Verlag: J.G. Seume Blog

‚Meine Kunst lasse ich nicht‘

Wunderkind, Ehefrau, Künstlerin: Clara Schumann zum 200. Geburtstag

Clara Schumann war erst ein Star, dann nur noch die „Frau von Robert Schumann“ und als eigenständige Person fast vergessen. Im Rahmen der Frauenforschung wird sie wiederentdeckt als ernsthafte Komponistin und als Frau im 19.Jahrhundert, die den Spagat eines Lebens als Künstlerin, berufstätige Ehefrau und schließlich alleinstehende Mutter zahlreicher Kinder bewältigten musste. Jetzt zu ihrem 200. Geburtstag gibt es eine Fülle von Veranstaltungen: Festwochen, Konzerte, Lesungen, Wanderungen auf ihren Spuren, dazu neue Biografien und neue Brief-Editionen.

Clara Schumann hat immer viele Projektionen auf sich gezogen: Sie wurde u. a. gesehen als Wunderkind, Teil des idealen romantischen Paares, als Muse und seelenvolle Unterstützerin ihres (genialen) Mannes, als Große Liebende (Schumann, Brahms), später auch als unterdrückte Frau, deren Mann ihre musikalische Entfaltung unmöglich machte, als Ehebrecherin, egoistische Karrierefrau, herzlose, kalte Mutter etc. Und sie war nicht ganz unschuldig an diesen Projektionen!Aber wer war diese Frau wirklich?

Geboren wird Clara Wieck am 13. September 1819 in Leipzig in der Zeit des Biedermeier. Die Ehe der Eltern wird geschieden, Clara beginnt erst mit vier Jahren zu sprechen und wird im 5. Lebensjahr dem Vater übergeben. Sie erhält Klavier-Unterricht  nach der von ihm entwickelten, reformpädagogischen  Methode und soll möglichst früh als Virtuosin reüssieren. Clara Wieck wird früh zur Grenzgängerin, wird früh eine öffentliche Person und bleibt beides ein Leben lang.

Clara Wieck 1832. Lithographie nach einem Gemälde von Eduard Fechner,

Clara debütiert als 7-Jährige, als 9-Jährige im Leipziger Gewandhaus und beginnt ihre Karriere als Wunderkind; viele Konzertreisen machen sie bekannt, der Vater „managt“ die Tochter, organisiert  Konzerte, Tourneen, kümmert sich um Werbung, Instrumente, Netzwerke, Behördengänge. Die Musik, die Auftritte, das Publikum, der Erfolg – darum dreht sich ihr Leben, in diesem Spannungsfeld entwickelt sich ihre Persönlichkeit. Der Vater beginnt in ihrem Namen ein Tagebuch, das sie Jahre später selbst weiterführt, während er korrigiert und Anmerkungen ergänzt – kein intimer Rückzugsraum, sondern (halb-)öffentliche Erziehung.

Als Grenzgängerin konzertiert sie in ganz Europa und kratzt immer auch an den gesetzten Geschlechtergrenzen: Die üblichen Beschäftigungen bürgerlicher Mädchen des 19 Jahrhunderts sind in ihrem Leben nicht vorgesehen. Dagegen gelingt ihr im Alter von 12 Jahren durch eine Tournee nach Paris der internationale Durchbruch. Sie spielt nun in der Spitzengruppe der europäischen Pianisten und Pianistinnen (z.B. Liszt), macht jahrzehntelang Tourneen nach Österreich, Frankreich, Dänemark, Russland, England. Das Image, das ihr Vater sorgfältig inszeniert, ist das des jungen, bescheidenen, schwärmerischen Mädchens mit Gefühl – der Idealtyp der deutschen Romantik. Sie kombiniert dieses Bild mit Virtuosität, Kraft und Temperament, einem Schuss subtiler Erotik und einem immer anspruchsvolleren, avantgardistischen Repertoire. Sie wird als ungewöhnlich wahrgenommen:  Sie führt neben Liszt als eine der ersten ab ihrem 18. Lebensjahr Beethoven-Sonaten auf, Beethoven, dessen Musik als sehr „männlich“ empfunden wird. Man redet von der „Männlichkeit ihre musikalischen Ausdrucks im Gegensatz zum Weibischen, Zerflossenen, Gefühlsduseligem“, in Frankreich von ihrer „energie masculin“ – was immer das bedeutet mag in Bezug auf Musik …

Clara ist ehrgeizig, selbstkritisch und lernt von Kindheit an Disziplin, Willensstärke, Tatkraft, Durchhaltevermögen, Sparsamkeit, sich mit anderen zu vergleichen, Öffentlichkeit auszuhalten und mit öffentlicher Kritik umzugehen – sie lernt zu kämpfen. Sie ist  Zeit ihres Lebens kompetitiv und wird sich ihr Leben lang gegen die Konkurrenz (auch die später nachwachsende, jüngere) zu wehren wissen. Ihr gelingt, was wenigen Wunderkindern gelingt: Sie arbeitet und bleibt bis ins hohe Alter erfolgreich.

Musik ist für sie überlebensnotwendig, der öffentliche Auftritte als Pianistin ihr Antrieb und Lebenselixir. Vermutlich auch Schutzwall: Schon als Kind lernt sie, sich  in schwierigen Situationen völlig auf die Musik zu konzentrieren und alles andere auszublenden.

Clara Wieck kurz vor ihrer Heirat mit Robert Schumann. Zeichnung von Johann Heinrich Schramm, 1840; R. Schumann, Lithographie v. J. Kriehuber, 1839



Clara Wieck und Robert Schumann lernen sich im Hause Wieck kennen (sie ist 11), sie verlieben sich (sie 16, er 25) und wollen heiraten (sie ist 18): in den Augen von Claras Vater eine Katastrophe! Nachvollziehbar aus seiner Sicht, nicht nur weil er sein „Produkt“ und damit eine sprudelnde Einnahme-Quelle verliert, sondern auch weil er durchaus die dunklen Seiten Roberts kennt und die Auswirkungen auf die Karriere seiner Tochter – zu Recht –  vorhersieht und fürchtet.

Unter den Augen der Öffentlichkeit löst sie sich aus der symbiotischen Beziehung zu ihrem Vater, packt an, organisiert ihre Konzertreisen und Auftritte selbständig – eine riesige logistische Leistung neben dem Konzertieren. Dann der Skandal: Vor Gericht wird die Heiratserlaubnis erstritten!

