Verlag: J.G. Seume Blog

Autor: Volker Hildisch (Page 1 of 2)

Ein Champagnerhotel mit wechselvoller Geschichte

Foto © Volker Hildisch

Ein Hotel, das man nicht buchen kann? – Davon gibt es weltweit nicht so viele. Eines davon liegt in der Rue du Temple in Reims, gegenüber der Firmenzentrale des Champagnerhauses „Veuve Cliquot“, hinter einer Mauer in einem gepflegten Park. Das Haus spiegel auf eine besondere Art die deutsch-französische Geschichte wider.

Hier im „Hôtel du Marc“ (→ veuveclicquot.com ) können nur Freunde, Familie und Geschäftspartner des Unternehmens übernachten. Kunden von booking.com müssen leider draußen bleiben. Manchmal werden die Gäste sogar mit dem „Veuve Cliquot“-Bentley vom TGV-Bahnhof abgeholt. Da er im Kofferraum über ein Picknick-Set mit Flaschenhaltern und –Kühlern (natürlich für den hauseigenen Champagner) verfügt, eignet er sich auch für Überlandtouren durch die Weinberge der Champagne.

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Das 1840 gebaute Haus gehört einem Unternehmen, das die kühne Geschäftsfrau Barbe-Nicole Cliquot-Ponsardin weltweit berühmt gemacht hat. Heute ist es im Besitz des Branchenführers der Luxusgüterindustrie LVMH, zu dem auch die Champagnerfirmen Moet & Chandon, Ruinart, Mercier, Dom Perignon und Krug gehören. Das Grundstück hatte die Witwe ihrem einstigen Lehrling und späterem Partner Eduard Werlé geschenkt.

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Werlé, 1801 in Wetzlar geboren, kam wie so viele Deutsche in die Champagne, um dort sein berufliches Glück zu finden. Landsleute wie William Deutz und Peter Geldermann aus Aachen, Johann-Joseph Krug aus Mainz oder Joseph Bollinger aus Ellwangen handelten zunächst mit Wein, gründeten dann aber in der boomenden Branche schnell ihre eigenen Champagnerhäuser, die bis heute bestehen – wenn auch nicht mehr alle in Familienbesitz.

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Werlé, Sohn eines deutschen Posthalters, machte dagegen im Hause Veuve Cliquot-Ponsardin schnell Karriere. Schon nach kurzer Zeit übernahm er die Leitung der Kellerei, wurde Betriebsleiter und bereits 1831 Teilhaber. Er heiratete eine Französin, wechselte die Staatsangehörigkeit, wurde Bürgermeister von Reims, Präsident der Handelskammer und Deputierter im Parlament. Schließlich vermachte Barbe-Nicole Cliquot-Ponsardin ihm das Unternehmen. Auf dem Grundstück, das sie ihm zuvor geschenkt hatte, baute Eduard Werlé ein Haus für seine Familie, das heutige „Hotel du Marc“.

Im 1. Weltkrieg wurde es durch die Deutschen, die Reims zu 60 Prozent in Schutt und Asche legten, von zahlreichen Geschossen getroffen. Im 2. Weltkrieg suchte sich Otto Klaebisch, der Sonderbeauftragte der deutschen Besatzer, das Hotel du Marc als seinen Dienstsitz aus. Klaebisch, Schwager von Außenminister Ribbentrop und Schwiegersohn des Sektfabrikanten Otto Henkell, sorgte als „Weinführer“ dafür, dass von 1941 bis Ende des Krieges rund 80 Millionen Flaschen Champagner zu Dumpinpreisen an das Naziregime geliefert wurden.

Wer sich dagegen auflehnte oder versuchte, den Besatzer minderwertige Ware anzudrehen, wurde mit Arbeitslager, KZ  oder Todesstrafe bedroht.

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Heute erstrahlt das Hotel Marc in neuem Glanz. Die alten Einschusslöcher in der Hauswand sieht man zwar noch. Aber ansonsten ist alles vom Feinsten restauriert. Der Luxusgüterkonzern LVMH hat richtig viel Geld in die Hand genommen. Dafür wurden zahlreiche Künstler und Designer engagiert. Andrée Putmann hinterließ bei der Gestaltung der nur sechs Gästezimmer seine Handschrift ebenso wie Karim Rashid, Tom Dixon und Mathieu Lehanneur. Einer der Räume ist in Eisblau gestaltet – eine Referenz an Russland, wohin Veuve Cliquot ihre ersten Champagner exportierte. Die Farbe im Treppenhaus orientiert sich am Ton des Pinot Noir-Rebensaftes. Die Eingangshalle ziert ein riesiger Kronleuchter von Issey Miyake. In den Gesellschaftsräumen werden die besten Champagner des Hauses Veuve Cliquot verkostet. Und überall ist in Bildern die Witwe Cliquot zu sehen.

