Verlag: J.G. Seume Blog

Autor: Claudia Spurk

‚Meine Kunst lasse ich nicht‘

Wunderkind, Ehefrau, Künstlerin: Clara Schumann zum 200. Geburtstag

Clara Schumann war erst ein Star, dann nur noch die „Frau von Robert Schumann“ und als eigenständige Person fast vergessen. Im Rahmen der Frauenforschung wird sie wiederentdeckt als ernsthafte Komponistin und als Frau im 19.Jahrhundert, die den Spagat eines Lebens als Künstlerin, berufstätige Ehefrau und schließlich alleinstehende Mutter zahlreicher Kinder bewältigten musste. Jetzt zu ihrem 200. Geburtstag gibt es eine Fülle von Veranstaltungen: Festwochen, Konzerte, Lesungen, Wanderungen auf ihren Spuren, dazu neue Biografien und neue Brief-Editionen.

Clara Schumann hat immer viele Projektionen auf sich gezogen: Sie wurde u. a. gesehen als Wunderkind, Teil des idealen romantischen Paares, als Muse und seelenvolle Unterstützerin ihres (genialen) Mannes, als Große Liebende (Schumann, Brahms), später auch als unterdrückte Frau, deren Mann ihre musikalische Entfaltung unmöglich machte, als Ehebrecherin, egoistische Karrierefrau, herzlose, kalte Mutter etc. Und sie war nicht ganz unschuldig an diesen Projektionen!Aber wer war diese Frau wirklich?

Geboren wird Clara Wieck am 13. September 1819 in Leipzig in der Zeit des Biedermeier. Die Ehe der Eltern wird geschieden, Clara beginnt erst mit vier Jahren zu sprechen und wird im 5. Lebensjahr dem Vater übergeben. Sie erhält Klavier-Unterricht  nach der von ihm entwickelten, reformpädagogischen  Methode und soll möglichst früh als Virtuosin reüssieren. Clara Wieck wird früh zur Grenzgängerin, wird früh eine öffentliche Person und bleibt beides ein Leben lang.

Clara Wieck 1832. Lithographie nach einem Gemälde von Eduard Fechner,

Clara debütiert als 7-Jährige, als 9-Jährige im Leipziger Gewandhaus und beginnt ihre Karriere als Wunderkind; viele Konzertreisen machen sie bekannt, der Vater „managt“ die Tochter, organisiert  Konzerte, Tourneen, kümmert sich um Werbung, Instrumente, Netzwerke, Behördengänge. Die Musik, die Auftritte, das Publikum, der Erfolg – darum dreht sich ihr Leben, in diesem Spannungsfeld entwickelt sich ihre Persönlichkeit. Der Vater beginnt in ihrem Namen ein Tagebuch, das sie Jahre später selbst weiterführt, während er korrigiert und Anmerkungen ergänzt – kein intimer Rückzugsraum, sondern (halb-)öffentliche Erziehung.

Als Grenzgängerin konzertiert sie in ganz Europa und kratzt immer auch an den gesetzten Geschlechtergrenzen: Die üblichen Beschäftigungen bürgerlicher Mädchen des 19 Jahrhunderts sind in ihrem Leben nicht vorgesehen. Dagegen gelingt ihr im Alter von 12 Jahren durch eine Tournee nach Paris der internationale Durchbruch. Sie spielt nun in der Spitzengruppe der europäischen Pianisten und Pianistinnen (z.B. Liszt), macht jahrzehntelang Tourneen nach Österreich, Frankreich, Dänemark, Russland, England. Das Image, das ihr Vater sorgfältig inszeniert, ist das des jungen, bescheidenen, schwärmerischen Mädchens mit Gefühl – der Idealtyp der deutschen Romantik. Sie kombiniert dieses Bild mit Virtuosität, Kraft und Temperament, einem Schuss subtiler Erotik und einem immer anspruchsvolleren, avantgardistischen Repertoire. Sie wird als ungewöhnlich wahrgenommen:  Sie führt neben Liszt als eine der ersten ab ihrem 18. Lebensjahr Beethoven-Sonaten auf, Beethoven, dessen Musik als sehr „männlich“ empfunden wird. Man redet von der „Männlichkeit ihre musikalischen Ausdrucks im Gegensatz zum Weibischen, Zerflossenen, Gefühlsduseligem“, in Frankreich von ihrer „energie masculin“ – was immer das bedeutet mag in Bezug auf Musik …

