Verlag: J.G. Seume Blog

Autor: Prof. Peter Winterhoff-Spurk (Page 1 of 3)

Mei Spróóch

Moselfränkisch – ein europäischer Dialekt

Karl der Große, wie ihn Albrecht Dürer 1513 sah. (gemeinfrei, https://de.wikipedia.org/wiki/Karl der Große#/media/File:Dürer karl der grosse.jpg

Als der kleine Karl, der später mal „der Große“ genannt werden sollte, sich im Jahr 755 beim Spielen auf dem elterlichen Anwesen einen Milchzahn ausschlug – was mag er da gerufen haben? „Homines sumus, non die“? Oder doch eher: „Droff geschass“ ? Vermutlich Letzteres, denn seine Muttersprache soll Fränkisch gewesen sein. Und der derbe Fluch – Übersetzung unnötig – findet sich bis heute im Wörterbuch des Moselfränkischen (moselfranken.hpage.de) Dieses Moselfränkisch wiederum ist ein Kind des Altfränkischen.

Wie man Altfränkisch angesichts eines ausgeschlagenen Zahns geflucht hat, wissen wir natürlich nicht. Schon gar nicht, was am Königshof der Eltern an derben Sprüchen erlaubt war. Moselfränkisch dagegen wird heute noch von rund drei Millionen Menschen im belgisch-deutsch-französischen-luxemburgischen Grenzraum gesprochen. Es gilt als einer der lebendigsten Dialekte Deutschlands. In Luxembourg ist es sogar eine der drei Nationalsprachen. Es hat Lehnwörter aus dem Keltischen (koa- Schubkarre), Lateinischen (Viez – vice vinum), Französischen (Pottmannee – Portemonnaie) und Jiddischen (Zores- Ärger). Das Motto ‚Mir schwätze Platt‘ ist also der Gebrauch eines historisch und regional tief europäisch geprägten Dialekts. Und Charlemagne ist gewissermaßen sein Urgroßvater.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Moselfrankisch.png

Dem Zugereisten allerdings kommt zuerst manches Spanisch vor. Dass ‚et‘ eine Frau meint, dass ‚nehmen‘ konsequent durch ‚holen‘ ersetzt wird (und einem bis heute niemand erklären kann, warum das so ist), dass ‚Bädseechersalat‘ Löwenzahnsalat ist, dass ein ‚Flappes‘ ein Spaßvogel ist, dass ein ‚ Laitsgeheier‘ eine Nervensäge ist u.v.m.(vgl. → moselfranken.hpage.de). Aber es ist ein, ja, manchmal fast märchenhafter Dialekt, weil er etwas altertümlich daher kommt, bildhaft und humorvoll ist und voller Lebensweisheiten steckt. (Der Autor schafft es an dieser Stelle nicht, auf die Erwähnung einer für Norddeutsche äußerst schwierigen Situation zu verzichten: Erstmals bei einer moselfränkischen Familie zu Gast, reicht der Hausherr nach einem guten Essen ein Tablett mit Hundsärsch mit den Worten herum ‚Ei, holle se sich doch enner runner!‘ – ‚Hier? Jetzt?‘ wird er entsetzt fragen und die Antwort erhalten ‚Jo, das dut gudd nach‘m Esse!‘.)

Das Überraschende ist: Die moselfränkisch sprechenden Saarländer hören es nicht sonderlich gerne, wenn man ihren Dialekt schätzt. Sprachlich gesehen, wären sie wohl lieber Hannoveraner oder Hamburger. Oder Bielefelder.

Glücklicherweise ändert sich das langsam wieder. Die Globalisierung bringt gerade in den Grenzregionen die Menschen wieder zu ihren Wurzeln zurück. Ein wunderbares Beispiel ist ein Lied des moselfränkischen Chansoniers Hans-Walter Lorang, der ‚Mosel-Fränkie‘ besingt das Moselfränkische so:

Mei Spròòch

Mei Spròòch, die is ganz äänfach

Mei Spròòch, die is nét schwer

Mei Spròòch, dat is en Stick von óus

Un eich schwätzen se gäär

Mei Spròòch hann se ma ginn

Die wo vor mir woar´n

Un gesaat: Paß gudd dróff óff

Sonschd geht se da valoar

Mei Spròòch braucht nét vill Werta

Se macht nét vill daher

Se saat dat wat se denkt

Doch dat heert nét jeder gäär

Mei Spròòch vasteht nét jeda

Nur der der wo aach maan

Nur dem der wo en Spròòch hat

Dem kann se ebbes saan

Mei Spròòch dat is óusa Land

Dat is da Boddem unna óusan Féiß

Mòòl schwer wie Lehm mòòl leicht wie Sand

Mòòl Felsen unn mòòl Gréiß

Mei Spròòch, die is ganz äänfach

Mei Spròòch, die is nét schwer

Mei Spròòch, dat is en Stick von óus

Un eich schwätzen se gäär

Mei Spròòch vasteht nét jeda

Nur der der wo aach maan

Nur dem der wo en Spròòch hat

Dem kann se ebbes saan

Mei Spròòch

(mit Erlaubnis des Autors; Text: Hans Walter Lorang  Musik: Richard Bauer. Mei Sprooch, 14 Lieder, CD, LEICO 8292, 1992)

(gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dialectes_de_Moselle.svg)

Am Beispiel des Moselfränkischen zeigt sich auch immer der Stand des politischen Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich: Dialekte waren in Frankreich nach der französischen Revolution nicht mehr wohlgelitten. Der französische Zentralismus verlangte – ab 1794 – eine einheitliche Sprache für die ganze Nation. Natürlich gingen die Regionalsprachen und –dialekte nicht unter. Die Kinder lernten und sprachen in der Schule Französisch und daheim ihren regionalen Dialekt. Für Lothringen war das Jahr 1871 sprachpolitisch eine Wende: Die Deutschen machten Deutsch 1872 zur Amtssprache und entsprechend erfolgte der Schulunterricht auch auf Deutsch.1918 – Lothringen war nun wieder französisch – kam eine erneute Wende. Wie zuvor der Gebrauch des Französischen wurde nun das Deutsch sprechen der Schüler streng bestraft .Für 22 Jahre war nun wieder Französisch Amts- und Schulsprache – bis 1940. Da ging es bis 1945 wieder anders herum, nunmehr war das Französische verboten, sein Gebrauch wurde streng bestraft. Nach Kriegsende griff wieder die restriktive französische Sprachpolitik, Deutsch und verwandte Dialekte verschwanden aus Schule und Politik. Das entsprach allerdings auch der politischen Großwetterlage: Zu gravierend waren die Folgen des Krieges und der deutschen Besatzung im Bewusstsein der Bevölkerung. Kaum ein Kind lernte in diesen Jahren von den Eltern oder Großeltern noch Platt.

Erfreulicherweise ändert sich das aber seit den 90er Jahren wieder, insbesondere das Platt – also der Dialekt – findet beiderseits der deutsch-französischen Grenze wieder alte und neue Freunde. So kann man sich nur wünschen, dass dieser warmherzige Dialekt seine grenzüberschreitende  Funktion neu erfüllen kann. Es ist ja: ‚Dieselwich Spròòch‘!

De Grenz

Daselwich Boddem

Dieselwich Stään

Dieselwich Hecken

Dieselwich Bääm

Daselwich Wénd

Daselwich Reen

Dieselwich Vichel

Die wo fléin

Von dò no héi

Von héi no dò

Dieselwich Spròòch

Dieselwich Fròh:

Wo is dann lò

En Grenz?

Grenzen

Hat da Mensch erfónn

Do kamma mòòl gesinn

Wie dómm

Der is.

(mit Erlaubnis des Autors, Text: Hans Walter Lorang  Musik: Richard Bauer.

Heer mòòl, 30 MússikGedichda, CD, LEICO 8803, 2017

Projekt ‚Steine an der Grenze‘, gemeinfrei; https://de.wikipedia.org/wiki/Steine_an_der_Grenze#/media/File:Schneider_Paul_Durchblick.jpg)

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Fronkraisch?

„Steine an der Grenze“ zwischen dem Saarland und Lothringen.  Auf diesem Grenzweg werden die Spaziergänger zweisprachig begrüßt. (Foto: Volker Hildisch)

‚Nichts‘ – antworten Saarländer häufig, wenn man sie fragt, was denn das Französische an Ihrem Land sei. Der Zugezogene stutzt, ist er doch nicht selten eben wegen des französischen Flairs – ‚sarrois vivre‘ – hierher gezogen. Fremd- und Selbstwahrnehmung liegen offenbar weit auseinander.

Setzt man nach, hört man als Antwort, nach einem Moment des Nachdenkens: ‚Die Franzosen‘. Und das stimmt ja auch: Rund 18.000 Franzosen pendeln täglich zur Arbeit ein – die Großregion Saar-Lor-Lux ist immerhin der zweitgrößte grenzüberschreitende Arbeitsmarkt Europas. Und sie kommen als Kunden: Etwa ein Drittel ihres Umsatzes machen die grenznahen saarländischen Geschäfte mit ihnen.
Gut, also die Franzosen. Was noch? Die Befragten räumen ein: Zugegeben, die regionale Küche und die Freude an gutem Essen seien möglicherweise auch französisch beeinflußt. Nicht umsonst sagt der Volksmund hier, ‚Mir wisse, was gudd is‘ und ‚Hauptsache, gudd gess …‘. Es gibt auch ein noch überzeugenderes Argument: Nirgendwo in den Flächenstaaten der Republik ist die Zahl der Restaurants mit Michelin-Sternen pro Kopf so hoch wie im Saarland: 8 Sterne erleuchten das Land 2018 kulinarisch. 124.273 Saarländer pro Stern. Und als Dreingabe: Acht Bib Gourmandes – das ist schon mal eine Ansage.
Die Franzosen und ihre Küche – das soll wirklich alles sein? Der Zugereiste denkt: Frankreich hat doch, schon nach erstem Eindruck, so viel mehr Spuren im Saarland hinterlassen.

Da ist zum Beispiel die Architektur: Der berühmte Barock-Baumeister Friedrich-Joachim Stengel (1694-1787), beispielsweise, wurde von seinem Landesherrn Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken (1718-1768) nach Versailles geschickt – zum Studium der Architektur. Das hat sich in seinen zahlreichen Bauten im Saarland niedergeschlagen – wie etwa in der Gestaltung des wunderschönen Ludwigsplatzes in Saarbrücken. Oder die ehemalige französische Botschaft an der Saar, ein Bau des Le Corbusier-Freundes Georges-Henri Pingusson – bis heute ein architektonisches Schmuckstück der Stadt.

