Verlag: J.G. Seume Blog

Autor: Redaktion (Page 1 of 2)

Gamlitz – Versuch einer Ehrenrettung

Foto © Ulrike Jacobs

Das hat Gamlitz nicht verdient! Tagelang, eine Woche gar, namentlich mit einem Event verknüpft zu werden, das nicht ganz zu Unrecht in den europäischen Gazetten und Nachrichtensendungen ironisch, mitunter auch hämisch kommentiert wurde.

Dabei hatte die österreichische Aussenministerin Kneissl die Einladung zu ihrer Hochzeit in Gamlitz eher ohne große Erwartung abgegeben und fahrlässig als „privat“ deklariert…Aber von Putin weiß man, dass er gern auf fremden Hochzeiten tanzt und sich auch darauf versteht, Einladungen zu provozieren. Da Putin alsbald wieder abgereist ist, bedarf dies allerdings keiner weiteren Erörterung.

Nun gilt Gamlitz also als Ort des Kniefalls. Oder war es ein Knicks, ein Hofknicks?

Das hat Gamlitz wirklich nicht verdient!

Denn diese außerhalb der Steiermark kaum bekannte Gemeinde, ein Marktflecken von ca. 3500 Einwohnern in der Südsteiermark, sollte wegen einer außergewöhnlichen, wenn nicht gar einzigartigen  Einrichtung gerühmt werden.

Aber der Reihe nach: Die Südsteiermark ist ein kleines, wunderschönes, im Süden Österreichs, nahe der slowenischen Grenze gelegenes, ca. 2400 qkm großes Weinanbaugebiet.

Also etwa halb so groß wie ein mittlerer Ölteppich auf den Weltmeeren oder noch kürzer und einprägsamer: etwas weniger als halb so groß wie das Saarland. Die Südsteiermark mag den Reisenden und Weinliebhaber wegen seiner steilen hügeligen Lagen, den gelb gestrichenen Weinhöfen an die Toskana erinnern, obwohl dieser Vergleich besser nicht vor einem Einheimischen angebracht werden sollte…

Foto © Ulrike Jacobs

Welschriesling, Sauvignon Blanc, Grau- und Weißburgunder, Gelber Muskateller und andere vorwiegend weiße Rebsorten werden hier angebaut und genießen bei Kennern weltweit Respekt. Der dem Wein geneigte Leser weiß dies, die anderen mögen es nachlesen, oder noch besser beim Weinhändler des Vertrauens verkosten.

Nun zu dieser großartigen Idee, von der man zwar nicht genau weiß, wie sie entstanden ist. Aber so könnte es gewesen sein:

Zu später Stunde saßen im Ratskeller des Gamlitzer Rathauses der Bürgermeister, der Polizeichef, ein Taxiunternehmer, ein oder mehrere Winzer bei Wein in damals noch rauchgeschwängerter Atmosphäre zusammen. Wie den Tourismus ankurbeln, den Weinverkauf promoten, die alkoholbedingten Unfälle reduzieren, das Taxiwesen fördern? Diese scheinbar nicht zu bewältigende Aufgabe, wurde sicher nicht in dieser Nacht einer Lösung zugeführt. Zu viele Personen mussten eingebunden, Geschäftsinteressen berücksichtigt und eine Organisation aufgebaut werden.

Aber dann wurde es geschafft: Der unentgeltliche Gamlitzer Taxi Service wurde aus der Taufe gehoben.

Mit dem Taxi zur Weinprobe

Foto © Ulrike Jacobs

Jeder Gast, der in der Region bei einem dem Gamlitzer Taxi Service angeschlossenen Weingüter mit Beherbergungs- und Restaurantservice nächtigt , inzwischen 80 an der Zahl, kann vom unentgeltlichen Taxi-Service Gebrauch machen. Die Gamlitzer „Gast-Taxi-Service-Karte“ wird jedem Gast, kostenlos ausgehändigt. Das Taxi ist je nach Verfügbarkeit in der Region Gamlitz für die Fahrt zu den einzelnen Mitgliedsbetrieben einsetzbar, und dies täglich von 11.00 Uhr bis 23.30 Uhr.