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Wer das Hotel du Marc besichtigen will, muss schon den exklusiven Dienst des Hauses Veuve Cliquot in Anspruch nehmen (→ visitscenter@veuve-clicquot.com). Ob man dann auch im Bentley abgeholt wird, ist dem Autor nicht bekannt. Der konnte das Hotel du Marc im Zuge einer Recherche für einen Fernsehfilm besichtigen. Darin geht es – wie oben angesprochen – um die speziellen französisch-deutschen Beziehungen beim Thema Champagner. Aus dem anfänglichen Miteinander wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen den französischen Champagnerherstellern und den deutschen Sekthäusern um das Markenrecht. Erst im Versailler Vertrag von 1919 konnten die Champagnerwinzer ihre Ansprüche besiegeln lassen. Viele deutsche Sekthäuser mit Niederlassungen in der Champagne und in Lothringen mussten Frankreich verlassen.

Einen Besuch ist Reims (zweieinhalb Stunden Autofahrt ab Saarbrücken → reims-tourisme.com) aber nicht nur wegen der vielen Champagnerhäuser wert, sondern weil die Stadt über Jahrhunderte im Zentrum europäischer Geschichte stand und dafür viele sehenswerte Zeugnisse bietet. Im Mittelpunkt natürlich ein gotisches Meisterwerk, die Kathedrale Notre-Dame, so etwas wie ein französisches Nationalheiligtum.

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Seit dem Jahr 816 wurden hier fast alle französischen Könige gekrönt. Ein Grund, weshalb die deutschen Truppen im ersten Weltkrieg nicht nur die Stadt zu 60 Prozent in Schutt und Asche legten, sondern auch speziell die Kathedrale im Visier der Artillerie hatten. Nach dem 2. Weltkrieg wurde sie wiederum zum Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung, als Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer hier am 8. Juli 1962 demonstrativ an einer Messe teilnahmen. Ein Ort, dessen Architektur und dessen Aura den Besucher nicht unbeeindruckt lassen.

US-Präsident Eisenhower doch ein Saarländer?

© Volker Hildisch

Dass Donald Trumps Vorfahren aus Kallstadt in der Pfalz stammen, ist in jüngster Zeit hinlänglich berichtet worden. Es sei den Pfälzern gegönnt. Aber sind die Vorfahren von Dwight D. Eisenhower, dem Präsident der USA, Saarländer? Die meisten öffentlich zugänglichen Quellen sprechen davon. Doch hessische Ahnenforscher gönnen den Saarländern das nicht und behaupten: Eisenhowers Ahnen kommen aus dem Odenwald.

Der saarländische Ort Karlsbrunn, in unmittelbarer Nähe zur französischen Grenze bei Forbach gelegen, ist wahrscheinlich nicht einmal vielen Saarländern bekannt. Vielleicht ändert sich das zur 300-Jahr-Feier Anfang September, die unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer stattfindet.

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Zwar gibt es hier ein kleines Jagdschloss, das Fürst Ludwig von Nassau-Saarbrücken in der Zeit von 1769 bis 1789 erbauen ließ. Und einen angrenzenden, 1,2 Hektar großen Forstgarten, von der Gemeinde vollmundig als Gartenkunstwerk bezeichnet. Als größte Attraktion gilt der weitläufige Wildpark mit Wildschweinen und Hirschen. Aber so richtig ist Karlsbrunn der Durchbruch beim Bekanntheitsgrad noch nicht gelungen.