Clara und Robert planen eine Künstlerehe auf Augenhöhe – die frühromantische Idee einer Verschmelzung beider Individuen in der Kunst. Bis es dazu kommt, sind sie immer wieder monatelang getrennt, Clara wird überwacht, auf Konzertreise geschickt, schreibt heimlich Briefe. Und damit wächst die Sehnsucht, die Erwartungen werden immer größer, die gegenseitigen Idealisierungen – „Wenn wir uns nur erst haben!“

Sie ist die Realistischere, Lebenstüchtigere, Zupackendere, trotz aller Schwärmerei in vielem das Gegenteil von ihm. Auch hier setzt sie sich über Grenzen der Frauen im 19. Jahrhundert hinweg – eine 18. Jährige stellt Bedingungen: „Ich will nicht Pferde, nicht Diamanten, ich bin ja glücklich in deinem Besitz, doch aber will ich ein sorgenfreies Leben führen und ich sehe ein, dass ich unglücklich sein würde, wenn ich nicht immerfort in der Kunst wirken könnte.“ „Bin ich ein kleines Kind, das sich zum Altar führen lässt wie zur Schule? Nein Robert! Wenn du mich Kind nennst, das klingt so lieb, aber wenn du mich Kind denkst, dann trete ich auf und sage: Du irrst!“ Es ist eine herzzerreißende Liebensgeschichte – so viel Liebe, so viel Sehnsucht, so viele Idealisierungen. Und sie findet unter den Augen der Öffentlichkeit statt.

Beide teilen den Enthusiasmus für die Musik, sehen sich als Elite zusammen mit anderen Künstlern, inspirieren sich gegenseitig, spornen sich an. Robert animiert sie zum Komponieren. Clara ist sich ihrer Fähigkeiten als Pianistin sicher, aber als Komponistin ist sie unsicher. Ihre Kompositionen finden gerade wieder verstärktes Interesse, wären aber ein weiteres Thema. Sie geben eine gemeinsame Lieder-Sammlung heraus, ohne anzugeben, welche von wem stammen. Zwei starke Künstlerpersönlichkeiten, die sich ergänzen, sich bewundern.

Und da ist der Alltag: viele Belastungen, viele Konflikte. Schon früh mahnt sie, er müsse in der Ehe aber „das Eine“ lassen. Meinte sie den Alkohol oder homosexuelle Kontakte, wie immer mal wieder spekuliert wurde? Robert  bestärkt sie zwar im Komponieren, möchte sie aber vor allem als Hausfrau und nicht als Pianistin ständig auf der Bühne sehen. Und der deutlich Ältere führt ein gemeinsames Ehetagebuch ein…

Der Alltag: Robert, der schon als Kind berühmt werden wollte, erlebt zahlreiche Niederlagen: Clara ist der Star, er der „Mann von Clara Schumann“. Er kehrt den Familienvater heraus, will seine Frau zu Hause haben. möchte selbst gesellschaftliche Anerkennung. Er hat einen Star geheiratet, kann aber nicht gleichziehen, schon gar nicht sie übertrumpfen. In diesem Punkt bleibt er den bürgerlichen Vorstellungen seiner Zeit verhaftet – und die sahen als Tugenden der Frau Fleiß, Sparsamkeit, Treue und Häuslichkeit vor. Eine Einstellung, die Clara in vielem teilt: bei ihr heißt es Pflicht, Fleiß, Disziplin von Kindheit an, weshalb sie auch zurücksteckt, Vieles auf sich nimmt und versucht, seine Karriere zu fördern. Aber auch: „Meine Kunst lasse ich nicht!“ Die Ausübung ihrer Kunst ist auch lebensnotwendig für den Erhalt der Familie und dämpft ihre Panik vor dem sozialen Abstieg.

Der Alltag: Clara ist schwanger, in den 16 Jahren ihrer Ehe fast permanent. Eine riesige körperliche Belastung, zudem das Risiko bei einer Geburt zu sterben damals enorm hoch war! Acht Kinder überleben. Die Virtuosin Clara gerät durch die Ehe mit Robert und ihre Mutterrolle in den Konflikt, den ihr Vater befürchtet hatte.

Der Alltag: Sie unterstützt ihn, während ihre kreativen Spielräume immer enger werden. Wann und wo soll sie üben, um ihr überragendes Niveau zu halten? Sein Komponieren geht vor, er braucht Ruhe. Sie tritt zwar auf und geht auch auf Konzertreisen, denn sie brauchen das Geld, die Häufigkeit ihrer Auftritte aber reduziert sich drastisch. Geplante Tourneen, bei denen Robert  sie anfangs begleitet, werden oftmals zusammengestrichen oder finden nicht mehr statt, weil er häufig krank wird. Robert ist nur einer kleinen Gruppe von Künstlern und Kunst-Interessierten bekannt; Clara wird seine größte Fürsprecherin, sie spielt seine Musik, bringt sie in die Öffentlichkeit.

Für Clara sind ihre Auftritt und Triumphe, das Leben in der Öffentlichkeit existentiell, dafür wurde sie erzogen, dafür lebt sie. „Ich fühle mich berufen zur Reproduktion schöner Werke, es ist mir die Luft, die ich atme.“ So wie es nun ist – so hat sie sich die Ehe mit Robert nicht vorgestellt: Ihr Lebenskonzept war ein anderes. Bereits 2 Jahre nach der Hochzeit spricht Robert von Schwindelanfällen, großer Nervenschwäche. Es häufen sich Phasen „trübster Melancholie“, Schlafstörungen, starke Hörstörungen und Artikulationsstörungen. Aber langsam beginnt er bekannter zu werden und hat endlich auch bürgerlichen Erfolg: er wird Städtischer Musikdirektor in Düsseldorf. Jedoch die Lage spitzt sich zu: es wird deutlich, dass er weder belastbar ist, noch Durchsetzungsfähigkeit, Organisationsfähigkeiten oder Autorität den Musikern gegenüber besitzt. Er leidet an schweren Depressionen, Angstzuständen, Gehörtäuschungen. Die Ehe ist schwerst belastet.

 Lithographie von Eduard Kaiser, 1847

Ist das noch der Mann, den sie gegen alle Widerstände geheiratet hat? Sieht so das ersehnte Zusammensein, das sie sich so schwer erkämpft haben, die ideale Künstler-Symbiose? Sollte der Vater Recht behalten? An Clara hängt alles, soll das praktische Leben funktionieren. Sie ist verzweifelt, erschöpft, zermürbt. Aber soll das öffentliche Bild des romantischen Paares zerfallen? Kann eine Persönlichkeit wie sie das zulassen? Clara geht an ihre Grenzen, kämpft für ihn, springt ein, übernimmt Teile seiner Tätigkeit. Diese so schwer erkämpfte, gegen schwerste Widerstände geschlossene Ehe MUSS zumindest nach außen funktionieren. Die Geschichte der beiden Königskinder: so süß, so tragisch….