Weinliebhaber, die auf einem der Mitgliedshöfe nächtigen, können sich also mehrfach am Tag und während der gesamten Zeit ihres Aufenthaltes kostenlos von Weingut zu Weingut fahren lassen, Weine beim Winzer preisgünstig verkosten und sich kostenlos wieder zur Herberge zurückbringen lassen.

Das Taxiunternehmen bekommt von dem das Taxi rufenden Weingut pro Fahrt zur Zeit  6,50 Euro gut geschrieben

Mit berechtigtem Stolz schreibt der Gamlitzer Tourismusverband in seiner Broschüre, dass dieses Modell seit 18 Jahren großen Zuspruch erfahre, einzigartig in der Welt sei und sich zudem rechne.

Foto © Ulrike Jacobs

Wie sich dieses nachahmenswerte System in den vergangenen 20 Jahren auf die Wein-Produktion ausgewirkt hat, wie hoch der prozentuale Rückgang der alkoholbedingten Verkehrsunfälle ist und wie die Zufriedenheit der Gäste und deren Weinkenntnisse mit dieser Innovation gewachsen sind? Dies hätte der Verfasser dieser Zeilen gerne eruiert, würde dies auch bei großzügiger Spesenbewilligung durch den Blogbetreiber ausgiebig und garantiert unfallfrei vor Ort versuchen…

Text: Manfred Jacobs / Fotos: Ulrike Jacobs

Flucht aus Lothringen

Am 4. Juni 1919 stellt Berthe Grass, verwitwete Dietrich, einen Antrag auf „freiwillige Rück­führung“. Sie zieht mit ihren zwei Kindern weg aus Lothringen. Denn für die neuen, die französischen Behörden, ist Berthe, deren Vater aus Sachsen stammt, eine Deutsche, obwohl ihre Mutter aus Chalons kommt. Berthe gehörte zur „Klasse D“ – Angehörige eines verfeindeten Landes.

Bei der Familie des ebenfalls verstorbenen Gießers Adolphe Sebastian war die Sache noch komplexer. Auch Adolphe gehörte als Sohn eines „Rheinpreußen“ zur „Klasse D“, aber seine Frau, Catherine Brix, war eine erstklassige Lothringerin (Kategorie A), denn sie wurde vor 1871 als Kind französischer Eltern in Elsass-Lothringen geboren. Das war, bevor sich das deutsche Kaiserreich diese Gebiete einverleibte. Catherines Kinder hatten deshalb das Gütesiegel B (Kinder aus Mischehen), sie hätten bleiben können. Doch sie zogen weg, in die deutsche Heimat des Vaters, ins  Rheinland, das nach dem Krieg jedoch die Alliierten verwalteten, und waren dort unerwünschte Eingewanderte.

70 000 lothringische Menschen irrten durch dieses Nachkriegs-Nationalitäten-Labyrinth, bis 1921 verließen elf Prozent der Bevölkerung Elsass-Lothringen. Bereits im November 1918, direkt nach der „Befreiung“ durch die Franzosen, hatte es Diskriminierungen und Vertreibungen gegeben. Sie betraf Kriegswitwen mit Kindern, entlassene Arbeiter und Bedürftige. Man zwang diese „Deutschen“, ihr Zugticket selbst zu kaufen, verbot ihnen mehr als 30 kg Gepäck, und limitierte das Bargeld, das sie mitnehmen durften.

All dies sind historische Flüchtlings-Schicksale in unserer Region, es ist ein bisher kaum ausgeleuchtetes Kapitel der großregionalen Geschichte. Jetzt hat es das Bergarbeitermuseum in Petite-Rosselle (Musée les Mineurs Wendel) in Zusammenarbeit mit den Archiven des Départements Moselle zumindest mal angepackt, im Erinnerungsjahr 2018, hundert Jahre nach Ende des  Ersten Weltkrieges. Ein Riesenthema, das Riesenerwartungen weckt und das eine Riesen-Gemeinschaftsaufgabe für saarländische und lothringische Landesforscher und Museen hätte werden können.

