Verlag: J.G. Seume Blog

Mei Spróóch

Moselfränkisch – ein europäischer Dialekt

Karl der Große, wie ihn Albrecht Dürer 1513 sah. (gemeinfrei, https://de.wikipedia.org/wiki/Karl der Große#/media/File:Dürer karl der grosse.jpg

Als der kleine Karl, der später mal „der Große“ genannt werden sollte, sich im Jahr 755 beim Spielen auf dem elterlichen Anwesen einen Milchzahn ausschlug – was mag er da gerufen haben? „Homines sumus, non die“? Oder doch eher: „Droff geschass“ ? Vermutlich Letzteres, denn seine Muttersprache soll Fränkisch gewesen sein. Und der derbe Fluch – Übersetzung unnötig – findet sich bis heute im Wörterbuch des Moselfränkischen (moselfranken.hpage.de) Dieses Moselfränkisch wiederum ist ein Kind des Altfränkischen.

Wie man Altfränkisch angesichts eines ausgeschlagenen Zahns geflucht hat, wissen wir natürlich nicht. Schon gar nicht, was am Königshof der Eltern an derben Sprüchen erlaubt war. Moselfränkisch dagegen wird heute noch von rund drei Millionen Menschen im belgisch-deutsch-französischen-luxemburgischen Grenzraum gesprochen. Es gilt als einer der lebendigsten Dialekte Deutschlands. In Luxembourg ist es sogar eine der drei Nationalsprachen. Es hat Lehnwörter aus dem Keltischen (koa- Schubkarre), Lateinischen (Viez – vice vinum), Französischen (Pottmannee – Portemonnaie) und Jiddischen (Zores- Ärger). Das Motto ‚Mir schwätze Platt‘ ist also der Gebrauch eines historisch und regional tief europäisch geprägten Dialekts. Und Charlemagne ist gewissermaßen sein Urgroßvater.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Moselfrankisch.png

Dem Zugereisten allerdings kommt zuerst manches Spanisch vor. Dass ‚et‘ eine Frau meint, dass ‚nehmen‘ konsequent durch ‚holen‘ ersetzt wird (und einem bis heute niemand erklären kann, warum das so ist), dass ‚Bädseechersalat‘ Löwenzahnsalat ist, dass ein ‚Flappes‘ ein Spaßvogel ist, dass ein ‚ Laitsgeheier‘ eine Nervensäge ist u.v.m.(vgl. → moselfranken.hpage.de). Aber es ist ein, ja, manchmal fast märchenhafter Dialekt, weil er etwas altertümlich daher kommt, bildhaft und humorvoll ist und voller Lebensweisheiten steckt. (Der Autor schafft es an dieser Stelle nicht, auf die Erwähnung einer für Norddeutsche äußerst schwierigen Situation zu verzichten: Erstmals bei einer moselfränkischen Familie zu Gast, reicht der Hausherr nach einem guten Essen ein Tablett mit Hundsärsch mit den Worten herum ‚Ei, holle se sich doch enner runner!‘ – ‚Hier? Jetzt?‘ wird er entsetzt fragen und die Antwort erhalten ‚Jo, das dut gudd nach‘m Esse!‘.)

Das Überraschende ist: Die moselfränkisch sprechenden Saarländer hören es nicht sonderlich gerne, wenn man ihren Dialekt schätzt. Sprachlich gesehen, wären sie wohl lieber Hannoveraner oder Hamburger. Oder Bielefelder.

Glücklicherweise ändert sich das langsam wieder. Die Globalisierung bringt gerade in den Grenzregionen die Menschen wieder zu ihren Wurzeln zurück. Ein wunderbares Beispiel ist ein Lied des moselfränkischen Chansoniers Hans-Walter Lorang, der ‚Mosel-Fränkie‘ besingt das Moselfränkische so:

Mei Spròòch

Mei Spròòch, die is ganz äänfach

Mei Spròòch, die is nét schwer

Mei Spròòch, dat is en Stick von óus

Un eich schwätzen se gäär

Mei Spròòch hann se ma ginn

Die wo vor mir woar´n

Un gesaat: Paß gudd dróff óff

Sonschd geht se da valoar

Mei Spròòch braucht nét vill Werta

Se macht nét vill daher

Se saat dat wat se denkt

Doch dat heert nét jeder gäär

Mei Spròòch vasteht nét jeda

Nur der der wo aach maan

Nur dem der wo en Spròòch hat

Dem kann se ebbes saan

Mei Spròòch dat is óusa Land

Dat is da Boddem unna óusan Féiß

Mòòl schwer wie Lehm mòòl leicht wie Sand

Mòòl Felsen unn mòòl Gréiß

Mei Spròòch, die is ganz äänfach

Mei Spròòch, die is nét schwer

Mei Spròòch, dat is en Stick von óus

Un eich schwätzen se gäär

Mei Spròòch vasteht nét jeda

Nur der der wo aach maan

Nur dem der wo en Spròòch hat

Dem kann se ebbes saan

Mei Spròòch

(mit Erlaubnis des Autors; Text: Hans Walter Lorang  Musik: Richard Bauer. Mei Sprooch, 14 Lieder, CD, LEICO 8292, 1992)

(gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dialectes_de_Moselle.svg)

Am Beispiel des Moselfränkischen zeigt sich auch immer der Stand des politischen Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich: Dialekte waren in Frankreich nach der französischen Revolution nicht mehr wohlgelitten. Der französische Zentralismus verlangte – ab 1794 – eine einheitliche Sprache für die ganze Nation. Natürlich gingen die Regionalsprachen und –dialekte nicht unter. Die Kinder lernten und sprachen in der Schule Französisch und daheim ihren regionalen Dialekt. Für Lothringen war das Jahr 1871 sprachpolitisch eine Wende: Die Deutschen machten Deutsch 1872 zur Amtssprache und entsprechend erfolgte der Schulunterricht auch auf Deutsch.1918 – Lothringen war nun wieder französisch – kam eine erneute Wende. Wie zuvor der Gebrauch des Französischen wurde nun das Deutsch sprechen der Schüler streng bestraft .Für 22 Jahre war nun wieder Französisch Amts- und Schulsprache – bis 1940. Da ging es bis 1945 wieder anders herum, nunmehr war das Französische verboten, sein Gebrauch wurde streng bestraft. Nach Kriegsende griff wieder die restriktive französische Sprachpolitik, Deutsch und verwandte Dialekte verschwanden aus Schule und Politik. Das entsprach allerdings auch der politischen Großwetterlage: Zu gravierend waren die Folgen des Krieges und der deutschen Besatzung im Bewusstsein der Bevölkerung. Kaum ein Kind lernte in diesen Jahren von den Eltern oder Großeltern noch Platt.

Erfreulicherweise ändert sich das aber seit den 90er Jahren wieder, insbesondere das Platt – also der Dialekt – findet beiderseits der deutsch-französischen Grenze wieder alte und neue Freunde. So kann man sich nur wünschen, dass dieser warmherzige Dialekt seine grenzüberschreitende  Funktion neu erfüllen kann. Es ist ja: ‚Dieselwich Spròòch‘!

De Grenz

Daselwich Boddem

Dieselwich Stään

Dieselwich Hecken

Dieselwich Bääm

Daselwich Wénd

Daselwich Reen

Dieselwich Vichel

Die wo fléin

Von dò no héi

Von héi no dò

Dieselwich Spròòch

Dieselwich Fròh:

Wo is dann lò

En Grenz?

Grenzen

Hat da Mensch erfónn

Do kamma mòòl gesinn

Wie dómm

Der is.

(mit Erlaubnis des Autors, Text: Hans Walter Lorang  Musik: Richard Bauer.

Heer mòòl, 30 MússikGedichda, CD, LEICO 8803, 2017

Projekt ‚Steine an der Grenze‘, gemeinfrei; https://de.wikipedia.org/wiki/Steine_an_der_Grenze#/media/File:Schneider_Paul_Durchblick.jpg)

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‚Meine Kunst lasse ich nicht‘

  1. Mai Spróóch:-) In unserer Familienrunde haben wir uns sehr über den Artikel amüsiert. Vielen Dank dafür!!!
    Ich bin froh Saarländerin zu sein. Denn nirgendwo ist es möglich „sich das Leben zu holen“und nicht „sich das Leben zu nehmen“.
    Liebe Grüße

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