Clara ist ehrgeizig, selbstkritisch und lernt von Kindheit an Disziplin, Willensstärke, Tatkraft, Durchhaltevermögen, Sparsamkeit, sich mit anderen zu vergleichen, Öffentlichkeit auszuhalten und mit öffentlicher Kritik umzugehen – sie lernt zu kämpfen. Sie ist  Zeit ihres Lebens kompetitiv und wird sich ihr Leben lang gegen die Konkurrenz (auch die später nachwachsende, jüngere) zu wehren wissen. Ihr gelingt, was wenigen Wunderkindern gelingt: Sie arbeitet und bleibt bis ins hohe Alter erfolgreich.

Musik ist für sie überlebensnotwendig, der öffentliche Auftritte als Pianistin ihr Antrieb und Lebenselixir. Vermutlich auch Schutzwall: Schon als Kind lernt sie, sich  in schwierigen Situationen völlig auf die Musik zu konzentrieren und alles andere auszublenden.

Clara Wieck kurz vor ihrer Heirat mit Robert Schumann. Zeichnung von Johann Heinrich Schramm, 1840; R. Schumann, Lithographie v. J. Kriehuber, 1839



Clara Wieck und Robert Schumann lernen sich im Hause Wieck kennen (sie ist 11), sie verlieben sich (sie 16, er 25) und wollen heiraten (sie ist 18): in den Augen von Claras Vater eine Katastrophe! Nachvollziehbar aus seiner Sicht, nicht nur weil er sein „Produkt“ und damit eine sprudelnde Einnahme-Quelle verliert, sondern auch weil er durchaus die dunklen Seiten Roberts kennt und die Auswirkungen auf die Karriere seiner Tochter – zu Recht –  vorhersieht und fürchtet.

Unter den Augen der Öffentlichkeit löst sie sich aus der symbiotischen Beziehung zu ihrem Vater, packt an, organisiert ihre Konzertreisen und Auftritte selbständig – eine riesige logistische Leistung neben dem Konzertieren. Dann der Skandal: Vor Gericht wird die Heiratserlaubnis erstritten!

Clara und Robert planen eine Künstlerehe auf Augenhöhe – die frühromantische Idee einer Verschmelzung beider Individuen in der Kunst. Bis es dazu kommt, sind sie immer wieder monatelang getrennt, Clara wird überwacht, auf Konzertreise geschickt, schreibt heimlich Briefe. Und damit wächst die Sehnsucht, die Erwartungen werden immer größer, die gegenseitigen Idealisierungen – „Wenn wir uns nur erst haben!“

Sie ist die Realistischere, Lebenstüchtigere, Zupackendere, trotz aller Schwärmerei in vielem das Gegenteil von ihm. Auch hier setzt sie sich über Grenzen der Frauen im 19. Jahrhundert hinweg – eine 18. Jährige stellt Bedingungen: „Ich will nicht Pferde, nicht Diamanten, ich bin ja glücklich in deinem Besitz, doch aber will ich ein sorgenfreies Leben führen und ich sehe ein, dass ich unglücklich sein würde, wenn ich nicht immerfort in der Kunst wirken könnte.“ „Bin ich ein kleines Kind, das sich zum Altar führen lässt wie zur Schule? Nein Robert! Wenn du mich Kind nennst, das klingt so lieb, aber wenn du mich Kind denkst, dann trete ich auf und sage: Du irrst!“ Es ist eine herzzerreißende Liebensgeschichte – so viel Liebe, so viel Sehnsucht, so viele Idealisierungen. Und sie findet unter den Augen der Öffentlichkeit statt.