Stattdessen wagte sich das finanzschwache Musée les Mineurs allein vor – das kann nur kläglich enden. Denn in Petite-Rosselle wird das Top-Sujet nicht wirklich besuchergerecht aufgearbeitet. Alle Infos sind auf zwölf zweisprachigen Wandtafeln zusammengepresst, die abfotografierte Dokumente zeigen. In einer einzigen (!) Vitrine finden sich Original-Exponate, das alles spielt in einem Durchgangsraum.

Wer ein museales Erlebnis erwartet, wird herb enttäuscht. Das muss gesagt sein, bevor man den Abstecher zum Parc Explor dennoch empfiehlt. Weil das neu Erforschte derart aufschlussreich ist, dass man sich gerne in die Texte auf den Tafeln vertieft. Das Material stammt überwiegend aus dem Hauptsitz der Archive des Départements in Saint-Julien-les-Metz, die in der Vitrine gezeigten Objekte wurden vom Verein „Ascomémo“ in Hagondange zur Verfügung gestellt, der sich der Erinnerung an die beiden Weltkriege widmet. Durch die Schau wird plötzlich eine kaum je gestellte Frage aufgeworfen: Wie erlebten die Lothringer ihr Deutschfranzosentum, wie formte sich ihre Identität im Hinundhergeworfensein zwischen zwei Nationen? Für das Saarland wurde dies intensiv beackert, maßgeblich durch das Historische Museum Saar. Das Saarland entstand eigentlich erst durch den Versailler Vertrag von 1919. Vor allem aber bekamen die Saarländer, die ab 1920 einen Sonderstatus genossen, 1935 die Wahl, ob sie „heim ins (deutsche) Reich“ wollten.

Die Lothringer wurden 1919 nicht gefragt, die „Grande Nation“ startete ganz selbstverständlich eine energische Repatriierung. Der große symbolische Moment der Wiedereingliederung erfolgte bereits kurz nach Kriegsende, am 8. Dezember 1918, durch eine Bereisung der Gebiete durch Staatspräsident Poincaré und Ministerpräsident Clemenceau. Offiziell herrschte Jubel, er prägte die französische Perspektive auf den Weltkrieg. Doch in Lothringen saßen die Verlierer. Sie waren nur Schemen. Erstmals sieht man sie klarer.

Saarbrücker Zeitung vom 15./16.09.2018, Seite B 4, mit Genehmigung der Autorin Cathrin Elss-Seringhaus

Öffnungszeiten: Dienstags bis sonntags neun bis 18 Uhr. Alle Präsentationen sind zweisprachig. Man spricht Deutsch.

 

Das Saarland – mehr als Kohle und Stahl

Blick vom Litermont auf das Saarland

Blick vom Litermont auf das Saarland. Hier ungefähr ist der geographische Mittelpunkt des kleinen Bundeslandes. © Volker Hildisch

Goethe – ja. Er war hier – im Sommer 1770 – und es hat ihm gefallen.

„Wir gelangten über Saargemünd nach Saarbrück, und diese kleine Residenz war ein lichter Punkt in einem so felsig waldigen Lande. Die Stadt, klein und hüglig, aber durch den letzten Fürsten wohl ausgeziert, macht sogleich einen angenehmen Eindruck, weil die Häuser alle grauweiß angestrichen sind und die verschiedene Höhe derselben einen mannigfaltigen Anblick gewährt“ (Goethe, J.W. v.: Dichtung und Warheit,…).

Die Saarbrücker sind heute noch so stolz auf diesen Besuch, daß sie eine Gedenktafel am Ludwigsplatz in den Boden eingelassen haben. Und Seume? Der nicht. Seume hat für den Rückweg seines Spaziergangs nach Syrakus den Weg über Straßburg gewählt. Da hat er was verpasst. Wer heute das Saarland besuchen will, dem steht seit kurzem ein neues, handliches und informatives Buch zur Verfügung, auf das wir als saarländisch-sächsischer Verlag gerne aufmerksam machen – auch, wenn es nicht von uns ist. Es beschreibt eine Grenzregion, die einen Besuch wert ist.