Nach einem Selbstmord-Versuch kommt Robert Schumann in eine Nervenheil-Anstalt. Der 20-Jährige Brahms („dem Robert sein Johannes“, Clara S.) besucht ihn, kümmert sich um die Schumann-Kinder, zieht bei Schumanns ein und verliebt sich in Clara. Sie verdient das Geld mit ihren Konzerten und geht nach ihrer letzten Schwangerschaft wieder auf Konzertreisen.

 Johannes Brahms (um 1855)

Zwei neue Königskinder, eine neue romantische Inszenierung? Die Geschichte ist einfach zu verführerisch: Ein 20-Jähriger verliebt sich in die traurige, belastete, virtuose, berühmte Frau seines Idols und sie – 14 Jahre älter – sieht vielleicht wieder einen genialischen, schwierigen, jungen Mann, der sie anhimmelt, ihren Rat braucht, aber sie auch stützt. Verbunden durch die Leidenschaft für die Musik. Wie weit die Liebe ging – Genaues weiß man nicht, aber das verstärkt ja nur die Lust am Spekulieren….

Robert Schumann stirbt nach zwei Jahren. Es wurde immer wieder heftig über die Ursache gestritten. Am wahrscheinlichsten ist, dass er an einer Syphilis litt, die er sich in jungen Jahren zuzog. Clara besucht ihn in der Nerven-Anstalt erst nach zwei Jahren – das erste und einzige Mal. Folgt sie dem Rat des Arztes? Hat es mit Brahms zu tun? Will sie sich die Idealisierung erhalten? Ist sie einfach nur erlöst? Oder ist es eine Kombination von allem?

Es beginnt ihr zweites Leben – sie wird noch 40 Jahre leben!

Clara Schumann 1857. Photographie von Franz Hanfstaengl

Clara Schumann nimmt ihr Leben entschlossen in Hand: Sie konzentriert sich auf ihren Beruf als Pianistin und stellt das Komponieren ein. Das öffentliche Bild, die (Selbst-)Stilisierung, beschreibt nun eine lebens- und leidgeprüfte Frau, eine berühmte Virtuosin, das Oberhaupt der wahren Schule deutscher Musik. Sie stilisiert sich als die geliebte Frau von Robert Schumann – und nur von ihm.

Sie geht auf Distanz zu Brahms, bleibt aber ihr Leben lang mit ihm freundschaftlich und künstlerisch verbunden, setzt sich mit seiner Musik auseinander, fördert und fordert ihn als Künstler und hilft, ihn bekannt zu machen.  Obwohl erst Mitte 30 bindet sie sich nicht mehr. (Eine spätere Liebesbeziehung mit Theodor Kirchner beendet sie nach kurzer Dauer schwer enttäuscht. Muster: begabter Musiker, labil, wenig lebenstüchtig… Allzu bekannt?)

Die Kinder werden nach Roberts Tod (1856) auf Verwandtschaft und Pensionate verteilt. (Drei Kinder sterben vor ihr, ein Sohn endet in einer Anstalt für unheilbar Geisteskranke.) Zwischen den Touren finden die Familientreffen statt. Danach folgen  ausgedehnte Tourneen in ganz Europa: Holland, Belgien, Luxemburg, Frankreich, Schweiz, Österreich, Ungarn, Russland und immer wieder England, die sie auch an die Grenzen der physischen Belastbarkeit bringen. Dass eine Frau sich gegenüber ihrem Mann und ihren Kindern so verhält, wird ihr von einigen Freunden und Familienangehörigen und später von einigen Biografen übel genommen.

Mit Ende 50 nimmt sie die Stelle als „Erste Klavierlehrerin“ am neugegründeten Hoch´schen Konservatorium in Frankfurt an und installiert durch ihren Unterricht eine zukunftsweisende, internationale Aufführungspraxis. Ihr Vertrag dort ist äußerst großzügig und entspricht allen ihren Vorstellungen. Der Direktor des Konservatoriums meinte: “Mme. Schumann selbst kann ich eben wohl als Mann rechnen.“ Eine selbstbewusste Frau, die sich ihres Wertes bewusst war und sich „zu verkaufen“ wusste – schon wieder eine Grenze, die sie überschritten hat.

Ihr Ruhm als Pianistin beruht zum einen auf ihrer starken Bühnenausstrahlung, der  der exzellenten Vorbereitung und der durchdachten Dramaturgie ihrer Konzerte. Ihr öffentliches Bild ist das der „authentischen“ Vertreterin der „romantischen Schule“. Sie bemüht sich intensiv, die Intention des Komponisten herauszuarbeiten. Das Repertoire bestand vor allem aus Werken von Chopin, Mendelssohn, natürlich Schumann – aber auch schon sehr früh Beethoven, Bach und später Brahms. Mit ihrem Repertoire und der Dramaturgie hat sie bis heute die Klavier-Aufführungen nachhaltig beeinflusst.

Clara Schumann gibt 1891 im Alter von 71 Jahren ihr letztes Konzert, geplagt von Schwerhörigkeit, rheumatischen Beschwerden und Lampenfieber. Sie stirbt 5 Jahre später.

 C. Schumann 1887. Photographie aus dem Atelier Elliot & Fry, London.

Und noch einmal: Wer war diese Frau? Dazu gibt es viele Meinungen. Aber egal welche Sichtweise Sie bevorzugen oder welche Quellen Sie benutzen: Suchen Sie Clara Schumann und finden Sie eine europäische Künstlerin mit Ecken und Kanten, die weit über das Biedermeier hinaus zeigt, eine ungewöhnliche, spannende, facettenreiche und starke Frau!



Einige Veranstaltungen und Reisetipps:

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Mei Spróóch

Moselfränkisch – ein europäischer Dialekt

Karl der Große, wie ihn Albrecht Dürer 1513 sah. (gemeinfrei, https://de.wikipedia.org/wiki/Karl der Große#/media/File:Dürer karl der grosse.jpg

Als der kleine Karl, der später mal „der Große“ genannt werden sollte, sich im Jahr 755 beim Spielen auf dem elterlichen Anwesen einen Milchzahn ausschlug – was mag er da gerufen haben? „Homines sumus, non die“? Oder doch eher: „Droff geschass“ ? Vermutlich Letzteres, denn seine Muttersprache soll Fränkisch gewesen sein. Und der derbe Fluch – Übersetzung unnötig – findet sich bis heute im Wörterbuch des Moselfränkischen (moselfranken.hpage.de) Dieses Moselfränkisch wiederum ist ein Kind des Altfränkischen.