Beide teilen den Enthusiasmus für die Musik, sehen sich als Elite zusammen mit anderen Künstlern, inspirieren sich gegenseitig, spornen sich an. Robert animiert sie zum Komponieren. Clara ist sich ihrer Fähigkeiten als Pianistin sicher, aber als Komponistin ist sie unsicher. Ihre Kompositionen finden gerade wieder verstärktes Interesse, wären aber ein weiteres Thema. Sie geben eine gemeinsame Lieder-Sammlung heraus, ohne anzugeben, welche von wem stammen. Zwei starke Künstlerpersönlichkeiten, die sich ergänzen, sich bewundern.

Und da ist der Alltag: viele Belastungen, viele Konflikte. Schon früh mahnt sie, er müsse in der Ehe aber „das Eine“ lassen. Meinte sie den Alkohol oder homosexuelle Kontakte, wie immer mal wieder spekuliert wurde? Robert  bestärkt sie zwar im Komponieren, möchte sie aber vor allem als Hausfrau und nicht als Pianistin ständig auf der Bühne sehen. Und der deutlich Ältere führt ein gemeinsames Ehetagebuch ein…

Der Alltag: Robert, der schon als Kind berühmt werden wollte, erlebt zahlreiche Niederlagen: Clara ist der Star, er der „Mann von Clara Schumann“. Er kehrt den Familienvater heraus, will seine Frau zu Hause haben. möchte selbst gesellschaftliche Anerkennung. Er hat einen Star geheiratet, kann aber nicht gleichziehen, schon gar nicht sie übertrumpfen. In diesem Punkt bleibt er den bürgerlichen Vorstellungen seiner Zeit verhaftet – und die sahen als Tugenden der Frau Fleiß, Sparsamkeit, Treue und Häuslichkeit vor. Eine Einstellung, die Clara in vielem teilt: bei ihr heißt es Pflicht, Fleiß, Disziplin von Kindheit an, weshalb sie auch zurücksteckt, Vieles auf sich nimmt und versucht, seine Karriere zu fördern. Aber auch: „Meine Kunst lasse ich nicht!“ Die Ausübung ihrer Kunst ist auch lebensnotwendig für den Erhalt der Familie und dämpft ihre Panik vor dem sozialen Abstieg.

Der Alltag: Clara ist schwanger, in den 16 Jahren ihrer Ehe fast permanent. Eine riesige körperliche Belastung, zudem das Risiko bei einer Geburt zu sterben damals enorm hoch war! Acht Kinder überleben. Die Virtuosin Clara gerät durch die Ehe mit Robert und ihre Mutterrolle in den Konflikt, den ihr Vater befürchtet hatte.

Der Alltag: Sie unterstützt ihn, während ihre kreativen Spielräume immer enger werden. Wann und wo soll sie üben, um ihr überragendes Niveau zu halten? Sein Komponieren geht vor, er braucht Ruhe. Sie tritt zwar auf und geht auch auf Konzertreisen, denn sie brauchen das Geld, die Häufigkeit ihrer Auftritte aber reduziert sich drastisch. Geplante Tourneen, bei denen Robert  sie anfangs begleitet, werden oftmals zusammengestrichen oder finden nicht mehr statt, weil er häufig krank wird. Robert ist nur einer kleinen Gruppe von Künstlern und Kunst-Interessierten bekannt; Clara wird seine größte Fürsprecherin, sie spielt seine Musik, bringt sie in die Öffentlichkeit.

Für Clara sind ihre Auftritt und Triumphe, das Leben in der Öffentlichkeit existentiell, dafür wurde sie erzogen, dafür lebt sie. „Ich fühle mich berufen zur Reproduktion schöner Werke, es ist mir die Luft, die ich atme.“ So wie es nun ist – so hat sie sich die Ehe mit Robert nicht vorgestellt: Ihr Lebenskonzept war ein anderes. Bereits 2 Jahre nach der Hochzeit spricht Robert von Schwindelanfällen, großer Nervenschwäche. Es häufen sich Phasen „trübster Melancholie“, Schlafstörungen, starke Hörstörungen und Artikulationsstörungen. Aber langsam beginnt er bekannter zu werden und hat endlich auch bürgerlichen Erfolg: er wird Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf. Jedoch die Lage spitzt sich zu: es wird deutlich, dass er weder belastbar ist, noch Durchsetzungsfähigkeit, Organisationsfähigkeiten oder Autorität den Musikern gegenüber besitzt. Er leidet an schweren Depressionen, Angstzuständen, Gehörtäuschungen. Die Ehe ist schwerst belastet.