Der Autor, Wolfgang Felk, gebürtiger Schwabe, war seit frühester Kindheit immer schon gerne Gast bei den Großeltern in Saarbrücken. Das war Anfang der Fünfzigerjahre, als das Saarland noch sehr französisch geprägt war in Politik, Kultur und Lebensart. Damals schon wuchs bei ihm die Faszination für dieses exotische Ländchen zwischen Deutschland und Frankreich. Das Studium der Germanistik und Anglistik an der Universität des Saarlandes ergab sich daraus fast zwangsläufig, dazu kam der berufliche Einstieg beim Saarländischen Rundfunk, zunächst mit Schwerpunkt Kultur in der Großregion, von der Politik auch gerne „SaarLorLux“ genannt. Später kamen die TV-Formate „Reisewege“, „Weit-weit-weg“, „Bilderbuch Deutschland“, „Fahr mal hin“ und „Schätze des Landes“ dazu, die den Autor durch ganz Europa führten. Seit 2013 im Ruhestand, betreut und aktualisiert er weiter seine beiden Reiseführer „Marco-Polo-Luxemburg“ sowie das hier beschriebene Buch „Dumont-direkt Saarland“ und engagiert sich bei diversen Kulturprojekten in der Großregion.

Das Saarland beschreibt er in seinem Buch so:

Was fällt Ihnen spontan zum Saarland ein? Nichts? Nicht viel?

Macht nichts, da geht es Ihnen wie den meisten, die noch nicht da waren. Lafontaine kennen Sie natürlich (die bekannteste „Hausnummer“ seit
Jahrzehnten, jetzt immer im Schlepptau mit Sahra Wagenknecht). Die Fortgeschrittenen (und heimlichen Kenner) schätzen ebenfalls seit Jahren
den Becker-Heinz, ein Schlaumeier (saarländisch: „Dummschwätzer“) mit „Batschkapp“ und ständiger Wiederholungs-Wiedergänger in den TV-Programmen. Und die ganz Schlauen wissen, dass unsere AKK (Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer) ganz heiß im Rennen sein soll für die K-Nachfolge von AM (Angela Merkel).

Und sonst? Kohle und Stahl, rauchende Schlote – und war das nicht irgendwie auch mal alles französisch? Alles richtig, aber alles ziemlich Schnee von gestern. Ein bisschen Edel-Stahl köchelt noch, die Gruben sind alle dicht. Die Signalfarbe des Saarlandes von heute ist grün (leider nicht politisch, da machen wir derzeit auch in GroKo). Egal aus welcher Himmelsrichtung Sie anreisen: sanft gewellte Hügel ziehen am Auto- oder Zugfenster vorbei, und Wald, viel Wald. Aus dem Flieger sehen Sie glitzernde Flusstäler und Seen, sonnensatte Wiesen, Weinberge, Felder und Weiden mit knorrigen Obstbäumen drauf, die nahtlos über die Grenze nach Frankreich weiterschwingen. Dazwischen immer mal wieder Fördertürme, Kohlehalden, erkaltete Hochöfen, die Landmarken der Vergangenheit. Ein schönes Panorama, klein, kompakt, übersichtlich.

Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist eine Kathedrale aus Stahl. © Volker Hildisch

Ich lade Sie gerne ein, mit mir durch das Buch zu flanieren und sich das Saarland genauer anzusehen. Ich zeige Ihnen die grandiose Ludwigskirche in Saarbrücken, die Perle des deutsch-französischen Barock an der Saar. Ich klettere mit Ihnen durch das atemberaubende Weltkulturerbe Völklinger Hütte, das uns die 150-jährige Geschichte der Montanindustrie erzählt. Ich zeige Ihnen den riesigen Steinwall einer ehemaligen Keltenfestung im Hochwald, wo einst womöglich Cäsar mit seinen Truppen ante portas stand. Ich führe Sie zu meinem persönlichen Lieblingsplatz im Lande, zum Wortsegel am Fuße des Schaumbergs. Eine schwungvolle stählerne Skulptur, die den Bogen schlägt von den ersten Mönchen der Abtei Tholey im 7. Jh. bis zu den High-Tech-Stahlkochern von heute in Dillingen und Völklingen.