Oder das kulturelle Leben des Saarlandes: Die Franzosen haben die Schule für Kunst und Handwerk gegründet, aus der die Hochschule der Bildenden Künste hervorging. Desgleichen geht die Hochschule für Musik – 1947 nach Vorbild des ‚Conservatoire de Paris‘ gegründet – auf eine französische Initiative zurück. Schließlich die Universität des Saarlandes: Sie wurde 1947 als Außenstelle der ‚Université de Nancy‘ in Homburg gegründet. Alle drei prägen nach wie vor mit frankophilen Aktivitäten das kulturelle Leben des Landes.

Und heute? Es gibt die deutsch-französische Hochschule, eines von drei deutsch-französischen Gymnasien Deutschlands, rund 200 zweisprachige Kindergärten, mehr als in jedem anderen Bundesland. Französisch ist Pflichtfach in den Grundschulen, darüber hinaus existieren zahlreiche bilinguale Angebote an weiterführenden Schulen. Der Saarländische Rundfunk produziert – neben vielen allgemeinen medienpolitischen deutsch-französischen Aktivitäten – regelmäßig grenzüberschreitende Sendungen für Fernsehen (‚Wir im Saarland. Grenzenlos‘) und Hörfunk (u.a. Sendungen „Rendezvous Chanson“, „Voyages“, „HörspielZeit“ sowie das deutsch-französische Magazin „ici et là“).

Einrichtungen und Einflüsse zu Hauf, aber was kommt davon bei den Saarländern wirklich an? Also: Was ist das Französische an ihnen? Was dem Fremden zunächst auffällt, sind die vielen Familien mit französisch-wallonischen Wurzeln im Lande: Die Berangs, Commerçons, Deschamps, Detemples, Duponts, Grandmontagnes, Lafontaines, Villeroys. Sie und die anderen Saarländer verwenden bis heute zahlreiche Wörter, die aus dem Französischen stammen: Dussma (= ‚doucement‘), Flemm (= ‚avoir la flemme‘), Hissje (= ‚huissier‘), Kulong (= ‚couler‘), Plummo (= ‚plumeau‘), Pussieren (= ‚pousser‘), Schesselong (= ‚chaise longue‘), ‚Budding‘ (= ‚boudin‘). Der Saarländer ‚hat kalt‘ (j’ai froid‘), wenn er bei winterlichen Temperaturen ‚der Butter‘ (‚le beurre‘) kaufen will. Er und sie sagen ‚Merci‘ und ‚E gudden bonjour‘, aber niemals ‚Salu‘!

Und Saarländer kaufen gerne in Frankreich ein: Baguette, Fisch, Fleisch, Käse, Weine, Champagner und Crémant schmecken einfach besser, wenn man sie jenseits der Grenze gekauft hat. Saarländer wohnen, arbeiten und feiern in Orten mit französische Namen: Beaumarais, Picard, Saarlouis. Saarländer haben Häuser kurz hinter der Grenze und Ferienhäuser an den lothringischen Weihern, fliegen in einer Stunde vom Flughafen Metz/Nancy an die Côte d‘Azur oder fahren in einer Stunde und 50 Minuten mit dem TGV nach Paris. Sie feiern das deutsch-französische Festival der Bühnenkunst ‚Perspectives‘, das Festival“ Loostik“ mit deutschen und französischen Theaterstücken für Kinder, den Bal populaire am 14. Juli, die Fête de la Musique , das Weinfest Beaujolais Primeur – und die Siege der ‚equipe tricolore‘, wenn’s nicht gerade gegen die deutschen Jungs geht. Sie gehen in Forbach ins Theater ‚Carreau‘, nach Metz ins ‚Centre Pompidou‘ und nach Strasbourg auf den Weihnachtsmarkt. Spitze (südfranzösische) Zungen behaupten ferner, daß es in der Mode einen spezifischen Stil ‚sarro-lorraine‘ gäbe – mit allerlei bunten Schnällchen, Volants am ‚Hinnern‘ und glitzernden Pailletten. Auch hautenge Leggings erfreuen sich in allen Kleidergrößen und Altersgruppen großer Beliebtheit.

Ist das alles wirklich ‚Nichts‘? Sicher, nicht alle machen alles, es ist wohl eher so – je näher an der Grenze, je höher die formale Bildung, umso mehr. Und manches mag aufgesetzt, gar inszeniert sein. Aber auch darin zeigt sich ja eine besondere Note, denn die Inszenierungen sind eben französisch und nicht italienisch oder englisch oder sonst was.

So drängt sich der Gedanke auf, dass das Französische im Saarland längst assimiliert ist, gewissermaßen eingewachsen in die normale saarländische Identität. ‚Fronkraisch‘ ist – zumindest ein wenig – Alltag im Saarland. ‚Sarrois vivre‘ eben.

Anmerkung der Redaktion: Was ist Ihrer Meinung nach das Französische am Saarland? Schreiben Sie uns! 