 Lithographie von Eduard Kaiser, 1847

Ist das noch der Mann, den sie gegen alle Widerstände geheiratet hat? Sieht so das ersehnte Zusammensein, das sie sich so schwer erkämpft haben, die ideale Künstler-Symbiose? Sollte der Vater Recht behalten? An Clara hängt alles, soll das praktische Leben funktionieren. Sie ist verzweifelt, erschöpft, zermürbt. Aber soll das öffentliche Bild des romantischen Paares zerfallen? Kann eine Persönlichkeit wie sie das zulassen? Clara geht an ihre Grenzen, kämpft für ihn, springt ein, übernimmt Teile seiner Tätigkeit. Diese so schwer erkämpfte, gegen schwerste Widerstände geschlossene Ehe MUSS zumindest nach außen funktionieren. Die Geschichte der beiden Königskinder: so süß, so tragisch….

Nach einem Selbstmord-Versuch kommt Robert Schumann in eine Nervenheil-Anstalt. Der 20-Jährige Brahms („dem Robert sein Johannes“, Clara S.) besucht ihn, kümmert sich um die Schumann-Kinder, zieht bei Schumanns ein und verliebt sich in Clara. Sie verdient das Geld mit ihren Konzerten und geht nach ihrer letzten Schwangerschaft wieder auf Konzertreisen.

 Johannes Brahms (um 1855)

Zwei neue Königskinder, eine neue romantische Inszenierung? Die Geschichte ist einfach zu verführerisch: Ein 20-Jähriger verliebt sich in die traurige, belastete, virtuose, berühmte Frau seines Idols und sie – 14 Jahre älter – sieht vielleicht wieder einen genialischen, schwierigen, jungen Mann, der sie anhimmelt, ihren Rat braucht, aber sie auch stützt. Verbunden durch die Leidenschaft für die Musik. Wie weit die Liebe ging – Genaues weiß man nicht, aber das verstärkt ja nur die Lust am Spekulieren….

Robert Schumann stirbt nach zwei Jahren. Es wurde immer wieder heftig über die Ursache gestritten. Am wahrscheinlichsten ist, dass er an einer Syphilis litt, die er sich in jungen Jahren zuzog. Clara besucht ihn in der Nerven-Anstalt erst nach zwei Jahren – das erste und einzige Mal. Folgt sie dem Rat des Arztes? Hat es mit Brahms zu tun? Will sie sich die Idealisierung erhalten? Ist sie einfach nur erlöst? Oder ist es eine Kombination von allem?

Es beginnt ihr zweites Leben – sie wird noch 40 Jahre leben!

Clara Schumann 1857. Photographie von Franz Hanfstaengl

Clara Schumann nimmt ihr Leben entschlossen in Hand: Sie konzentriert sich auf ihren Beruf als Pianistin und stellt das Komponieren ein. Das öffentliche Bild, die (Selbst-)Stilisierung, beschreibt nun eine lebens- und leidgeprüfte Frau, eine berühmte Virtuosin, das Oberhaupt der wahren Schule deutscher Musik. Sie stilisiert sich als die geliebte Frau von Robert Schumann – und nur von ihm.

Sie geht auf Distanz zu Brahms, bleibt aber ihr Leben lang mit ihm freundschaftlich und künstlerisch verbunden, setzt sich mit seiner Musik auseinander, fördert und fordert ihn als Künstler und hilft, ihn bekannt zu machen.  Obwohl erst Mitte 30 bindet sie sich nicht mehr. (Eine spätere Liebesbeziehung mit Theodor Kirchner beendet sie nach kurzer Dauer schwer enttäuscht. Muster: begabter Musiker, labil, wenig lebenstüchtig… Allzu bekannt?)