Das Saarland ist mehr als Industrieland

Das Saarland ist mehr als Industrieland. © Volker Hildisch

Im Saartal schwingen wir uns aufs Rad Richtung Merzig und Mettlach, wo wir uns im Keramikmuseum von Villeroy und Boch über Kaiser Wilhelms
kunstvolle Kloschüssel amüsieren. Klar, dann geht’s (auf dem Baumwipfelpfad) weiter zur Saarschleife. Die muss man einfach gesehen haben. Im Abendrot sitzen wir dann auf der Sonnenterrasse des Europazentrums Schengen in Luxemburg und sinnieren bei einem „Pättchen“ Mosel-Elbling darüber, wie lange es wohl noch offene Grenzen in Europa gibt – und ob uns eventuell Künstliche Intelligenz (Forschungs-Schwerpunkt an der Saar-Uni) dabei helfen kann, die Zukunft (besser) zu gestalten.

Die Gegenwart zumindest gestaltet der Saarländer ganz epikureisch-horazisch-hedonistisch – auf seine Art: „Carpe diem“ heißt auf Saarländisch: „Mir wisse, was gudd is“, das Intensivum davon: „Hauptsach gudd gess“. Deshalb sollten wir jetzt, wo wir schon mal da sind, ruhig auch noch versuchen, spontan bei Christian Bau einen Tisch zu bekommen. Der sitzt auf der anderen Moselseite mitten in den Weinbergen, hat drei Michelin-Sterne und ist Koch des Jahres 2017. Noch Fragen? Nein? Na dann guten Appetit!

Wolfgang Felk, Autor Dumont-direkt Saarland

Saarland-Buch bei Dumont Direkt

Das Saarland-Buch bei Dumont Direkt ist Anfang Januar 2018 erschienen und kostet 11,99 Euro.

Seume-Literaturpreis 2017 für Jan Decker

Der mit 3000 Euro dotierte Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis 2017 geht an Jan Decker für seinen Roman „Der lange Schlummer. Eine Jury, bestehend aus Dr. Thomas Frantzke (Kulturdienstleister aus Leipzig), Lutz Simmler (Vorsitzender Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. Grimma) und Thorsten Bolte (Museum Göschenhaus Grimma), hat ihm im Auftrag des Seume-Vereins „ARETHUSA“ und der Stiftung der Sparkasse Muldental am 25.09.2017 einstimmig den diesjährigen Preis zuerkannt. Damit wird erstmals in der Reihe der Seume-Literaturpreisträger ein Text ausgezeichnet, der den Spaziergänger Johann Gottfried Seume als Protagonisten besitzt:

Statt sich im Jahre 1802 zu befinden, erwacht Seume in Gräfenroda (Thüringer Wald) an einer Autobahnraststätte – man schreibt mittlerweile das Jahr 2017! Nach einer kurzen Verwunderung, bricht Seume zu seinem letzten Wegabschnitt nach Grimma auf, zu Fuß versteht sich. Auf dem Weg dorthin begegnen ihm allerlei neue Dinge und Situationen, die er versucht, zu verstehen und einzuordnen. Ironisch kommentiert Seume so die Gegenwart, vergleicht sie mit seiner Vergangenheit und zieht Schlüsse, die auch den Leser nachdenklich machen.

Roman „Der lange Schlummer von Jan Decker

Der Roman „Der lange Schlummer“ spiegelt intensiv das kritische Denken Seumes wider und steht ganz in der Tradition jener Aufklärung, für die der historische Seume steht. Erschienen ist der Text in Buchform 2017 in der Edition 21 in Thun / Schweiz.

Seume-Literaturpreisträger 2017, Jan Decker

Jan Decker wurde 1977 in Kassel geboren.  Er studierte in Hannover und Greifswald, schließlich am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Es folgten Lehraufträge in Karlsruhe und Osnabrück, u. a. zu Hörspiel, Radiofeature und Kreatives Schreiben, 2014 erschien sein „Praxisleitfaden Hörspielwerkstatt“. Jan Decker lebt und arbeitet heute in Osnabrück.