Wie man Altfränkisch angesichts eines ausgeschlagenen Zahns geflucht hat, wissen wir natürlich nicht. Schon gar nicht, was am Königshof der Eltern an derben Sprüchen erlaubt war. Moselfränkisch dagegen wird heute noch von rund drei Millionen Menschen im belgisch-deutsch-französischen-luxemburgischen Grenzraum gesprochen. Es gilt als einer der lebendigsten Dialekte Deutschlands. In Luxembourg ist es sogar eine der drei Nationalsprachen. Es hat Lehnwörter aus dem Keltischen (koa- Schubkarre), Lateinischen (Viez – vice vinum), Französischen (Pottmannee – Portemonnaie) und Jiddischen (Zores- Ärger). Das Motto ‚Mir schwätze Platt‘ ist also der Gebrauch eines historisch und regional tief europäisch geprägten Dialekts. Und Charlemagne ist gewissermaßen sein Urgroßvater.

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Moselfrankisch.png

Dem Zugereisten allerdings kommt zuerst manches Spanisch vor. Dass ‚et‘ eine Frau meint, dass ‚nehmen‘ konsequent durch ‚holen‘ ersetzt wird (und einem bis heute niemand erklären kann, warum das so ist), dass ‚Bädseechersalat‘ Löwenzahnsalat ist, dass ein ‚Flappes‘ ein Spaßvogel ist, dass ein ‚ Laitsgeheier‘ eine Nervensäge ist u.v.m.(vgl. → moselfranken.hpage.de). Aber es ist ein, ja, manchmal fast märchenhafter Dialekt, weil er etwas altertümlich daher kommt, bildhaft und humorvoll ist und voller Lebensweisheiten steckt. (Der Autor schafft es an dieser Stelle nicht, auf die Erwähnung einer für Norddeutsche äußerst schwierigen Situation zu verzichten: Erstmals bei einer moselfränkischen Familie zu Gast, reicht der Hausherr nach einem guten Essen ein Tablett mit Hundsärsch mit den Worten herum ‚Ei, holle se sich doch enner runner!‘ – ‚Hier? Jetzt?‘ wird er entsetzt fragen und die Antwort erhalten ‚Jo, das dut gudd nach‘m Esse!‘.)

Das Überraschende ist: Die moselfränkisch sprechenden Saarländer hören es nicht sonderlich gerne, wenn man ihren Dialekt schätzt. Sprachlich gesehen, wären sie wohl lieber Hannoveraner oder Hamburger. Oder Bielefelder.

Glücklicherweise ändert sich das langsam wieder. Die Globalisierung bringt gerade in den Grenzregionen die Menschen wieder zu ihren Wurzeln zurück. Ein wunderbares Beispiel ist ein Lied des moselfränkischen Chansoniers Hans-Walter Lorang, der ‚Mosel-Fränkie‘ besingt das Moselfränkische so:

Mei Spròòch

Mei Spròòch, die is ganz äänfach

Mei Spròòch, die is nét schwer

Mei Spròòch, dat is en Stick von óus

Un eich schwätzen se gäär

Mei Spròòch hann se ma ginn

Die wo vor mir woar´n

Un gesaat: Paß gudd dróff óff

Sonschd geht se da valoar

Mei Spròòch braucht nét vill Werta

Se macht nét vill daher

Se saat dat wat se denkt

Doch dat heert nét jeder gäär

Mei Spròòch vasteht nét jeda

Nur der der wo aach maan

Nur dem der wo en Spròòch hat

Dem kann se ebbes saan

Mei Spròòch dat is óusa Land

Dat is da Boddem unna óusan Féiß

Mòòl schwer wie Lehm mòòl leicht wie Sand

Mòòl Felsen unn mòòl Gréiß

Mei Spròòch, die is ganz äänfach

Mei Spròòch, die is nét schwer

Mei Spròòch, dat is en Stick von óus

Un eich schwätzen se gäär

Mei Spròòch vasteht nét jeda

Nur der der wo aach maan

Nur dem der wo en Spròòch hat

Dem kann se ebbes saan

Mei Spròòch

(mit Erlaubnis des Autors; Text: Hans Walter Lorang  Musik: Richard Bauer. Mei Sprooch, 14 Lieder, CD, LEICO 8292, 1992)

(gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dialectes_de_Moselle.svg)

Am Beispiel des Moselfränkischen zeigt sich auch immer der Stand des politischen Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich: Dialekte waren in Frankreich nach der französischen Revolution nicht mehr wohlgelitten. Der französische Zentralismus verlangte – ab 1794 – eine einheitliche Sprache für die ganze Nation. Natürlich gingen die Regionalsprachen und –dialekte nicht unter. Die Kinder lernten und sprachen in der Schule Französisch und daheim ihren regionalen Dialekt. Für Lothringen war das Jahr 1871 sprachpolitisch eine Wende: Die Deutschen machten Deutsch 1872 zur Amtssprache und entsprechend erfolgte der Schulunterricht auch auf Deutsch.1918 – Lothringen war nun wieder französisch – kam eine erneute Wende. Wie zuvor der Gebrauch des Französischen wurde nun das Deutsch sprechen der Schüler streng bestraft .Für 22 Jahre war nun wieder Französisch Amts- und Schulsprache – bis 1940. Da ging es bis 1945 wieder anders herum, nunmehr war das Französische verboten, sein Gebrauch wurde streng bestraft. Nach Kriegsende griff wieder die restriktive französische Sprachpolitik, Deutsch und verwandte Dialekte verschwanden aus Schule und Politik. Das entsprach allerdings auch der politischen Großwetterlage: Zu gravierend waren die Folgen des Krieges und der deutschen Besatzung im Bewusstsein der Bevölkerung. Kaum ein Kind lernte in diesen Jahren von den Eltern oder Großeltern noch Platt.

Erfreulicherweise ändert sich das aber seit den 90er Jahren wieder, insbesondere das Platt – also der Dialekt – findet beiderseits der deutsch-französischen Grenze wieder alte und neue Freunde. So kann man sich nur wünschen, dass dieser warmherzige Dialekt seine grenzüberschreitende  Funktion neu erfüllen kann. Es ist ja: ‚Dieselwich Spròòch‘!

De Grenz

Daselwich Boddem

Dieselwich Stään

Dieselwich Hecken

Dieselwich Bääm

Daselwich Wénd

Daselwich Reen

Dieselwich Vichel

Die wo fléin

Von dò no héi

Von héi no dò

Dieselwich Spròòch

Dieselwich Fròh:

Wo is dann lò

En Grenz?