Die Kinder werden nach Roberts Tod (1856) auf Verwandtschaft und Pensionate verteilt. (Drei Kinder sterben vor ihr, ein Sohn endet in einer Anstalt für unheilbar Geisteskranke.) Zwischen den Touren finden die Familientreffen statt. Danach folgen  ausgedehnte Tourneen in ganz Europa: Holland, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Schweiz, Österreich, Ungarn, Russland und immer wieder England, die sie auch an die Grenzen der physischen Belastbarkeit bringen. Dass eine Frau sich gegenüber ihrem Mann und ihren Kindern so verhält, wird ihr von einigen Freunden und Familienangehörigen und später von einigen Biografen übel genommen.

Mit Ende 50 nimmt sie die Stelle als „Erste Klavierlehrerin“ am neugegründeten Hoch´schen Konservatorium in Frankfurt an und installiert durch ihren Unterricht eine zukunftsweisende, internationale Aufführungspraxis. Ihr Vertrag dort ist äußerst großzügig und entspricht allen ihren Vorstellungen. Der Direktor des Konservatoriums meinte: “Mme. Schumann selbst kann ich eben wohl als Mann rechnen.“ Eine selbstbewusste Frau, die sich ihres Wertes bewusst war und sich „zu verkaufen“ wusste – schon wieder eine Grenze, die sie überschritten hat.

Ihr Ruhm als Pianistin beruht zum einen auf ihrer starken Bühnenausstrahlung, der  der exzellenten Vorbereitung und der durchdachten Dramaturgie ihrer Konzerte. Ihr öffentliches Bild ist das der „authentischen“ Vertreterin der „romantischen Schule“. Sie bemüht sich intensiv, die Intention des Komponisten herauszuarbeiten. Das Repertoire bestand vor allem aus Werken von Chopin, Mendelssohn, natürlich Schumann – aber auch schon sehr früh Beethoven, Bach und später Brahms. Mit ihrem Repertoire und der Dramaturgie hat sie bis heute die Klavier-Aufführungen nachhaltig beeinflusst.

Clara Schumann gibt 1891 im Alter von 71 Jahren ihr letztes Konzert, geplagt von Schwerhörigkeit, rheumatischen Beschwerden und Lampenfieber. Sie stirbt 5 Jahre später.

 C. Schumann 1887. Photographie aus dem Atelier Elliot & Fry, London.

Und noch einmal: Wer war diese Frau? Dazu gibt es viele Meinungen. Aber egal welche Sichtweise Sie bevorzugen oder welche Quellen Sie benutzen: Suchen Sie Clara Schumann und finden Sie eine europäische Künstlerin mit Ecken und Kanten, die weit über das Biedermeier hinaus zeigt, eine ungewöhnliche, spannende, facettenreiche und starke Frau!



Einige Veranstaltungen und Reisetipps:

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Angelika Superstar – Stoff für eine Soap-Opera


Ein Mädchen aus eher einfachen Verhältnissen zieht mit seinem Vater, einem Wandermaler, durch die Schweiz und Oberitalien, wird früh als Wunderkind gehandelt, entscheidet sich gegen eine Gesangskarriere, wird freischaffende Malerin und setzt dies gegen den Wunsch des Vaters durch; es folgen vielfältige Ausbildungen, Erfolge in verschiedenen italienischen Städten, Gerüchte über viele Flirts und Verlobung; sie wechselt nach London, baut sich ein Netzwerk aus wichtigen Persönlichkeiten auf, Ehe mit einem Heiratsschwindler, Erpressung, Scheidung, macht eine steile Karriere und wird zum gefeierten Star, nach 15 Jahren in London Heirat mit einem deutlich älterem Maler, der ihr den Rücken freihält, Umzug nach Rom mit weiter anhaltendem Erfolg und einem weithin gefeierten, intellektuellen Salon, Verbindungen zur gesellschaftlichen und geistigen Elite, Millionärin, bejubelt als „vielleicht die kultivierteste Erscheinung Europas“1, bewundert als „unglaubliches, (…) wirklich ungeheures Talent“2, und von Reynolds als „Miss Angel“3.

Eine moderne Geschichte? Nein, diese Angelika Kauffmann lebte von 1741-1807 – und überwandt geografische, kulturelle und sprachliche Grenzen!