Um den Seume-Literaturpreis 2017 hatten sich 82 deutschsprachige Autorinnen und Autoren. Insgesamt wurden knapp 10.000 Seiten Texte eingereicht. Dabei kamen 60 Autorinnen und Autoren aus Deutschland (davon 24 aus Sachsen), 11 aus der Schweiz, 9 aus Österreich und je 1 Autor aus Finnland und Schweden. 11 Textbeiträge kamen in die engere Auswahl um den Seume-Literaturpreis.

Der Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. und die Stiftung der Sparkasse Muldental werden am 2. Dezember 2017 in einer feierlichen Preisverleihung dem Autor das Preisgeld von 3.000 € überreichen. Diese Veranstaltung, zu der jeder herzlich eingeladen ist, findet in der Aula des Hauses Seume an der Colditzer Straße 34 statt.

Die bisherigen Seume-Literaturpreisträger waren:

2001 Götz-Ulrich Coblenz
Mein Spaziergang von Arkona nach Pisa. Ein Tagebuch

2003 Wolfgang Büscher
Berlin – Moskau. Eine Reise zu Fuß

2005 Andreas Altmann
34 Tage und 33 Nächte – von Paris nach Berlin zu Fuß und ohne Geld

2007 Andreas Reimann
… und Rotwein rauscht an meiner Seele Süden. Italien-Sonette

2009 Helga M. Novak
Wo ich jetzt bin (Gesammelte Gedichte)

2011 Peter Winterhoff-Spurk
Unternehmen Babylon. Wie die Globalisierung die Seele gefährdet

2013 Constanze John
Gelber Staub. Eine Reise nach Armenien

2015 Susanne Schädlich
Westwärts, so weit es nur geht. Eine Landsuche

Neuer Vorstand der Seume-Gesellschaft

William Hogarth

Am 18. Juni 2017 haben die Mitglieder der Johann-Gottfried-Seume-Gesellschaft zu Leipzig bei der Jahresmitglieder- und Wahlversammlung einen neuen Vorstand gewählt. Die Gesellschaft wurde im Jahr 1999 gegründet. Sie beschäftigt sich mit der Pflege und Verbreitung des Andenkens an den Dichter Johann Gottfried Seume (1763-1810), der Erforschung seines literarischen Werkes und dessen Wirkung. Ferner zählen die Kultur- und Verlagsgeschichte zu Lebzeiten des Namensgebers zu ihren Themen.

Vorsitzender der Gesellschaft bleibt weiterhin der Leipziger Germanist und Historiker Dr. Otto Werner Förster, zu stellvertretenden Vorsitzenden wurden Georg Meyer-Thurow (Borgholzhausen) und Prof. Dr. Peter Winterhoff-Spurk (Saarbrücken/Leipzig) gewählt. Neue Schatzmeisterin wurde Christel Meyer-Thurow (Borgholzhausen). Ausblickend wurde die Intensivierung der Zusammenarbeit mit dem in Grimma ansässigen Internationalen Johann-Gottfried-Seume Verein e.V. beschlossen. Kontakt: (→ seume-gesellschaft.de)

Eine Wanderung vom Rhein nach Königsberg (heute: Kaliningrad)

Ich bin seit Jahren ein Seume-Leser, in der letzten Zeit haben es mir seine Briefe angetan. Kurz vor meinem Urlaub in den polnischen Masuren las ich eine Rezension von Christian Heidrichs Wanderbeschreibung „Wo bitte geht’s nach Königsberg? Eine Wanderung von West nach Ost“ (Eos-Verlag 2017), in der auch davon die Rede war, dass sich der Autor mit Kant und Seume im Rucksack und einigen Gedichtblättern noch dazu auf den Weg gemacht hat (etwa 1300 Fußkilometer).