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Ein Schlachtfeld als Ort des Friedens: die Spicherer Höhen

Das ist die deutsch-französische Grenze auf den Spicherer Höhen bei Saarbrücken, von Deutschland aus gesehen, an einem Sommertag im Juli 2018. Wanderer passieren sie, Jogger laufen an ihr vorbei, Mountainbiker radeln über sie hin. Deutsche, Franzosen und Menschen von woanders. Manche grüßen kurz, die Franzosen eher als die Deutschen: ‚Bonjour‘, ‚Guten Morgen‘. Ein friedlicher Ort.

Man sieht ihm nicht an, dass hier am 06. August 1870 eine der drei großen Schlachten (Wissembourg, Wörth und Spicheren) zu Beginn des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 stattgefunden hat. 843 deutsche und 820 französische Soldaten waren am Abend dieses Tages tot. 3.656 deutsche und 1.662 französische Soldaten lagen verwundet in Lazaretten und Krankenhäusern.

Einer der Toten: Hauptmann Franz Mudrack, auf dem breiten Wanderweg von zwei Kugeln tödlich in die Brust getroffen. Hinterließ er eine verzweifelte Kriegerwitwe, die um ihn trauerte? Weinende Kinder, die fortan am Sedantag an ihn denken mußten?

Unter den Opfern auf französischer Seite: Capitaine Charles Auguste de Beurmann, 1829 im elsässischen Wissembourg geboren, wenige Kilometer von der deutsch-französischen Grenze:

Was hat seine Mutter gefühlt, als sie der Brief mit der Todesnachricht erreichte, was seine Freunde?

Besonders absurd: Der Sterbeort des preußischen Generalmajors Bruno Hugo Karl Friedrich von François. Der Name sagt es: Er stammte aus einer normannischen Hugenottenfamilie, die nach der Widerrufung des Edikts von Nantes 1685 nach Deutschland gekommen war.  Fast schon am Ende der Schlacht, um 16.00 Uhr, wurde er von französischen Scharfschützen getroffen. Seine letzten Worte sollen gewesen sein:  „Es ist doch ein schöner Tod auf dem Schlachtfelde; ich sterbe gern, da ich sehe, dass das Gefecht vorwärts geht.“

(Von Gio von Gryneck – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14689098)

Der Anderen wird gedacht, mit pompösen Denkmälern, wie diesem für das Niederrheinische Füsilier-Regiment Nr. 39, gestiftet von ihren Regimentern, bis 1918 jedes Jahr geschmückt, gepflegt und befeiert:

Auch die Franzosen haben ein Denkmal für Ihre 1870 gefallenen Soldaten errichtet:

Insgesamt 7.000 Menschen und ihren Familien hat der 06. August 1870 Leiden und Tod gebracht.

Und heute? Deutsche und Franzosen treffen sich beim „Woll“, einem Restaurant direkt hinter der Grenze, auf der französischen Seite. Man spricht Deutsch (auch die Eigentümer sind Deutsche) und Französisch, Saarländisch und Platt, man isst „Flamm“ (-kuchen), trinkt einen Riesling, wer mag, bekommt auch Froschschenkel, und man schaut in die friedliche lothringisch-saarländische Landschaft.

‚Jeder Schuß‘ ein Russ, jeder Stoß ein Franzos‘ – längst vorbei, längst vergessen. Auch die beiden Weltkriege sind Geschichte, noch im Bewusstsein der Menschen und auf den Spicherer Höhen präsent, aber im Alltag kaum noch zu spüren. Das zeigt ein erst im Mai 1997 aufgestellter, von amerikanischen Veteranen gestifteter M 24 Chaffee Panzer: Dass er nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, wurde deutlich, als Unbekannte die Kanone mehrfach rosa anmalten. Wem das Denkmal zu martialisch ist, der möge aber daran denken, dass die Amerikaner am 21. Februar 1945 als Befreier nach Spicheren kamen. Sicherlich ist es auch eine versöhnliche Geste der Gemeindeverwaltung gegenüber den deutschen Nachbarn, den Panzer mit einer nach Frankreich gerichteten Kanone aufgestellt zu haben.

Die Menschen hier sind inzwischen gute europäische Nachbarn geworden, man respektiert sich, mag sich und geht sich gelegentlich auf die Nerven. Saarländisch-lothringische Normalität, so wohl nirgendwo in Deutschland zu erleben. Vergessen wir aber nie, wenn wir – nun von der französischen Seite aus gesehen – über diese Grenze wandern, joggen oder radeln: Wo am 06. August 1870 Deutsche und Franzosen einander umbrachten, ist nunmehr seit 73 Jahren Frieden!

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Dänen lügen nicht: Bielefeld existiert wirklich!

Ich habe in Bielefeld gelebt, mehr als 13 Jahre. Bin dort zur Bückhardtschule und zur Falk-Realschule gegangen, habe eine Lehre bei der Stadtsparkasse Bielefeld gemacht, bin auf die Alm zu den Heimspielen von Arminia Bielefeld gepilgert, habe die Tanzstunde bei Thielemann & Richter überstanden, reichlich Spengemanns Bratwürste und gelegentlich Pickert gegessen sowie später, auf dem Westfalenkolleg, das Abitur nachgeholt. Alles nur ein langer Traum?
Wie soll man beweisen, daß dem nicht so ist? Zeugen lassen sich bestechen, falsche Schilder aufstellen und im Internet kann man leicht eine Scheinwelt generieren. Aber es gibt – glücklicherweise – eine Institution in Deutschland, die verschwörungssicher ist – die Deutsche Bundesbahn. Hier möge man den Test machen – sie verkauft Fahrkarten nach Bielefeld!

