Verlag: J.G. Seume Blog

Kreativitätsspritze für Hannover

„Non(n)sens“ heißt das Musical, dass Theaterregisseur Gerhard Weber am 28.September in Hannover zum ersten Mal auf die Bühne bringt und dafür gleich auch noch eine neue Gesellschaft mitbegründet, die „Musical-Factory-Hannover“. Kein großer Theaterbau, sondern ein Möbelhaus mit kulturellem Anstrich ist als Aufführungsort auserkoren. Weber, 1950 in Hannover geboren, ist nach seiner Ausbildung am Max-Reinhard-Seminar in Wien, Stationen als Regieassistent bei Claus Peymann in Stuttgart, an den Theaterhäusern in Krefeld, Saarbrücken, Hannover und Trier endgültig wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Damit nicht genug, hat er in den vergangenen Monaten auch noch ein Buch über Hannover geschrieben, das im Herbst im Seume-Verlag erscheinen wird: „Hunde bitte an die Leine zu führen“. Gleich mehrere Anlässe, um mit dem umtriebigen Theatermann, der Niedersachsens Landeshauptstadt mal wieder eine Attraktivitätsspritze verpassen möchte, ein Gespräch zu führen.

Nach einer Wanderschaft durch deutschsprachige Bühnen mit rund einhundert Inszenierungen sind Sie wieder in Ihrem Geburtsort Hannover zurückgekehrt. Schon bald darauf heben Sie mit einem Musical ein neues Projekt aus der Taufe. Wie entstand diese Idee?

Die Idee entstand zusammen mit meiner Kollegin Julia Goehrmann, Geschäftsführerin der MFH, aus den frischen Eindrücken nach der Rückkehr nach nunmehr zwei Jahren in meine Heimatstadt Hannover. Diese Art Theater fehlt und wir nehmen beim hiesigen Publikum einen großen Bedarf nach qualitätsvoller Unterhaltung wahr.

Produzentin Julia Goehrmann (Mitte) und der künstlerische Leiter der Musical Factory Hannover (MFH) Gerhard Weber freuen sich gemeinsam mit Sylvia Sobbek, Geschäftsführerin des SofaLoft (r.) über die erste Produktion.

Das Ganze findet nicht in einem Theatergebäude oder einer großen Veranstaltungshalle statt, sondern in einem Möbelhaus, das sich selbst als größtes Wohnzimmer Hannovers bezeichnet. Kann sich Ihr Vorhaben so auf Dauer tragen?

Wir gehen davon aus, dass wir, mit kraftvoller Unterstützung von Sponsoren sowie der großzügigen Hilfe durch die Hannover-Marketing- Tourismus- Gesellschaft, mit der Neugierde und Offenheit und dem ausreichenden Zuspruch des hannoverschen Publikums sowie dem großen Wohlwollen der Geschäftsführung des „Sofalofts“ ((→ sofaloft.de) , wie geplant jeweils zwei Produktionen pro Jahr spielen werden.

Wenn Sie in Hannover ein Musicaltheater aufmachen wollen, treten Sie in Konkurrenz zu etablierten Großveranstaltern, z.B. in Hamburg. Was möchten Sie anders machen?

Ich setze sehr auf die Intimität dieses einzigartigen Spielortes in der hannoverschen Südstadt mit der unmittelbaren Nähe des Zuschauers zu den Darstellern. Das können „die Großen“ in Hamburg nicht bieten.

Wie blicken Sie heute auf Hannover? Ist das noch die verschnarchte Landeshauptstadt eines Agrar- und Küstenlandes, wie Spötter gerne sagen?

Nein, ganz und gar nicht. Durch die Stadt Hannover ist spätestens mit der EXPO 2000 ein großer kreativer Ruck gegangen, der meiner Meinung nach immer noch anhält. Gleichwohl tut der Stadt und ihren Bewohnern ab und an eine frische „Kreativitätsspritze“ sehr gut!

Buchcover-Hannover-literarische-Spaziergaenge

„Hunde bitte an die Leine zu führen“ von Gerhard Weber

Kurz nach der Premiere Ihres Musical-Projekts erscheint im Seume-Verlag ein Buch von Ihnen über Hannover unter dem Titel „Hunde bitte an die zu Leine führen“. Wie kam das zustande und was darf man davon erwarten?

Es entstand noch in meiner Zeit als Intendant des Theaters Trier ein interessanter Kontakt durch Saarbrücker Freunde und Bekannte zu Prof. Peter Winterhoff- Spurk, der nach einem Theaterbesuch in Trier und bei anschließendem Mosel- Riesling in einem nahen Weinhaus mit der Frage an mich herantrat, ob ich mir nach meiner Verabschiedung als Intendant vorstellen könne, ein Buch über meine Heimatstadt zu schreiben. Dem stimmte ich sofort zu.

Was ist anders im Norden Deutschlands als im Südwesten und Westen, wo Sie lange tätig waren? Kann man signifikante kulturelle Unterschiede feststellen?

Die Art des Norddeutschen ist in der Tat zunächst einmal reservierter, die der Menschen im Südwesten ist offener, gesprächsbereiter und mehr den Genüssen des Lebens, und so letztendlich auch dem Theater, zugewandt. Letzteres habe ich gerade an den Trierern und Saarbrückern, seien sie in ihrer Art noch so unterschiedlich, immer sehr gemocht.

Wie blicken Sie auf die Zeit in Saarbrücken zurück?

An Saarbrücken knüpfen sich wohl die meisten privaten und beruflichen Erinnerungen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich dort ab 1978 als blutjunger Noch-Assistent Claus Peymanns unter den Direktionen von Wilkit Greuel und Lothar Trautmann meine ersten wilden Inszenierungen beisteuern durfte. Sowohl im ehemaligen Kammertheater, dann in einer improvisierten Aussenspielzeit im „Stiefel“ als auch erste Inszenierungen in der damals frisch eröffneten Alten Feuerwache mit Savarys „Weihnachten an der Front“. Das war eine sehr lebendige Zeit in Saarbrücken, die dann nochmals durch die Intendanz von Kurt- Josef Schildknecht, unter dem ich sieben Jahre Oberspielleiter des Schauspiels war, einen ungeheuren Aufwind bekam. Als Regisseur schätzte ich besonders eben den Spielort der Alten Feuerwache, weil man ihn den jeweiligen Anforderungen der Regiekonzeption anpassen konnte, so dass er sich dem Publikum als überall zu bespielende Raumbühne, wie bei meiner Inszenierung in der Punk-Adaption des Shakespeare – Klassikers „Troilus und Cressida“ (mit dem jungen Sven Sorring in der Hauptrolle und der Saarbrücker Band „Black Eyes Blonde“) präsentieren konnte. Und dann wieder als Guckkastenbühne für Klassikerinszenierungen von mir wie Kleists „Käthchen von Heilbronn“ oder Sternheims „Bürger Schippel“.

Zurück

Buchtipp: Vom Ende der Einsamkeit

Weiter

US-Präsident Eisenhower doch ein Saarländer?

  1. Sehr sehr gute Empfehlung. Danke für den tollen Beitrag.
    Wünsche euch alles Gute und Liebe Grüße.

Schreiben Sie einen Kommentar