Eine Wanderbeschreibung „Wo bitte geht’s nach Königsberg von Christian Heidrichs erschienen im Eos-Verlag 2017

Ich war „elektrisiert“, habe mir das Buch besorgt – und tatsächlich es ist eine in jeder Hinsicht empfehlenswerte Lektüre. Christian Heidrich ist sozusagen mit den Kantschen Maximen und mit Seumes Wander-Ethos (also: Gelassenheit! Genauer Blick! Ausdauer! Sympathie für die Menschen!) unterwegs. Er beschreibt in gut 60 relativ kurzen Kapiteln die Wege in Deutschland, in Polen und schließlich in der russischen Exklave (so heißt das nämlich, wie ich es bei ihm gelernt habe) Kaliningrad. Sein Sehnsuchtsziel ist die Geburts- und Schicksals-Stadt des großen Immanuel Kant. Und nach etwa drei Monaten steht er am Kantdenkmal und ist heiter und glücklich. Unterwegs ist er vielen Menschen begegnet, über viele historische und kulturelle Stätten hat er sich bestens informiert.

Ein wirklich gutes Buch im Geist von Seume, das mich im Urlaub erfreut und angenehm belehrt hat. Große Empfehlung! Klaus (Allgäu)

Kreativitätsspritze für Hannover

„Non(n)sens“ heißt das Musical, dass Theaterregisseur Gerhard Weber am 28.September in Hannover zum ersten Mal auf die Bühne bringt und dafür gleich auch noch eine neue Gesellschaft mitbegründet, die „Musical-Factory-Hannover“. Kein großer Theaterbau, sondern ein Möbelhaus mit kulturellem Anstrich ist als Aufführungsort auserkoren. Weber, 1950 in Hannover geboren, ist nach seiner Ausbildung am Max-Reinhard-Seminar in Wien, Stationen als Regieassistent bei Claus Peymann in Stuttgart, an den Theaterhäusern in Krefeld, Saarbrücken, Hannover und Trier endgültig wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Damit nicht genug, hat er in den vergangenen Monaten auch noch ein Buch über Hannover geschrieben, das im Herbst im Seume-Verlag erscheinen wird: „Hunde bitte an die Leine zu führen“. Gleich mehrere Anlässe, um mit dem umtriebigen Theatermann, der Niedersachsens Landeshauptstadt mal wieder eine Attraktivitätsspritze verpassen möchte, ein Gespräch zu führen.

Nach einer Wanderschaft durch deutschsprachige Bühnen mit rund einhundert Inszenierungen sind Sie wieder in Ihrem Geburtsort Hannover zurückgekehrt. Schon bald darauf heben Sie mit einem Musical ein neues Projekt aus der Taufe. Wie entstand diese Idee?

Die Idee entstand zusammen mit meiner Kollegin Julia Goehrmann, Geschäftsführerin der MFH, aus den frischen Eindrücken nach der Rückkehr nach nunmehr zwei Jahren in meine Heimatstadt Hannover. Diese Art Theater fehlt und wir nehmen beim hiesigen Publikum einen großen Bedarf nach qualitätsvoller Unterhaltung wahr.

Produzentin Julia Goehrmann (Mitte) und der künstlerische Leiter der Musical Factory Hannover (MFH) Gerhard Weber freuen sich gemeinsam mit Sylvia Sobbek, Geschäftsführerin des SofaLoft (r.) über die erste Produktion.

Das Ganze findet nicht in einem Theatergebäude oder einer großen Veranstaltungshalle statt, sondern in einem Möbelhaus, das sich selbst als größtes Wohnzimmer Hannovers bezeichnet. Kann sich Ihr Vorhaben so auf Dauer tragen?

Wir gehen davon aus, dass wir, mit kraftvoller Unterstützung von Sponsoren sowie der großzügigen Hilfe durch die Hannover-Marketing- Tourismus- Gesellschaft, mit der Neugierde und Offenheit und dem ausreichenden Zuspruch des hannoverschen Publikums sowie dem großen Wohlwollen der Geschäftsführung des „Sofalofts“ ((→ sofaloft.de) , wie geplant jeweils zwei Produktionen pro Jahr spielen werden.