Am alten evangelischen Friedhof allerdings findet der Spaziergänger (oder Wanderer auf dem durch dichte Wälder führenden Saarlandrundweg) einen Hinweis, der elektrisiert und den die Karlsbrunner eigentlich zum Marketing-Hammer anlässlich der 300-Jahr-Feier machen müssten. Hier wurde nämlich, so erfährt der erstaunte Besucher, 1725 ein Kind von Johann Nicol Eisenhauer und seiner Frau Anna beigesetzt. „Bemerkenswert an dieser Information ist,“ heißt es auf der Tafel weiter, “dass es sich bei der Familie wohl um die Vorfahren des 34. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Dwight D. Eisenhower (1890-1969), handelt. Um 1723 kam der Holzhauer und Pottaschbrenner Johann Nicol Eisenhauer nach Karlsbrunn….1741 wanderte er per Segelschiff mit Frau und sieben Kindern aus. Am 20.11.1741 landete er in Philadelphia.“

Während man aus Kallstadt hört, dass viele Einwohner am liebsten nichts mit Donald Trump zu tun haben möchten, könnten die Karlsbrunner mit dem Verweis auf den in den USA wie im Nachkriegseuropa durchaus beliebten Eisenhower durchaus zufrieden sein.

Donald Trump

Dwight D. Eisenhower

Wenn, ja wenn die hessischen Ahnenforscher endlich Ruhe geben würden. Tun sie aber nicht. Die „Hessische familiengeschichtliche Vereinigung (HfV)“ traf sich im Mai dieses Jahres in dem kleinen Ort Rodau im Odenwald und bekundete dort voller Überzeugung, dass Johann Nicol Eisenhauer aus diesem Ort stamme. Die Weinheimer Nachrichten sprechen von einer bahnbrechenden Erkenntnis und titeln trotzig: „Und er kommt doch aus dem Odenwald“. „So lebten die Eltern Johann Friedrich Eisenhauer und Anna Elisabeth Gunkel in Rodau, zogen von dort nach Auerbach und später Stockstadt. Im Saarland erblickte dann Johann Nikolaus das Licht der Welt, der sich dann später mit seiner Ehefrau Anna Margarete Strubel in die Neue Welt aufmachte“, zitiert dagegen die Online-Ausgabe des Darmstädter Echos den Ahnenforscher Manfred Bräuer etwas ausführlicher.

Das wiederum lässt – um im Sprachgebrauch der Weinheimer Nachrichten zu bleiben – nur einen Schluss zu: Er (Eisenhower) kommt doch aus dem Saarland. Also nicht direkt, aber vermutlich sein Ur-Ur-Großvater. Johann Nikolaus (oder Nicol – je nach regionaler Ausprägung) Eisenhauer ist im Saarland geboren, damit ein Saarländer. (Bei Zugewanderten müsste man mit dieser Behauptung vorsichtig sein.) Und von Karlsbrunn nach Amerika ausgewandert. Darauf sollten die Karlsbrunner zu ihrer 300-Jahr-Feier kräftig einen heben und die Werbetrommel rühren.

Buchtipp: Vom Ende der Einsamkeit

Liebe Seume-Blogger,

meine Buchempfehlung für die nächste Reise ist Benedict Wells‘ neuer Roman „Vom Ende der Einsamkeit“. Die Geschichte um drei Geschwister, die ihre Eltern in jungen Jahren verlieren, liest sich ausgezeichnet und hat Tiefgang, passt aber eher zu einem Bergsee als an den Strand. Es geht um Liebe (wie immer), den Wert funktionierender familiärer Bindungen und den Umgang mit Brüchen, die das Leben „schicksalhaft“ lenken.

Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells, erscheinen im Diogenes Verlag (22 €)

Der Tipp kommt von einer Leserin, die der Redaktion bekannt ist, die Ihren Namen allerdings nicht genannt wissen möchte.

 

Hellonikki

„Der charmanteste Brief des Jahres kam aus Mannheim,“ heißt es in einem Artikel der Zeitschrift PAGE Ende März. Und weiter: „Wir geben es zu…Illustratorin Nicole El Salamoni hat unser Herz im Sturm erobert!“  (→ PAGE Online Artikel öffnen). Ein Lob, das wir vom Seume-Verlag nur unterstreichen können. Nicole El Salamoni hat nämlich neben vielen anderen Arbeiten auch die Illustrationen für die Kinderstadtführer Kiel und Dresden gemacht. Wir haben ihr ein paar Fragen zu ihrer Arbeit gestellt.

Was ist die PAGE?

Die PAGE ist das rennomierteste Magazin für kreatives Mediendesign, Publishing und Trends im deutschsprachigem Raum und erscheint seit 1986 monatlich. Mit einer Auflage von über 17000 Druckexemplaren und über 350000 Zugriffen auf das Online Angebot im Monat ist die PAGE das deutschsprachige Design- und Publishingmagazin mit der größten Reichweite.

Grafik-Designerin und Illustratorin Nicole El Salamoni

Wie bist Du Illustratorin geworden?