Grenzen

Hat da Mensch erfónn

Do kamma mòòl gesinn

Wie dómm

Der is.

(mit Erlaubnis des Autors, Text: Hans Walter Lorang  Musik: Richard Bauer.

Heer mòòl, 30 MússikGedichda, CD, LEICO 8803, 2017

Projekt ‚Steine an der Grenze‘, gemeinfrei; https://de.wikipedia.org/wiki/Steine_an_der_Grenze#/media/File:Schneider_Paul_Durchblick.jpg)

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Fronkraisch?

„Steine an der Grenze“ zwischen dem Saarland und Lothringen.  Auf diesem Grenzweg werden die Spaziergänger zweisprachig begrüßt. (Foto: Volker Hildisch)

‚Nichts‘ – antworten Saarländer häufig, wenn man sie fragt, was denn das Französische an Ihrem Land sei. Der Zugezogene stutzt, ist er doch nicht selten eben wegen des französischen Flairs – ‚sarrois vivre‘ – hierher gezogen. Fremd- und Selbstwahrnehmung liegen offenbar weit auseinander.

Setzt man nach, hört man als Antwort, nach einem Moment des Nachdenkens: ‚Die Franzosen‘. Und das stimmt ja auch: Rund 18.000 Franzosen pendeln täglich zur Arbeit ein – die Großregion Saar-Lor-Lux ist immerhin der zweitgrößte grenzüberschreitende Arbeitsmarkt Europas. Und sie kommen als Kunden: Etwa ein Drittel ihres Umsatzes machen die grenznahen saarländischen Geschäfte mit ihnen.
Gut, also die Franzosen. Was noch? Die Befragten räumen ein: Zugegeben, die regionale Küche und die Freude an gutem Essen seien möglicherweise auch französisch beeinflußt. Nicht umsonst sagt der Volksmund hier, ‚Mir wisse, was gudd is‘ und ‚Hauptsache, gudd gess …‘. Es gibt auch ein noch überzeugenderes Argument: Nirgendwo in den Flächenstaaten der Republik ist die Zahl der Restaurants mit Michelin-Sternen pro Kopf so hoch wie im Saarland: 8 Sterne erleuchten das Land 2018 kulinarisch. 124.273 Saarländer pro Stern. Und als Dreingabe: Acht Bib Gourmandes – das ist schon mal eine Ansage.
Die Franzosen und ihre Küche – das soll wirklich alles sein? Der Zugereiste denkt: Frankreich hat doch, schon nach erstem Eindruck, so viel mehr Spuren im Saarland hinterlassen.

Da ist zum Beispiel die Architektur: Der berühmte Barock-Baumeister Friedrich-Joachim Stengel (1694-1787), beispielsweise, wurde von seinem Landesherrn Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken (1718-1768) nach Versailles geschickt – zum Studium der Architektur. Das hat sich in seinen zahlreichen Bauten im Saarland niedergeschlagen – wie etwa in der Gestaltung des wunderschönen Ludwigsplatzes in Saarbrücken. Oder die ehemalige französische Botschaft an der Saar, ein Bau des Le Corbusier-Freundes Georges-Henri Pingusson – bis heute ein architektonisches Schmuckstück der Stadt.

Oder das kulturelle Leben des Saarlandes: Die Franzosen haben die Schule für Kunst und Handwerk gegründet, aus der die Hochschule der Bildenden Künste hervorging. Desgleichen geht die Hochschule für Musik – 1947 nach Vorbild des ‚Conservatoire de Paris‘ gegründet – auf eine französische Initiative zurück. Schließlich die Universität des Saarlandes: Sie wurde 1947 als Außenstelle der ‚Université de Nancy‘ in Homburg gegründet. Alle drei prägen nach wie vor mit frankophilen Aktivitäten das kulturelle Leben des Landes.

Und heute? Es gibt die deutsch-französische Hochschule, eines von drei deutsch-französischen Gymnasien Deutschlands, rund 200 zweisprachige Kindergärten, mehr als in jedem anderen Bundesland. Französisch ist Pflichtfach in den Grundschulen, darüber hinaus existieren zahlreiche bilinguale Angebote an weiterführenden Schulen. Der Saarländische Rundfunk produziert – neben vielen allgemeinen medienpolitischen deutsch-französischen Aktivitäten – regelmäßig grenzüberschreitende Sendungen für Fernsehen (‚Wir im Saarland. Grenzenlos‘) und Hörfunk (u.a. Sendungen „Rendezvous Chanson“, „Voyages“, „HörspielZeit“ sowie das deutsch-französische Magazin „ici et là“).

Einrichtungen und Einflüsse zu Hauf, aber was kommt davon bei den Saarländern wirklich an? Also: Was ist das Französische an ihnen? Was dem Fremden zunächst auffällt, sind die vielen Familien mit französisch-wallonischen Wurzeln im Lande: Die Berangs, Commerçons, Deschamps, Detemples, Duponts, Grandmontagnes, Lafontaines, Villeroys. Sie und die anderen Saarländer verwenden bis heute zahlreiche Wörter, die aus dem Französischen stammen: Dussma (= ‚doucement‘), Flemm (= ‚avoir la flemme‘), Hissje (= ‚huissier‘), Kulong (= ‚couler‘), Plummo (= ‚plumeau‘), Pussieren (= ‚pousser‘), Schesselong (= ‚chaise longue‘), ‚Budding‘ (= ‚boudin‘). Der Saarländer ‚hat kalt‘ (j’ai froid‘), wenn er bei winterlichen Temperaturen ‚der Butter‘ (‚le beurre‘) kaufen will. Er und sie sagen ‚Merci‘ und ‚E gudden bonjour‘, aber niemals ‚Salu‘!

Und Saarländer kaufen gerne in Frankreich ein: Baguette, Fisch, Fleisch, Käse, Weine, Champagner und Crémant schmecken einfach besser, wenn man sie jenseits der Grenze gekauft hat. Saarländer wohnen, arbeiten und feiern in Orten mit französische Namen: Beaumarais, Picard, Saarlouis. Saarländer haben Häuser kurz hinter der Grenze und Ferienhäuser an den lothringischen Weihern, fliegen in einer Stunde vom Flughafen Metz/Nancy an die Côte d‘Azur oder fahren in einer Stunde und 50 Minuten mit dem TGV nach Paris. Sie feiern das deutsch-französische Festival der Bühnenkunst ‚Perspectives‘, das Festival“ Loostik“ mit deutschen und französischen Theaterstücken für Kinder, den Bal populaire am 14. Juli, die Fête de la Musique , das Weinfest Beaujolais Primeur – und die Siege der ‚equipe tricolore‘, wenn’s nicht gerade gegen die deutschen Jungs geht. Sie gehen in Forbach ins Theater ‚Carreau‘, nach Metz ins ‚Centre Pompidou‘ und nach Strasbourg auf den Weihnachtsmarkt. Spitze (südfranzösische) Zungen behaupten ferner, daß es in der Mode einen spezifischen Stil ‚sarro-lorraine‘ gäbe – mit allerlei bunten Schnällchen, Volants am ‚Hinnern‘ und glitzernden Pailletten. Auch hautenge Leggings erfreuen sich in allen Kleidergrößen und Altersgruppen großer Beliebtheit.