Wenn Sie in Hannover ein Musicaltheater aufmachen wollen, treten Sie in Konkurrenz zu etablierten Großveranstaltern, z.B. in Hamburg. Was möchten Sie anders machen?

Ich setze sehr auf die Intimität dieses einzigartigen Spielortes in der hannoverschen Südstadt mit der unmittelbaren Nähe des Zuschauers zu den Darstellern. Das können „die Großen“ in Hamburg nicht bieten.

Wie blicken Sie heute auf Hannover? Ist das noch die verschnarchte Landeshauptstadt eines Agrar- und Küstenlandes, wie Spötter gerne sagen?

Nein, ganz und gar nicht. Durch die Stadt Hannover ist spätestens mit der EXPO 2000 ein großer kreativer Ruck gegangen, der meiner Meinung nach immer noch anhält. Gleichwohl tut der Stadt und ihren Bewohnern ab und an eine frische „Kreativitätsspritze“ sehr gut!

Buchcover-Hannover-literarische-Spaziergaenge

„Hunde bitte an die Leine zu führen“ von Gerhard Weber

Kurz nach der Premiere Ihres Musical-Projekts erscheint im Seume-Verlag ein Buch von Ihnen über Hannover unter dem Titel „Hunde bitte an die zu Leine führen“. Wie kam das zustande und was darf man davon erwarten?

Es entstand noch in meiner Zeit als Intendant des Theaters Trier ein interessanter Kontakt durch Saarbrücker Freunde und Bekannte zu Prof. Peter Winterhoff- Spurk, der nach einem Theaterbesuch in Trier und bei anschließendem Mosel- Riesling in einem nahen Weinhaus mit der Frage an mich herantrat, ob ich mir nach meiner Verabschiedung als Intendant vorstellen könne, ein Buch über meine Heimatstadt zu schreiben. Dem stimmte ich sofort zu.

Was ist anders im Norden Deutschlands als im Südwesten und Westen, wo Sie lange tätig waren? Kann man signifikante kulturelle Unterschiede feststellen?

Die Art des Norddeutschen ist in der Tat zunächst einmal reservierter, die der Menschen im Südwesten ist offener, gesprächsbereiter und mehr den Genüssen des Lebens, und so letztendlich auch dem Theater, zugewandt. Letzteres habe ich gerade an den Trierern und Saarbrückern, seien sie in ihrer Art noch so unterschiedlich, immer sehr gemocht.

Wie blicken Sie auf die Zeit in Saarbrücken zurück?

An Saarbrücken knüpfen sich wohl die meisten privaten und beruflichen Erinnerungen. Nicht zuletzt deshalb, weil ich dort ab 1978 als blutjunger Noch-Assistent Claus Peymanns unter den Direktionen von Wilkit Greuel und Lothar Trautmann meine ersten wilden Inszenierungen beisteuern durfte. Sowohl im ehemaligen Kammertheater, dann in einer improvisierten Aussenspielzeit im „Stiefel“ als auch erste Inszenierungen in der damals frisch eröffneten Alten Feuerwache mit Savarys „Weihnachten an der Front“. Das war eine sehr lebendige Zeit in Saarbrücken, die dann nochmals durch die Intendanz von Kurt- Josef Schildknecht, unter dem ich sieben Jahre Oberspielleiter des Schauspiels war, einen ungeheuren Aufwind bekam. Als Regisseur schätzte ich besonders eben den Spielort der Alten Feuerwache, weil man ihn den jeweiligen Anforderungen der Regiekonzeption anpassen konnte, so dass er sich dem Publikum als überall zu bespielende Raumbühne, wie bei meiner Inszenierung in der Punk-Adaption des Shakespeare – Klassikers „Troilus und Cressida“ (mit dem jungen Sven Sorring in der Hauptrolle und der Saarbrücker Band „Black Eyes Blonde“) präsentieren konnte. Und dann wieder als Guckkastenbühne für Klassikerinszenierungen von mir wie Kleists „Käthchen von Heilbronn“ oder Sternheims „Bürger Schippel“.

Page 1 of 2