Wem das nicht genügt, der kann bei der DB sicherheitshalber einmal Fahrkarten zu Phantasieorten bestellen. Er wird lernen müssen: Nach Entenhausen, Michelbinge oder Metropolis kann man keine Fahrtausweise erwerben! Oder er mag bei der Danske Statsbaner anfragen – Dänen lügen nicht: Auch sie fährt nach Bielefeld, zum Beispiel 08.52 Uhr ab Kopenhagen, an 16.51 Uhr in Bielefeld, für 304,– Dkr in der 2. Klasse!

Das hatte mich überzeugt. Ich würde nichts riskieren, wenn ich zur Realitätsprüfung nach Bielefeld fahren würde. Ich habe es dann Ende Mai 2018 getan und fand eine lebendige, gepflegte und interessante Großstadt mit rund 333.000 Bielefeldern. Dazu einen türkischstämmigen Taxifahrer, der mir sagte, dass Bielefeld für ihn die schönste Stadt der Welt sei. Inzwischen rund 30.000 Studenten mögen das – zumindest eine zeitlang – ähnlich sehen.
Wer Bielefeld nicht nur sehen, sondern auch noch begreifen will, muß zwei Museen besichtigen: Das Bauernhausmuseum im Bielefelder Stadtwald und das Historische Museum in der alten Spinnerei. Dort wird – museumspädagogisch exzellent aufbereitet – die Geschichte der Stadt von der ländlichen Leineweberstadt zur industriellen, evangelisch geprägten Großstadt mit den Schwerpunkten Textil, Maschinenbau, Nahrungsmittel und den Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel erläutert.

Bauernhausmuseum Bielefeld. Quelle: Wikipedia

Im Museum wird ein interessanter Ansatz verfolgt: Der Bauernhof wird als System begriffen, dessen Erhalt alle Aktivitäten untergeordnet waren und woraus sich letztlich alle Sitten und Gebräuche erklären ließen. Beispielsweise erbte in Ravensburg der Jüngste den gesamten Hof, weil er im Erbfall der Kräftigste war und durch ihn dem Altbauern zu Lebzeiten lange keine Konkurrenz erwuchs.

Ein Schmankerl ist ein Pumpernickel in Originalgröße, geschätzt 80x30x20 cm. Wem das auf den Kopf fällt, der wird dumm durch Brot.

Im Historischen Museum lernt man, daß die preußische Regierung die Ostwestfalen dazu gedrängt hat, die bäuerliche Leinenherstellung (‚Spinnen am Abend, erquickend und labend‘) auf industrielle Fertigung umzustellen. Zur Leinenherstellung wurden Maschinen benötigt – so entstand die Maschinenindustrie vor Ort. Arbeiter mußten zur Fabrik kommen – das ging am besten mit Fahrrädern. So entstanden rund 100 Betriebe – Dürkopp und Göricke sind wohl die bekanntesten-, in denen Fahrräder hergestellt wurden. Bis heute sollen rund 20 Millionen in Bielefeld gebaute Räder weltweit unterwegs sein. Auch hier ein Schmankerl: Bei der Firma Dürkopp (‚Jeder Schlürkopp ist bei Dürkopp‘) wurden auch wunderschöne Autos gebaut:

Dürkopp Knipperdolling 10/20 PS 1908. Quelle: Wikipedia

Weinberg im Winzerschen Garten. Quelle: Wikipedia

Und was wirklich kein ‚fake‘ ist: Inzwischen gibt es in Bielefeld auch einen Weinberg – im (wo sonst) Winzerschen Garten am Johannisberg! Schloß Johannisberg im Rheingau mag ja das älteste Riesling-Weingut der Welt sein; Bielefeld aber hat bald das jüngste!

 

Es bleibt die Frage: Wer hat und warum die Bielefeld-Verschwörung wirklich ausgeheckt? Bei der Beantwortung hilft die Überlegung: Cui bono? Hochgradig verdächtig ist natürlich der SC Paderborn, der einen alten Rivalen – den DSC Arminia Bielefeld – medial vernichten wollte. Wahrscheinlicher aber ist diese Erklärung: Es war der nordkoreanische Geheimdienst.

Der Grund: Dem ehrenwerten Führer Kim Jong-un ist während seiner Schulzeit in der Schweiz ein ostwestfälischer Pumpernickel auf den Kopf gefallen.

Diese traumatische Erfahrung spiegelt sich bis heute – unbewußt – in seiner Frisur wieder. Er versucht seitdem, Bielefeld aus seinem Bewußtsein zu eliminieren. Eifrige Gefolgsleute haben daraus die Bielefeld-Verschwörung konstruiert.

Wer also heute noch daran glaubt, dass Bielefeld nicht existiert, ist nichts als ein nützlicher Idiot im Dienste Nordkoreas!