Mein erster Kontakt mit dem Werk von Angelika Kauffmann, kam über Goethe. Das bekannteste Goethe-Gemälde ist wohl das vom Goethe-Tischbein „Goethe in der Campagna“ (1787).

Goethe in der Campagna

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein – Goethe in der Campagna, Rom 1787

Goethe war begeistert von diesem mit vielfältigen Bezügen aufgeladenen Bild. Mir war es immer zu inszeniert: Zu wenig der junge Goethe, zu viel der „Dichterfürst“. Es entsprach aber wohl dem, wie er gerne gesehen wurde.

Goethe PotraitWie anders das Porträt von Angelika Kauffmann: Keine Überhöhung, eher das „realistische“ Bild eines Mannes, dessen wache, „empfindsame“, attraktive, menschliche Seite gezeigt wird, das die starke Anziehung des „Menschen Goethe“ gerade in jungen Jahren auf Frauen und Männer verständlich macht. Goethe gefiel es nicht: „ Es ist immer ein hübscher Bursche, doch keine Spur von mir.“

Wer war sie, diese Angelika Kauffmann?
Die Vertreterin des sog. empfindsamen Stils war eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich willentlich dem Risiko einer freien Künstler-Existenz aussetzte, sich nicht in die klassische Rolle fügte, eine menschlich angenehme Netzwerkerin war, die energisch zu kämpfen und ihre Interessen zu verteidigen wusste. Eine Grenzgängerin par excellence.
Ihr grandioser Erfolg und die Bewunderung provozierte Klatsch, Unterstellungen, Abwertungen, besonders da sie nun mal eine Frau ist. Da ihr guter Ruf lebensnotwendig war, musste sie sich klug verhalten, zwischen Anpassung und Kampf.

So wurde ihr bei ihrer Ankunft sogleich eine Affäre mit Englands damals berühmtesten Maler Joshua Reynolds nachgesagt. Der Maler Nathaniel Hone reichte zur Jahresausstellung der königlichen Akademie ein Bild ein, dass Reynolds und eine Frau, die nichts außer schwarzen Strümpfen trägt – Angelika Kauffmann. Sie aber kämpft dagegen und gewinnt!

Royal-Academie

Den Zeitgeist beschreibt das Gemälde „Die Mittglieder der Royal Academy in London“ (1772): Angelika Kauffmann war Gründungsmitglied und – neben Mary Moser – die einzige Frau unter den 36 Mitgliedern der Royal Academy. Trotzdem durften weder sie noch Moser als Personen in diesem Bild erscheinen, da zwei männliche Aktmodelle dargestellt waren. Da Frauen männliche Aktmodelle nicht sehen durften, wurden die beiden als Bildnisse hineingemalt. Gleichzeitig wurde ihr aber vorgeworfen, sie sei „in der Anatomie des Nackten ungewiß“ – schwierig zu erfüllen, wenn man nicht hingucken darf!

Neben der Grenzgängerin, der Kosmopolitin, der weltläufigen Künstlerin gab es noch eine weitere Facette, die den Mythos „Angelika“ ausmachte, der „sweet daugher oft the mountains“4.

Der Ort Schwarzenberg, damals ein kleines Dorf im Bregenzerwald, war der Geburtsort des Vaters. Er wurde für Kauffmann zur „Seelenheimat“ und sie hat sich mehrmals und unterschiedlich alt in der dortigen Tracht gemalt. Viele ihrer Bekannten und Bewunderer schwärmten von ihrer ländlichen Herkunft und damit unterstellten verbunden „natürlichen Arglosigkeit“. Eine Freundin berichtet, Kauffmann habe den Wunsch geäußert, dass sie „dort gern ihr Leben zu beschließen (würde)…, denn die Menschen leben da unschuldig, wie die Kinder.“ Diese Verbundenheit wirkt umso überraschender, als sie nur dreimal in ihrem ganzen Leben dort war und jeweils nur zu kurzen Besuchen. Trotzdem hat sie brieflich und finanziell Kontakt mit Verwandten gehalten, ihnen einen Großteil des Erbes vermacht sowie eine Stiftung in Schwarzenberg gegründet.

