch speziell die Kathedrale im Visier der Artillerie hatten. Nach dem 2. Weltkrieg wurde sie wiederum zum Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung, als Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer hier am 8. Juli 1962 demonstrativ an einer Messe teilnahmen. Ein Ort, dessen Architektur und dessen Aura den Besucher nicht unbeeindruckt lassen.

Zu Besuch bei Guy de Maupassant

© C. Spurk (2)

1648A: Wer diesen Code eintippt, betritt einen verzauberten Ort: Ein Gitter öffnet sich, gibt den Weg auf eine kleine Straße frei. Am Ende des Sträßchens liegt ein romantisch verwilderter Garten, dahinter die ‚Bastide du Bosquet‘ – ein französischer Gutshof aus dem 18. Jahrhundert. Seit 1993 ist er ein Hotel in Antibes mit vier Chambres d‘ Hôtes, voller alter Möbel, Gemälde und mit dem anheimelnden Holzgeruch eines alten Hauses.

Was die Bastide so bedeutsam macht, ist ein Besuch von Guy de Maupassant im Jahr 1886. Dort blieb der 36jährige, inzwischen erfolgreiche Schriftsteller den Winter über und schrieb: Den Roman „Mont Oriol“ und mehrere Novellen, darunter „Madame Parisse“:

„Ich saß auf der Mole des kleinen Hafens Obernon bei der Ortschaft La Salis, um hinter Antibes die Sonne untergehen zu sehen. Etwas so Wunderbares und Schönes hatte ich noch nie erblickt“. (→ weblitera.com – „Madame Parisse“)

Guy de Maupassant (1850 – 1893)

Ein sozialer Grenzgänger war er, aufgestiegen vom kleinen Beamten bis zum wohlhabenden Autor. So, wie der Unteroffizier Georges Duroy, der Protagonist seines wohl bekanntesten Romans ‚Bel Ami‘. Wer dem Geist der Zeit am Vorabend des ‚Fin de siècle‘ nachspüren will, kann in Maupassants ehemaligen Zimmer übernachten. Es ist das schönste Zimmer des Hauses. Furchtsame Naturen sollten jedoch den Raum darunter nehmen, denn de Maupassant spukt von Zeit zu Zeit noch in seinem damaligen Zimmer, auf der Suche nach einem verlegten Manuskript.

 


Ansonsten ließe sich noch über die Bastide anfügen: Gut und ruhig gelegen, sehr liebenswürdige und hilfsbereite Gastgeber, ein wunderbares französisches Frühstück mit exzellentem Baguette vom nahen Boulanger, eine kleine Bibliothek (→ lebosquet06.com).

In drei Minuten Entfernung das sehr empfehlenswerte Restaurant ‚La Brasserie de L‘Ilette‘ und als Geheimtip zum Besichtigen: Nein, nicht das Picasso-Museum, sondern das dem Zeichner der ‚les amoureux‘ gewidmete ‚Musée Peynet et du Dessin humoristique‘: Stilles Schmunzeln und lautes Lachen sind garantiert.

Für Saarländer, Pfälzer und Badenser sei noch hinzugefügt, daß man mit der Tochtergesellschaft der Air France, HOP, in einer Stunde Flugzeit von Straßburg (im Sommer auch von Metz/Nancy) nach Nizza kommt. Also durchaus mal ein verlängertes Wochenende wert. Aber nur mit dem Roman ‚Mont Oriol‘ im Gepäck!

Verdun – eine Mahnung an Europa

Beinhaus

Es ist diese Stille, die einem inmitten der Gräberreihen unterhalb des Beinhauses von Douaumont sofort auffällt. An diesem Frühsommertag im Jahr 2016 auf dem Schlachtfeld von Verdun, auf dem rund 16.000 französische Soldaten ruhen, weht nur ein leichter Wind über die gepflegten Rasenflächen zwischen den unzähligen Kreuzen. Der Besucherandrang und somit auch der Verkehr halten sich in Grenzen. Auffallend viele Jugendliche sind gekommen.

Zum ersten Mal bin ich vor 40 Jahren über die Schlachtfelder von Verdun und durch das alte Gebeinhaus mit noch offenen Kammern voller Knochen gegangen, getrieben von Erzählungen meines Großvaters, der von Westfalen aus in den Krieg gegen den „Erzfeind“ geschickt wurde und nur Dank einer Verwundung überlebte. Ich bin überrascht, wie gepflegt und mit Erklärungsschildern versehen sich diese an einen Park erinnernden Flächen heute präsentieren. Im Krieg zogen sich kilometerlange Schützengräben und tiefe Granattrichter über die Höhenzüge östlich von Verdun. Wo ab Februar 1916 der Wald durch hunderttausende von Einschlägen in Kleinholz zerlegt wurde, holen sich jetzt das Grün und die Bäume die Hügel immer mehr zurück. Zum „Jubiläumsjahr“ haben Franzosen und Deutsche in gemeinsamer Anstrengung zudem viel unternommen, um gebührend an die monatelangen Stellungskämpfe vor hundert Jahren zu erinnern, die auf französischer und deutscher Seite insgesamt rund 300.000 Tote und mehr als 400.000 Verletzte forderten.

Wenige Kilometer unterhalb des Beinhaues ist das neue „Memorial de Verdun“ entstanden, Anfang des Jahres 2016 eröffnet vom französischen Staatspräsidenten Hollande und der deutschen Bundeskanzlerin Merkel. Der Höllen-Schlachtlärm, den man im Mittelpunkt dieser rund 2000 Quadratmeter großen und architektonisch relativ schlichten Erinnerungsstätte vor einer so genannten Scenographie des Kampfgeschehens per Kopfhörer auf die Ohren kriegt, steht im krassen Gegensatz zur Stille draußen. Lässt aber erahnen, wie es damals zugegangen sein muss bei diesem sinnlosen und sich über Monate hinziehenden Gemetzel um wenige Meter Bodengewinn für die eine oder andere Seite. Neun Dörfer wurden dabei komplett ausgelöscht, durch einige kann man heute hindurchwandern, wobei einzelne Stehlen daran erinnern, wo einmal das Pfarrhaus, die Schule oder die Bäckerei standen.

Die Ausstellung hier will nicht nur verständlich machen, was diese Schlacht für die an ihr beteiligten Menschen bedeutet haben. Sondern durch Einbettung in die historischen Zusammenhänge auch klar machen, dass der massenhafte Tod in „modernen“ Kriegen nicht mehr auf die Schlachtfelder begrenzt ist. Will Anknüpfungspunkte suchen zu den Konflikten und Kriegen, die danach bis heute folgten. Ein Ansatz, den man angesichts von Syrienkrieg und Flüchtlingskatastrophe hundert Jahre danach nur all‘ zu gut nachvollziehen kann. Und der den Besuch auf den Schlachtfeldern von Verdun mit der Erkenntnis entlohnt, dass das nach 1945 geschaffene vereinte Europa ein einzigartiges Friedensprojekt war und ist. Da sieht man dann auch schon mal darüber hinweg, dass die regionale Tourismusorganisation den „Gedenktourismus“ geradezu gnadenlos vermarktet, von Event-Shows bis hin zum Schlachtfeld-Marathon.

Übernachtungsempfehlung: Wer nicht in Verdun übernachten möchte, dem sei die „Hostellerie du Chateau des Monthairons“ im Weiler Les Monthairons rund 30 Kilometer südlich von Verdun empfohlen. Das Schloss mit einem riesigen Park liegt direkt an der Maas und verfügt über ein eigenes Restaurant. Doppelzimmer ab 110 €. Das Publikum ist europäisch.