Ist das alles wirklich ‚Nichts‘? Sicher, nicht alle machen alles, es ist wohl eher so – je näher an der Grenze, je höher die formale Bildung, umso mehr. Und manches mag aufgesetzt, gar inszeniert sein. Aber auch darin zeigt sich ja eine besondere Note, denn die Inszenierungen sind eben französisch und nicht italienisch oder englisch oder sonst was.

So drängt sich der Gedanke auf, dass das Französische im Saarland längst assimiliert ist, gewissermaßen eingewachsen in die normale saarländische Identität. ‚Fronkraisch‘ ist – zumindest ein wenig – Alltag im Saarland. ‚Sarrois vivre‘ eben.

Anmerkung der Redaktion: Was ist Ihrer Meinung nach das Französische am Saarland? Schreiben Sie uns! 

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Gamlitz – Versuch einer Ehrenrettung

Foto © Ulrike Jacobs

Das hat Gamlitz nicht verdient! Tagelang, eine Woche gar, namentlich mit einem Event verknüpft zu werden, das nicht ganz zu Unrecht in den europäischen Gazetten und Nachrichtensendungen ironisch, mitunter auch hämisch kommentiert wurde.

Dabei hatte die österreichische Aussenministerin Kneissl die Einladung zu ihrer Hochzeit in Gamlitz eher ohne große Erwartung abgegeben und fahrlässig als „privat“ deklariert…Aber von Putin weiß man, dass er gern auf fremden Hochzeiten tanzt und sich auch darauf versteht, Einladungen zu provozieren. Da Putin alsbald wieder abgereist ist, bedarf dies allerdings keiner weiteren Erörterung.

Nun gilt Gamlitz also als Ort des Kniefalls. Oder war es ein Knicks, ein Hofknicks?

Das hat Gamlitz wirklich nicht verdient!

Denn diese außerhalb der Steiermark kaum bekannte Gemeinde, ein Marktflecken von ca. 3500 Einwohnern in der Südsteiermark, sollte wegen einer außergewöhnlichen, wenn nicht gar einzigartigen  Einrichtung gerühmt werden.

Aber der Reihe nach: Die Südsteiermark ist ein kleines, wunderschönes, im Süden Österreichs, nahe der slowenischen Grenze gelegenes, ca. 2400 qkm großes Weinanbaugebiet.

Also etwa halb so groß wie ein mittlerer Ölteppich auf den Weltmeeren oder noch kürzer und einprägsamer: etwas weniger als halb so groß wie das Saarland. Die Südsteiermark mag den Reisenden und Weinliebhaber wegen seiner steilen hügeligen Lagen, den gelb gestrichenen Weinhöfen an die Toskana erinnern, obwohl dieser Vergleich besser nicht vor einem Einheimischen angebracht werden sollte…

Foto © Ulrike Jacobs

Welschriesling, Sauvignon Blanc, Grau- und Weißburgunder, Gelber Muskateller und andere vorwiegend weiße Rebsorten werden hier angebaut und genießen bei Kennern weltweit Respekt. Der dem Wein geneigte Leser weiß dies, die anderen mögen es nachlesen, oder noch besser beim Weinhändler des Vertrauens verkosten.

Nun zu dieser großartigen Idee, von der man zwar nicht genau weiß, wie sie entstanden ist. Aber so könnte es gewesen sein:

Zu später Stunde saßen im Ratskeller des Gamlitzer Rathauses der Bürgermeister, der Polizeichef, ein Taxiunternehmer, ein oder mehrere Winzer bei Wein in damals noch rauchgeschwängerter Atmosphäre zusammen. Wie den Tourismus ankurbeln, den Weinverkauf promoten, die alkoholbedingten Unfälle reduzieren, das Taxiwesen fördern? Diese scheinbar nicht zu bewältigende Aufgabe, wurde sicher nicht in dieser Nacht einer Lösung zugeführt. Zu viele Personen mussten eingebunden, Geschäftsinteressen berücksichtigt und eine Organisation aufgebaut werden.

Aber dann wurde es geschafft: Der unentgeltliche Gamlitzer Taxi Service wurde aus der Taufe gehoben.

Mit dem Taxi zur Weinprobe

Foto © Ulrike Jacobs

Jeder Gast, der in der Region bei einem dem Gamlitzer Taxi Service angeschlossenen Weingüter mit Beherbergungs- und Restaurantservice nächtigt , inzwischen 80 an der Zahl, kann vom unentgeltlichen Taxi-Service Gebrauch machen. Die Gamlitzer „Gast-Taxi-Service-Karte“ wird jedem Gast, kostenlos ausgehändigt. Das Taxi ist je nach Verfügbarkeit in der Region Gamlitz für die Fahrt zu den einzelnen Mitgliedsbetrieben einsetzbar, und dies täglich von 11.00 Uhr bis 23.30 Uhr.

Weinliebhaber, die auf einem der Mitgliedshöfe nächtigen, können sich also mehrfach am Tag und während der gesamten Zeit ihres Aufenthaltes kostenlos von Weingut zu Weingut fahren lassen, Weine beim Winzer preisgünstig verkosten und sich kostenlos wieder zur Herberge zurückbringen lassen.

Das Taxiunternehmen bekommt von dem das Taxi rufenden Weingut pro Fahrt zur Zeit  6,50 Euro gut geschrieben

Mit berechtigtem Stolz schreibt der Gamlitzer Tourismusverband in seiner Broschüre, dass dieses Modell seit 18 Jahren großen Zuspruch erfahre, einzigartig in der Welt sei und sich zudem rechne.