Ich hatte schon immer ein Faible für Grafik-Design und Illustration und habe aus diesem Grund Grafik-Design studiert. Schon im Studium habe ich dann aber gemerkt, dass Illustration meine wahre Leidenschaft ist. Allerdings hatte ich während meiner Tätigkeit in Werbeagenturen und auch in meiner eigenen Werbeagentur „Die Komplizen“, die ich mit einer Kollegin 10 Jahre geführt habe, wenig Möglichkeiten, Aufträge illustrativ zu lösen. Nach drei Jahren kreativer Auszeit in Südafrika, habe ich mich deshalb dazu entschlossen, mich ausschließlich auf Illustrationen zu konzentrieren. Heute mache ich mit (→ Hello Nikki!, meiner eigenen Agentur für Illustrationen, die Welt ein wenig bunter und kann mir auch nicht mehr vorstellen anders arbeiten.

Wie gefallen Dir die Kinderstadtführer?

Ich finde die Idee super, Stadtführer mal für Kinder zu machen! Für die Kinderstadtführer Kiel und Dresden habe ich verschiedene Sympathiefiguren entwickelt und illustriert, die Eltern und ihre Kinder auf ihrem Weg durch die Städte begleiten und insbesondere den Kindern einen anderen Blick auf die jeweiligen Städte ermöglichen. So wird hoffentlich ein Abenteuer aus einer sonst, für Kinder langweiligen Städtereise. Leider habe ich selbst noch nicht die Zeit gefunden, die Stadtführer mit meinen Sohn zu nutzen. Aber ich es steht noch auf meiner Liste….

Mehr erfahren von Nicole El Salamoni (→ hellonikki.de)

Grenzerfahrungen

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Der amerikanische Präsident Donald Trump will einen Sperrzaun an der Grenze zu Mexiko bauen, in Moskau spricht man von einem Rückfall in die Zeit des kalten Krieges, in Nordkorea droht die Regierung mit einem Atomkrieg – solche Gedanken schießen einem durch den Kopf, wenn man im Frühjahr 2017 an einem Ort in der Mitte Deutschlands steht, der einmal als der heißeste Punkt im Kalten Krieg galt: „Point Alpha“ in der Rhön.

Hier, am ehemaligen „Eisernen Vorhang“, wo jederzeit der Dritte Weltkrieg hätte ausbrechen können, sind nur noch die Überreste der Demarkationslinie zwischen Nato und Warschauer Pakt zu erkennen. Man wandert durch eine sanft hügelige Landschaft, vorbei an den Resten von DDR-Grenzanlagen und einem verlassenen US-Camp über den ehemaligen Kolonnenweg der DDR-Grenztruppen wie durch ein Freiluftmuseum der deutschen und europäischen Geschichte.

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Heute ist „Point Alpha“ eine Gedenkstätte. Die Baracken der Wachmannschaften und der Beobachtungsturm, von dem aus der Militärfunk der Truppen des Warschauer Paktes abgehört wurde, sind komplett erhalten und zu besichtigen. In den 60er Jahren war “Point Alpha“ von den US-Streitkräften zu einem der wichtigsten Beobachtungsposten unmittelbar an der „Zonengrenze“ ausgebaut worden. Heute ist das Bedrohungsszenario aus der Zeit Anfang der 1980er Jahre, das man in einer kleinen Ausstellung sehen kann, kaum noch vorstellbar: Truppen des Warschauer Paktes planten angeblich von Thüringen aus, mit russischen Atomraketen des Typs SS 20 im Rücken, einen Panzerangriff auf die Lücke von Fulda („Fulda Gap“) in Richtung Frankfurt, Westdeutschland wäre in der Mitte geteilt gewesen. Als Antwort auf dieses Bedrohungsszenario stationierten die USA unter massivem Protest in der BRD Pershing II Raketen und planten auf Befehl von Präsident Ronald Reagan Gegenmaßnahmen, u.a. mit taktischen Atomwaffen.

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Wandert man von „Point Alpha“ über den ehemaligen Kolonnenweg weiter zum wenige hundert Meter entfernt liegenden “Haus auf der Grenze“, verliert man dieses gruselige Szenario schnell wieder. Denn das Interesse wird auf die Reste von ehemaligen DDR-Grenzschutzanlagen gelenkt, die im Laufe der Zeit immer perfekter, zum Teil mit Selbstschussanlagen, ausgebaut wurden. Zwischen den Zäunen wurden auch Hunde an Laufleinen eingesetzt, um potenzielle Flüchtlinge zu erwischen. Im blauen Haus an der Grenze erfährt man dann mehr über das Leben im damaligen Sperrgebiet sowie die geschichtlichen und militärischen Zusammenhänge.