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Zu Besuch bei Guy de Maupassant

© C. Spurk (2)

1648A: Wer diesen Code eintippt, betritt einen verzauberten Ort: Ein Gitter öffnet sich, gibt den Weg auf eine kleine Straße frei. Am Ende des Sträßchens liegt ein romantisch verwilderter Garten, dahinter die ‚Bastide du Bosquet‘ – ein französischer Gutshof aus dem 18. Jahrhundert. Seit 1993 ist er ein Hotel in Antibes mit vier Chambres d‘ Hôtes, voller alter Möbel, Gemälde und mit dem anheimelnden Holzgeruch eines alten Hauses.

Was die Bastide so bedeutsam macht, ist ein Besuch von Guy de Maupassant im Jahr 1886. Dort blieb der 36jährige, inzwischen erfolgreiche Schriftsteller den Winter über und schrieb: Den Roman „Mont Oriol“ und mehrere Novellen, darunter „Madame Parisse“:

„Ich saß auf der Mole des kleinen Hafens Obernon bei der Ortschaft La Salis, um hinter Antibes die Sonne untergehen zu sehen. Etwas so Wunderbares und Schönes hatte ich noch nie erblickt“. (→ weblitera.com – „Madame Parisse“)

Guy de Maupassant (1850 – 1893)

Ein sozialer Grenzgänger war er, aufgestiegen vom kleinen Beamten bis zum wohlhabenden Autor. So, wie der Unteroffizier Georges Duroy, der Protagonist seines wohl bekanntesten Romans ‚Bel Ami‘. Wer dem Geist der Zeit am Vorabend des ‚Fin de siècle‘ nachspüren will, kann in Maupassants ehemaligen Zimmer übernachten. Es ist das schönste Zimmer des Hauses. Furchtsame Naturen sollten jedoch den Raum darunter nehmen, denn de Maupassant spukt von Zeit zu Zeit noch in seinem damaligen Zimmer, auf der Suche nach einem verlegten Manuskript.

 


Ansonsten ließe sich noch über die Bastide anfügen: Gut und ruhig gelegen, sehr liebenswürdige und hilfsbereite Gastgeber, ein wunderbares französisches Frühstück mit exzellentem Baguette vom nahen Boulanger, eine kleine Bibliothek (→ lebosquet06.com).

In drei Minuten Entfernung das sehr empfehlenswerte Restaurant ‚La Brasserie de L‘Ilette‘ und als Geheimtip zum Besichtigen: Nein, nicht das Picasso-Museum, sondern das dem Zeichner der ‚les amoureux‘ gewidmete ‚Musée Peynet et du Dessin humoristique‘: Stilles Schmunzeln und lautes Lachen sind garantiert.

Für Saarländer, Pfälzer und Badenser sei noch hinzugefügt, daß man mit der Tochtergesellschaft der Air France, HOP, in einer Stunde Flugzeit von Straßburg (im Sommer auch von Metz/Nancy) nach Nizza kommt. Also durchaus mal ein verlängertes Wochenende wert. Aber nur mit dem Roman ‚Mont Oriol‘ im Gepäck!

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„Welch ein Geist, welch ein Herz, welch ein Charakter…“

Johann Gottfried Seume (Hans Veit Schnorr von Carolsfeld, 1798 )

… ist mit diesem seltnen Mann aus der Welt verschwunden!“, schrieb Christoph Martin Wieland nach dem Tod Johann Gottfried Seumes an den Verleger Georg Joachim Göschen.

Es wurde Zeit, daß der Verlag: J.G. Seume das Andenken seines Namensgebers mit einem Buch ehrt und pflegt. Nun hat dankenswerterweise der Germanist, Historiker und Vorsitzende der Johann Gottfried Seume Gesellschaft zu Leipzig e.V., Dr. Otto Werner Förster, eine neue Biographie über den Leipziger Spätaufklärer und Wanderer nach Syrakus geschrieben, das zur Leipziger Buchmesse erscheinen wird.

Wer ihn noch nicht kennt: Seume, 1763 in Poserna geboren, war Schüler der Alten Nikolaischule und Student der Theologie in Leipzig, bevor er als Soldat vom Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel als Soldat in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg vermietet wurde. Nach der Flucht aus dem hessischen, später dem preußischen Militärdienst studiert er in Leipzig Jura, Philosophie, Geschichte und Sprachen. Seine Studien schließt er mit Promotion und Habilitation ab: Dr. habil. Johann Gottfried Seume. Vier Jahre arbeitet er danach als Korrektor des Göschen-Verlags in Grimma, bevor er am 06. Dezember 1801 in Hohnstädt zu seinem berühmten ‚Spaziergang nach Syrakus‘ aufbrach. Nach weiteren Wanderungen – u.a.nach Polen, ins Baltikum, nach Russland – fristet er ein mühseliges Dasein als Autor und Hauslehrer in Leipzig.