Foto © Ulrike Jacobs

Wie sich dieses nachahmenswerte System in den vergangenen 20 Jahren auf die Wein-Produktion ausgewirkt hat, wie hoch der prozentuale Rückgang der alkoholbedingten Verkehrsunfälle ist und wie die Zufriedenheit der Gäste und deren Weinkenntnisse mit dieser Innovation gewachsen sind? Dies hätte der Verfasser dieser Zeilen gerne eruiert, würde dies auch bei großzügiger Spesenbewilligung durch den Blogbetreiber ausgiebig und garantiert unfallfrei vor Ort versuchen…

Text: Manfred Jacobs / Fotos: Ulrike Jacobs
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Flucht aus Lothringen

Am 4. Juni 1919 stellt Berthe Grass, verwitwete Dietrich, einen Antrag auf „freiwillige Rück­führung“. Sie zieht mit ihren zwei Kindern weg aus Lothringen. Denn für die neuen, die französischen Behörden, ist Berthe, deren Vater aus Sachsen stammt, eine Deutsche, obwohl ihre Mutter aus Chalons kommt. Berthe gehörte zur „Klasse D“ – Angehörige eines verfeindeten Landes.

Bei der Familie des ebenfalls verstorbenen Gießers Adolphe Sebastian war die Sache noch komplexer. Auch Adolphe gehörte als Sohn eines „Rheinpreußen“ zur „Klasse D“, aber seine Frau, Catherine Brix, war eine erstklassige Lothringerin (Kategorie A), denn sie wurde vor 1871 als Kind französischer Eltern in Elsass-Lothringen geboren. Das war, bevor sich das deutsche Kaiserreich diese Gebiete einverleibte. Catherines Kinder hatten deshalb das Gütesiegel B (Kinder aus Mischehen), sie hätten bleiben können. Doch sie zogen weg, in die deutsche Heimat des Vaters, ins  Rheinland, das nach dem Krieg jedoch die Alliierten verwalteten, und waren dort unerwünschte Eingewanderte.

70 000 lothringische Menschen irrten durch dieses Nachkriegs-Nationalitäten-Labyrinth, bis 1921 verließen elf Prozent der Bevölkerung Elsass-Lothringen. Bereits im November 1918, direkt nach der „Befreiung“ durch die Franzosen, hatte es Diskriminierungen und Vertreibungen gegeben. Sie betraf Kriegswitwen mit Kindern, entlassene Arbeiter und Bedürftige. Man zwang diese „Deutschen“, ihr Zugticket selbst zu kaufen, verbot ihnen mehr als 30 kg Gepäck, und limitierte das Bargeld, das sie mitnehmen durften.

All dies sind historische Flüchtlings-Schicksale in unserer Region, es ist ein bisher kaum ausgeleuchtetes Kapitel der großregionalen Geschichte. Jetzt hat es das Bergarbeitermuseum in Petite-Rosselle (Musée les Mineurs Wendel) in Zusammenarbeit mit den Archiven des Départements Moselle zumindest mal angepackt, im Erinnerungsjahr 2018, hundert Jahre nach Ende des  Ersten Weltkrieges. Ein Riesenthema, das Riesenerwartungen weckt und das eine Riesen-Gemeinschaftsaufgabe für saarländische und lothringische Landesforscher und Museen hätte werden können.

Stattdessen wagte sich das finanzschwache Musée les Mineurs allein vor – das kann nur kläglich enden. Denn in Petite-Rosselle wird das Top-Sujet nicht wirklich besuchergerecht aufgearbeitet. Alle Infos sind auf zwölf zweisprachigen Wandtafeln zusammengepresst, die abfotografierte Dokumente zeigen. In einer einzigen (!) Vitrine finden sich Original-Exponate, das alles spielt in einem Durchgangsraum.

Wer ein museales Erlebnis erwartet, wird herb enttäuscht. Das muss gesagt sein, bevor man den Abstecher zum Parc Explor dennoch empfiehlt. Weil das neu Erforschte derart aufschlussreich ist, dass man sich gerne in die Texte auf den Tafeln vertieft. Das Material stammt überwiegend aus dem Hauptsitz der Archive des Départements in Saint-Julien-les-Metz, die in der Vitrine gezeigten Objekte wurden vom Verein „Ascomémo“ in Hagondange zur Verfügung gestellt, der sich der Erinnerung an die beiden Weltkriege widmet. Durch die Schau wird plötzlich eine kaum je gestellte Frage aufgeworfen: Wie erlebten die Lothringer ihr Deutschfranzosentum, wie formte sich ihre Identität im Hinundhergeworfensein zwischen zwei Nationen? Für das Saarland wurde dies intensiv beackert, maßgeblich durch das Historische Museum Saar. Das Saarland entstand eigentlich erst durch den Versailler Vertrag von 1919. Vor allem aber bekamen die Saarländer, die ab 1920 einen Sonderstatus genossen, 1935 die Wahl, ob sie „heim ins (deutsche) Reich“ wollten.

Die Lothringer wurden 1919 nicht gefragt, die „Grande Nation“ startete ganz selbstverständlich eine energische Repatriierung. Der große symbolische Moment der Wiedereingliederung erfolgte bereits kurz nach Kriegsende, am 8. Dezember 1918, durch eine Bereisung der Gebiete durch Staatspräsident Poincaré und Ministerpräsident Clemenceau. Offiziell herrschte Jubel, er prägte die französische Perspektive auf den Weltkrieg. Doch in Lothringen saßen die Verlierer. Sie waren nur Schemen. Erstmals sieht man sie klarer.

Saarbrücker Zeitung vom 15./16.09.2018, Seite B 4, mit Genehmigung der Autorin Cathrin Elss-Seringhaus

Öffnungszeiten: Dienstags bis sonntags neun bis 18 Uhr. Alle Präsentationen sind zweisprachig. Man spricht Deutsch.

 

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Ein Schlachtfeld als Ort des Friedens: die Spicherer Höhen

Das ist die deutsch-französische Grenze auf den Spicherer Höhen bei Saarbrücken, von Deutschland aus gesehen, an einem Sommertag im Juli 2018. Wanderer passieren sie, Jogger laufen an ihr vorbei, Mountainbiker radeln über sie hin. Deutsche, Franzosen und Menschen von woanders. Manche grüßen kurz, die Franzosen eher als die Deutschen: ‚Bonjour‘, ‚Guten Morgen‘. Ein friedlicher Ort.

Man sieht ihm nicht an, dass hier am 06. August 1870 eine der drei großen Schlachten (Wissembourg, Wörth und Spicheren) zu Beginn des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 stattgefunden hat. 843 deutsche und 820 französische Soldaten waren am Abend dieses Tages tot. 3.656 deutsche und 1.662 französische Soldaten lagen verwundet in Lazaretten und Krankenhäusern.