© Volker Hildisch

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Von dort aus kann man dann noch auf einem anderthalb Kilometer langen „Weg der Hoffnung“ weitergehen. 14 monumentale Skulpturen des Künstlers Ulrich Barnickel markieren ein Stück des früheren Todesstreifens zwischen Hessen und Thüringen. Sie sollen die biblische Geschichte von Jesu Verurteilung bis zu seinem Tod am Kreuz und der Grablegung nachzeichnen und damit an die Opfer von Willkür und Unterdrückung erinnern.

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Wanderer, die noch mehr Grenzerfahrungen machen möchten, können den knapp 14 Kilometer langen, nicht allzu schwierigen „Point-Alpha-(Rund-)Weg“ gehen und kommen dabei auch nach Geisa, dem ersten thüringischen Dorf hinter der Grenze. Hier hat die Gesellschaft ihren Sitz, die all die oben beschrieben Einrichtungen betreibt – die Point Alpha Stiftung, die 2008 von den Ländern Thüringen und Hessen mit Unterstützung des Bundes gegründet wurde. (→ pointalpha.com)

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Im komplett sanierten Schloss Geisa betreibt sie auch eine Akademie, ein Hotel und ein Restaurant. Sie steht nach eigenen Angaben „für den untrennbaren Zusammenhang von Frieden und Freiheit in Europa mit der Vollendung der deutschen Einheit in demokratischer Selbstverwirklichung. Kein Ort eignet sich besser für die Vermittlung dieser Botschaft als der Punkt, an dem die Teilung Deutschlands, Europas und der Welt über Jahrzehnte hinweg in einer hautnahen Konfrontation der Machtblöcke kulminierte“. Wer sich bei dieser Intonation an die CDU und ein wenig an das „Kuratorium unteilbares Deutschland“ erinnert fühlt, liegt nicht ganz falsch. Eine der treibenden Kräfte in Stiftung und im 2003 gegründeten „Kuratorium Deutsche Einheit“ ist die ehemalige CDU-Ministerpräsidentin von Thüringen, Christine Lieberknecht. Jedes Jahr vergibt das Kuratorium auch den „Point-Alpha-Preis“, in diesem Jahr am 17. Juni in einer öffentlichen Veranstaltung dem Liedermacher Wolf Biermann. Zu den bisherigen Preisträgern gehörten u.a. George Bush, Michail Gorbatschow und Helmut Kohl, Freya Klier, Helmut Schmidt, Felipe Gonzalez, Lech Walesa und Wolfgang Schäuble.

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Rätselhafte Köpfe und zornige Gänse

Eva Aeppli, Die Planeten (Foto: V. Hildisch)

Wer in der Toskana auf eine besondere Art wandern möchte, der sollte einen Ort auf keinen Fall auslassen: den Giardino Daniel Spoerri, rund 80 Kilometer südlich von Siena bei Seggiano. Ein rund 16 Hektar großes Gelände mit Olivenhainen und mehr als hundert Skulpturen unweit des höchsten Berges der Toskana, dem Monte Amiata, zu durchstreifen, das ist Bewegung und Inspiration zugleich.

In diesem Jahr feiert „Il Giardino Spoerri“ (→ danielspoerri.org) seinen 20.Geburtstag. Der umtriebige Schweizer Künstler Daniel Spoerri hatte die Idee für einen Skulpturenpark 1997 nach mehreren Jahren der Vorbereitung über eine Stiftung verwirklicht und ihr auch gleich zahlreiche seiner Objekte überlassen. Seine Idee hatte große Anziehungskraft, und so findet man in dem weitläufigen Gelände mittlerweile die Skulpturen von 40 weiteren Künstlern.

Olivier Estoppey, Tag des Zorns © Volker Hildisch

Oliver Estoppey beispielsweise hat den „Tag des Zorns“ geschaffen – 160 Gänse aus grauem Beton, die zwischen Olivenbäumen vor überlebensgroßen Trommlern in weiten Umhängen zu fliehen versuchen. erspielte Objekte, wie Spoerris turmhoher Brunnen aus Fleischwölfen, rätselhafte Köpfe von Eva Aeppli, witzige Apparaturen wie Jean Tinguelys „Große Lampe für D.S.“ Man steigt einige Treppenstufen hoch, spaziert über eine Wiese und kann durch einen „Laubengang“ von Sensen gehen, den Spoerri den „Damokles-Rosenhaag-Gang“ genannt hat.