Schwer erkrankt, reist er auf Einladung seiner Freunde 1810 zur Kur nach Teplitz, wo er am 13. Juni 1810 verstirbt. Otto Werner Förster beschreibt Seume so: „Lese ich Seume, bin ich immer wieder erstaunt über seine treffende Sicht auf die Zeit. Und dass sich nach mehr als zwei Jahrhunderten so viel scheinbar nicht verändert hat: Der Adel heißt jetzt Politiker, Konzernlenker,Großaktionär. Das Geld und die Werte – nun in einer Demokratie – erwirtschaften noch immer allein die Millionen Menschen »darunter«. Die ewigen Mitmacher, Bücklinge, Schleimer, den Klüngel gibt es noch immer. Seume schreibt, was er denkt, mit einem Bildungshintergrund und -Horizont, der weit mehr ist als »Wissen«: nämlich Durchschauen der Verhältnisse, Weltsicht, Verantwortung. Solche Sicht auf die Dinge schafft nicht nur Freunde. Aber angepasst an die gängige Meinung hat er sich nie. Ein »Selbstdenker« und wichtiger Autor, dem Aufklärungsjahrhundert verpflichtet und nur seinem Gewissen …“

Förster holt Seume wieder in das historische Gedächtnis der Deutschen zurück: Auch für uns Heutige ein Vorbild an Mut und Aufrichtigkeit in politisch schwierigen Zeiten. Er wird sein Buch an folgenden Terminen vorstellen:

  • Donnerstag, den 08.03.18, um 19.00 Uhr im Leipziger Museum für Druckkunst, Nonnenstraße 38, 04229 Leipzig,
  • Donnerstag, den 15.03.18, um 19.30 Uhr in der Weingalerie Leipzig, Dufourstraße 28, 04107 Leipzig sowie
  • Samstag, den 17.03.18, um 13.30 Uhr in der Buchhandlung Hugendubel, Petersstraße 12, 04109 Leipzig.

Buchcover Johann Gottfried Seume

Das Buch „Johann Gottfried Seume“ zum Preis von 19,90 € erscheint zur Leipziger Buchmesse (→ leipziger-buchmesse.de), die vom 15. bis 18. März stattfindet.

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Wiener Blut

© https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Thomas_Ledl

„Ich darf rühmen dass ich in Wien überall mit einer Bonhomie und Gefälligkeit behandelt worden bin , die man … in Residenzen nicht so gewöhnlich findet.“

Das schreibt der knorrige Syrakus-Wanderer Johann Gottfried Seume nach seinem 14tägigen Aufenthalt in der habsburgischen Residenz.

Auch heute verbindet der Tourist ‚Wien‘ mit ‚Gemütlichkeit‘ und die Stadt tut viel, um ihren Besuchern diesen Eindruck zu vermitteln: Da wird durch die Innenstadt fiakert, was das Pferd aushält, beim Heurigen die tiefe Erkenntnis (“ und wir wer‘n nimmer san…“) melancholisch besungen und am Neujahrsmorgen verkatert beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker mit gesummt: ‚Dididiii dididiiii dididi dididi dididi…“ Ja, das ist Wien. Auch. Aber es ist so viel mehr – die Hauptstadt der deutschsprachigen Literatur, ein Eldorado der Bildenden Kunst, Geburtsort der bitterbösen Gesellschaftskritik, Heimat des besten deutschsprachigen Theaters, Wiege der Wiener Klassik und moderner Musik. Je tiefer man bohrt, umso mehr überwältigt das allgemeine kulturelle Reizklima dieser Stadt, besonders aber die Grenzorte, drei von ihnen werden vorgestellt: Verborgen, kurios, beeindruckend.

‚… und wir wern nimmer sain…‘

Falcos Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof, Winter 201

„Der Tod, das muss ein Wiener sein“, singt Georg Kreißler. Das lässt sich nirgendwo so gut erleben, wie auf dem Wiener Zentralfriedhof. Drei Millionen Tote drängeln sich in rund 330.000 Gräbern, darunter Beethoven, Brahms, Salieri, Schubert, Schönberg, Curd und Udo Jürgens, Nestroy, Hans Moser, Franz Werfel, beide Straußens – und Falco, dessen Grab noch immer eine ‚Pilgerstätte‘ seiner Fans ist. Und natürlich: Alle österreichischen Bundespräsidenten seit 1945.

Aber Gräberhopping ist nicht grade faszinierend. „Da liegen’s halt“, denkt man. Interessant ist vielmehr die Entwicklung der Begräbniskultur in Wien, allem voran: Die Friedhofskirche. Sie ist – ausgerechnet – im Jugendstil erbaut, das aber in seiner schönsten Form. Individuell trauern kann man dort nicht, der Bau hat die kühle Repräsentativität eines romanischen Kaiserdoms. Deswegen haben sich wohl auch einige Heiligenfiguren eingeschmuggelt, vor denen die Hinterbliebenen Trost suchen. Rührend und skurril zugleich, wie es sich dort hineinmenschelt.

Der Höhepunkt ist zweifellos das Bestattungsmuseum – eines von rund 20 Sepulkralmuseen weltweit. Da wird deutlich, dass Beerdigungen und Grabmale fast ausschließlich weltliche Inszenierungen sind, bei denen der soziale Status des lieben Verstorbenen und seiner Familie für alle Anderen noch einmal definiert wird. ‚A schöne Leich‘ meint nicht das Antlitz des Vonunsgegangenen, sondern den teuren Trauerzug nach spanischem Hofzeremoniell. 250 Objekte stehen dort zum Gruseln bereit – vom Rettungswecker bei befürchtetem Scheintod bis zum Josephinischen Gemeindesarg. Wem das nicht reicht, der kann sich im Souvenirladen eine Zigarettenschachtel mit dem Aufdruck ‚Rauchen schafft Arbeitsplätze – Bestattung Wien‘ kaufen oder an der Langen Nacht des Bestattungsmuseums teilnehmen. (→ bestattungsmuseum.at)

‚Erbbiologisch und sozial minderwertig‘

© https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Anna_reg

Ein anderer Grenzort: Das Figurentheater Schubert. Figurentheater – Kasperle, Augsburger Puppenkiste, Dr. Faustus? Nein, es geht um Figurentheater für Erwachsene.