Nun passt diese idyllisch-ländlich inszenierte angebliche Herkunft und die scheinbar „natürlich ländliche Einfalt“ und Arglosigkeit, die man der „sweet daugher of the mountains“ zugeschrieben hat, hervorragend in die zeitgenössische Haltung der „Empfindsamkeit“ und hat sicher auch zum Erfolg des Mythos „Angelika Kaufmann“ beigetragen. Auf der anderen Seite fällt auf, dass dieses Bild in krassem Gegensatz zu ihrem tatsächlichen von Konkurrenz, klugem Taktieren und Ehrgeiz geprägten Leben in internationalen Großstädten steht. Neben dem damaligen Zeitgeist („zurück zur Natur“), den Projektionen ihrer Zeitgenossen und der eigenen bewussten Arbeit an ihrem Image, handelt es sich hier vielleicht auch um eigene unbewusste, rückwärtsgewandte Idealisierungen in einem globalisierten Leben? Der Versuch, sich tief zugehörig zu fühlen? Ziemlich modern: das Zurück zum scheinbar „authentischen“ Leben, die Sehnsucht nach Wurzeln…

Ein paar Tage in und um Schwarzenberg lohnen sich auch für uns heute aus mehreren Gründen:

  • In der Pfarrkirche Schwarzenberg existieren noch die Apostelfresken, die die Malerin mit 16 Jahren gestaltete und das später entstandene, der Kirche gewidmete Hochaltarbild. Eine noch zu Lebzeiten geschaffene Büste erinnert an sie.
  • Das Angelika-Kauffmann-Museum zeigt wechselnde Ausstellungen zu unterschiedlichen Themen. (→ angelika-kauffmann.com)
  • Ein musikalisches High-Light ist die Schubertiade Schwarzenberg Hohenems, die (fast) alljährlich stattfindet und Musik auf international hohem Niveau präsentiert. (→ schubertiade.at)
  • In Egg, nur ein paar Kilometer entfernt, unbedingt probieren – das Sonntagsgasthaus: (→ adler-grossdorf.at)
  • Und nicht zuletzt: Die Landschaft, die Architektur, besonders die Mischung aus Tradition, Handwerkskunst und Moderne – am besten erwandern!

Angelika Kauffmann traf mit ihrer Malerei den Geschmack der Menschen zwischen Rokoko und Klassizismus. Manches wirkt auf uns wie das „hameau de la reine“ von Marie Antoinette, aber es lohnt sich, genau hinzuschauen. Berühmt wurde sie als Porträtmalerin und die besten ihrer Porträts (z. B. Goethe, Winckelmann, Garrick) zeigen häufig die Menschen hinter ihrem Ruhm, eher psychologisch, als heroisch. In ihren Selbstporträts kann man verfolgen, wie eine Frau sich zunehmend ihrer Rolle als Künstlerin, als Malerin bewusst wird. Und sie überspringt eine weitere Grenze und beschäftigt sich mit der Historienmalerei, die als „Königsdisziplin“ gilt, nach dem Zeitgeist nicht unbedingt für Frauen geeignet. Ihre Inhalte sind für uns häufig nicht mehr geläufig, scheinen uns manchmal langweilig. Ein Vergleich der Umsetzung dieser Themen bei verschiedenen Malern, zeigt aber teilweise interessante Unterschiede zwischen den oft heroischeren Helden und Kauffmanns Sicht der Geschichte.

Neugierig geworden? Wenn Sie die Bilder dieser ungewöhnlichen Frau sehen möchten, dann müssen Sie auch die ein oder andere Grenze überwinden – allerdings nur Ländergrenzen. Bilder von Angelika Kauffmann finden Sie u. a. hier:

Viele spannende und anregende Momente auf den Spuren einer faszinierenden Frau und Grenzgängerin!

 

1. Herder, Johann Gottfried

2. Goethe, Johann Wolfgang, allerdings mit der Einschränkung „unglaubliches, für ein Weib Wirklich ungeheures Talent“. Der Status des Genies – damals sehr en vogue – wurde nur Männern zugestanden.

3. Reynolds, Joshua

4. Keate, George

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