Der Besucher von Ester Seidel blickt auf den labyrinthischen Mauerweg von Daniel Spoerri © Volker Hildisch

Armand, Monument der Sesshaftigkeit © Volker Hildisch

Überraschend tauchen die Objekte entlang der Wege und Trampelpfade auf und man weiß beim Spaziergang manchmal gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll: in die Hügellandschaft der Toskana oder auf die Installationen. Und dann merkt man: beides zusammen erst macht den kompletten Reiz dieses einmaligen Gartens aus. Träger ist eine Stiftung, die auch Stipendiaten die Möglichkeit zu einem Aufenthalt in der Toskana ermöglicht.

Wer vom Rundgang müde und durstig geworden ist, kann im Restaurant „Non solo Eat Art“ kleine (echte!) Häppchen – und auf Bestellung auch Menüs – zu sich nehmen. Der Name ist eine Referenz an Daniel Spoerris Verdienste in der Eat Art. Dabei verarbeitete er Reste von abgebrochenen Essen mit Kleber und Konservierungsstoffen zu Kunstwerken. Sein Düsseldorfer „Restaurant Spoerri“, das er in den 60/70er Jahren – mit einer Eat Art Galerie – führte, ist noch heute vielen ein Begriff. 2009 erwarb er in Hadersdorf am Kamp in Niederösterreich zwei Häuser. Das alte Kino wurde zum Esslokal Eat Art, das aus dem 13. Jahrhundert stammende ehemalige Kloster zum Ausstellungshaus umgestaltet. Spoerri gab ihm den Namen Ab Art. Im Jahr 2010 errichtete Spoerri eine Stiftung, bei der das Land Niederösterreich als Letztbegünstigter bestimmt ist. Das Ziel der Stiftung ist zeitgenössische Kunst und Kultur an Schüler und Jugendliche zu vermitteln.

Und schließlich kann man am „Giardino Daniel Spoerri“ auch wohnen. In einem Haus am Eingang des Parkes werden zu erschwinglichen Preisen drei Ferienwohnungen vermietet.  Noch ein Tipp für die Weinregion Toskana: Rund um Montalcino (ca. 25 km nördlich) wird der Brunello angebaut. Oft gut, aber ganz oft zu teuer. Besser: Das Weingut Peteglia (→ peteglia.com) in der Nähe von Montenero d’Orcia, ca. 20 Kilometer westlich. Vom „Giardino Daniel Spoerri“ über Castel del Piano Richtung Paganico (Koordinaten N.42.93977 E.11.46937).

Von St. Gallen nach Leipzig

Ein Wanderer der besonderen Art war der 1902 in Leipzig geborene Typograf Jan Tschichold. Er besuchte in seiner Heimatstadt die Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe, heute Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Sein Name ist unter Verlegern, Buchhändlern, Bibliothekaren, Bibliophilen, Typografen und Buchgestaltern weltweit bekannt. Aufsehen erregte schon 1928 sein Buch „Die Neue Typographie“. Von den Nazis als „Kulturbolschewist“ diffamiert, gelang ihm 1933 von München aus die Flucht nach Basel, wo er von nun an wirkte. Von 1947 bis 1949 arbeitete er in London, dann wieder in der Schweiz.

Seit frühester Zeit und bis zu seinem Tod 1974 hat er unablässig publiziert. Mit seinen Arbeiten, seinen Büchern und einer Unzahl von Artikeln hat er die Typografie der westlichen Welt im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt.
2010 haben die Erben von Jan Tschichold der Kantonsbibliothek Vadiana in St. Gallen dessen Arbeitsbibliothek geschenkt, in der ein wahrer Schatz an Zeugnissen zur Geschichte der Typografie enthalten ist.
Dieses persönliche Archiv hat der Schweizer Buchgestalter und Typograf Jost Hochuli bearbeitet und Teile daraus nun in einer Ausstellung öffentlich gemacht.

Im Museum für Druckkunst in Leipzig ist die Schau vom 5. März bis 14. Mai 2017 zu sehen. Sie bietet in 24 Vitrinen einen Querschnitt durch die Arbeitsbibliothek und zeigt Dokumente, die neues Licht auf Persönlichkeit und Werk von Jan Tschichold werfen. (→ druckkunst-museum.de)

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