Während das zeitgenössische (Menschen-) Theater viel zu oft versucht, seine Zuschauer mit dröhnenden Bässen, Videoaufnahmen, Blut, nackten Schauspieler, schrägen Bühnen, Feuer, Nebelschwaden und überschwemmten Bühnen zu beeindrucken, setzt das Figurentheater auf das Gegenteil: Reizarmut statt Reizüberflutung. Der im Menschentheater oft genug sensorisch völlig überforderte Zuschauer erhält hier die Interpretationssouveränität zurück. Das Stück findet hauptsächlich in seinem Kopf statt. Er selbst muss hinzufügen, was auf der Bühne fehlt. Dieses Erlebnis kann dermaßen tief gehend sein, dass man sich nicht wundern würde, die Spielfiguren nach der Aufführung im Theatercafe an der Bar sitzend zu sehen. Durch die projektive Arbeit des Zuschauers gewinnen die Stücke eine unglaubliche Intensität.

Ein Stück des Wiener Schuberttheaters zeigt das so eindringlich, das der Wienbesucher es unbedingt ansehen sollte: ‚F. Zawrel – Erbbiologisch und sozial minderwertig‘. Es geht um das reale Leben von Friedrich Zawrel. Er fiel als Kind in die Wiener Euthanasieanstalt ‚Am Spiegelgrund‘ in die Hände des Arztes Dr. Gross, der ihn mit ‚medizinischen Versuchen‘ quälte. Zawrel überlebte und begegnete dem in der Nachkriegszeit zu hohen Ehren gelangten Arzt erneut in einem gerichtsmedizinischen Begutachtungsverfahren. Der Arzt beurteilt ihn – wie schon in der Nazi-Zeit – als ‚erbbiologisch und sozial minderwertig‘. Zawrel muss daraufhin für viele Jahre ins Gefängnis, erst 1981 kommt er wieder auf freien Fuß. Das Stück – in direkter Zusammenarbeit mit Zawrel entstanden – erzählt seine Leidensgeschichte: Umwerfend.
(→ schuberttheater.at)

Der magische Raum

Schloßtheater cesky Krumlov © https://en.wikipedia.org/wiki/User:Alexwardle

Noch so ein verborgenes Kleinod: Das Wiener Theatermuseum. Versteckt unter dem Dach findet sich eine kleine Ausstellung zur Geschichte des Bühnenraums. Die Simultanbühne – als die früheste, aus den Passionsspielen entstandene Form des Bühnenraums – bietet dem Zuschauer alle bespielten Plätze gleichzeitig dar, er wandert mit den Darbietungen von Ort zu Ort. In einem Modell der Donaueschinger Passionsspiele beispielsweise findet das letzte Abendmahl vor dem Dorfwirtshaus statt. Die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit wird aufgelöst. Die Handlung spielt für den Zuschauer ganzheitlich, im hier und jetzt.

Erst in der Renaissance und im Barock entstand der geschlossene Bühnenraum der Guckkasten- oder Kulissenbühne mit seiner zum Zuschauer hin offenen ‚vierten Wand‘. Hintereinander geschobene Kulissen vermitteln den Eindruck von räumlicher Tiefe, gespielt wurde gleichwohl überwiegend im vorderen Teil der Bühne. Auch die moderne Drehbühne ist eine Variante der Kulissenbühne. Gegenüber der Simultanbühne wird das Theater nunmehr artifizieller aber zugleich konzentrierter.

Neu sind Versuche, die Bühne zu einem Raum zu machen: Die Raumbühne ermöglicht dem Zuschauer die Sicht von allen Seiten auf das Bühnengeschehen. Er wird (wieder?) stärker einbezogen in das Geschehen, das aber im geschlossenen Theaterraum verbleibt.
In einer zweiten Ausstellung zeigt das Museum unter dem Titel ‚Der magische Raum – Bühne, Bild, Modell‘ Modelle von konkreten Bühnenbildern auf den jeweiligen Bühnenräumen der verschiedenen Epochen.

Und dann gibt es noch eine ganz zarte Zugabe obendrauf: Das Figurentheater von Richard Teschner. Teschner erfand in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einen Figurenspiegel, der den Guckkasten ersetzen sollte. Hinter einem Hohlspiegel erzählen von Puppenspielern geführte Stabfiguren wortlos Geschichten, die den intimen Zuschauerkreis – es gehen nur etwa 40 Zuschauer in das Theaterchen – mitnehmen auf eine Traumreise (→ theatermuseum.at)

‚… das Feld hier zu groß…‘

Noch einmal zurück zu Johann Gottfried Seume: Er war vom Wiener Kulturleben offensichtlich ein wenig überfordert. Im ‚Spaziergang nach Syrakus’ schreibt er (1960, S. 42): „Für Kunstsachen und gelehrtes Wesen habe ich…nur selten eine glückliche Stimmung; ich will Dir also, zumal das Feld hier zu groß ist, darüber nichts weiter sagen.“ Dann also: Selbst hinfahren!

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