Einer der Toten: Hauptmann Franz Mudrack, auf dem breiten Wanderweg von zwei Kugeln tödlich in die Brust getroffen. Hinterließ er eine verzweifelte Kriegerwitwe, die um ihn trauerte? Weinende Kinder, die fortan am Sedantag an ihn denken mußten?

Unter den Opfern auf französischer Seite: Capitaine Charles Auguste de Beurmann, 1829 im elsässischen Wissembourg geboren, wenige Kilometer von der deutsch-französischen Grenze:

Was hat seine Mutter gefühlt, als sie der Brief mit der Todesnachricht erreichte, was seine Freunde?

Besonders absurd: Der Sterbeort des preußischen Generalmajors Bruno Hugo Karl Friedrich von François. Der Name sagt es: Er stammte aus einer normannischen Hugenottenfamilie, die nach der Widerrufung des Edikts von Nantes 1685 nach Deutschland gekommen war.  Fast schon am Ende der Schlacht, um 16.00 Uhr, wurde er von französischen Scharfschützen getroffen. Seine letzten Worte sollen gewesen sein:  „Es ist doch ein schöner Tod auf dem Schlachtfelde; ich sterbe gern, da ich sehe, dass das Gefecht vorwärts geht.“

(Von Gio von Gryneck – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14689098)

Der Anderen wird gedacht, mit pompösen Denkmälern, wie diesem für das Niederrheinische Füsilier-Regiment Nr. 39, gestiftet von ihren Regimentern, bis 1918 jedes Jahr geschmückt, gepflegt und befeiert:

Auch die Franzosen haben ein Denkmal für Ihre 1870 gefallenen Soldaten errichtet:

Insgesamt 7.000 Menschen und ihren Familien hat der 06. August 1870 Leiden und Tod gebracht.

Und heute? Deutsche und Franzosen treffen sich beim „Woll“, einem Restaurant direkt hinter der Grenze, auf der französischen Seite. Man spricht Deutsch (auch die Eigentümer sind Deutsche) und Französisch, Saarländisch und Platt, man isst „Flamm“ (-kuchen), trinkt einen Riesling, wer mag, bekommt auch Froschschenkel, und man schaut in die friedliche lothringisch-saarländische Landschaft.

‚Jeder Schuß‘ ein Russ, jeder Stoß ein Franzos‘ – längst vorbei, längst vergessen. Auch die beiden Weltkriege sind Geschichte, noch im Bewusstsein der Menschen und auf den Spicherer Höhen präsent, aber im Alltag kaum noch zu spüren. Das zeigt ein erst im Mai 1997 aufgestellter, von amerikanischen Veteranen gestifteter M 24 Chaffee Panzer: Dass er nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, wurde deutlich, als Unbekannte die Kanone mehrfach rosa anmalten. Wem das Denkmal zu martialisch ist, der möge aber daran denken, dass die Amerikaner am 21. Februar 1945 als Befreier nach Spicheren kamen. Sicherlich ist es auch eine versöhnliche Geste der Gemeindeverwaltung gegenüber den deutschen Nachbarn, den Panzer mit einer nach Frankreich gerichteten Kanone aufgestellt zu haben.

Die Menschen hier sind inzwischen gute europäische Nachbarn geworden, man respektiert sich, mag sich und geht sich gelegentlich auf die Nerven. Saarländisch-lothringische Normalität, so wohl nirgendwo in Deutschland zu erleben. Vergessen wir aber nie, wenn wir – nun von der französischen Seite aus gesehen – über diese Grenze wandern, joggen oder radeln: Wo am 06. August 1870 Deutsche und Franzosen einander umbrachten, ist nunmehr seit 73 Jahren Frieden!

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Ein Champagnerhotel mit wechselvoller Geschichte

Foto © Volker Hildisch

Ein Hotel, das man nicht buchen kann? – Davon gibt es weltweit nicht so viele. Eines davon liegt in der Rue du Temple in Reims, gegenüber der Firmenzentrale des Champagnerhauses „Veuve Cliquot“, hinter einer Mauer in einem gepflegten Park. Das Haus spiegel auf eine besondere Art die deutsch-französische Geschichte wider.

Hier im „Hôtel du Marc“ (→ veuveclicquot.com ) können nur Freunde, Familie und Geschäftspartner des Unternehmens übernachten. Kunden von booking.com müssen leider draußen bleiben. Manchmal werden die Gäste sogar mit dem „Veuve Cliquot“-Bentley vom TGV-Bahnhof abgeholt. Da er im Kofferraum über ein Picknick-Set mit Flaschenhaltern und –Kühlern (natürlich für den hauseigenen Champagner) verfügt, eignet er sich auch für Überlandtouren durch die Weinberge der Champagne.

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Das 1840 gebaute Haus gehört einem Unternehmen, das die kühne Geschäftsfrau Barbe-Nicole Cliquot-Ponsardin weltweit berühmt gemacht hat. Heute ist es im Besitz des Branchenführers der Luxusgüterindustrie LVMH, zu dem auch die Champagnerfirmen Moet & Chandon, Ruinart, Mercier, Dom Perignon und Krug gehören. Das Grundstück hatte die Witwe ihrem einstigen Lehrling und späterem Partner Eduard Werlé geschenkt.

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Werlé, 1801 in Wetzlar geboren, kam wie so viele Deutsche in die Champagne, um dort sein berufliches Glück zu finden. Landsleute wie William Deutz und Peter Geldermann aus Aachen, Johann-Joseph Krug aus Mainz oder Joseph Bollinger aus Ellwangen handelten zunächst mit Wein, gründeten dann aber in der boomenden Branche schnell ihre eigenen Champagnerhäuser, die bis heute bestehen – wenn auch nicht mehr alle in Familienbesitz.

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Werlé, Sohn eines deutschen Posthalters, machte dagegen im Hause Veuve Cliquot-Ponsardin schnell Karriere. Schon nach kurzer Zeit übernahm er die Leitung der Kellerei, wurde Betriebsleiter und bereits 1831 Teilhaber. Er heiratete eine Französin, wechselte die Staatsangehörigkeit, wurde Bürgermeister von Reims, Präsident der Handelskammer und Deputierter im Parlament. Schließlich vermachte Barbe-Nicole Cliquot-Ponsardin ihm das Unternehmen. Auf dem Grundstück, das sie ihm zuvor geschenkt hatte, baute Eduard Werlé ein Haus für seine Familie, das heutige „Hotel du Marc“.

Im 1. Weltkrieg wurde es durch die Deutschen, die Reims zu 60 Prozent in Schutt und Asche legten, von zahlreichen Geschossen getroffen. Im 2. Weltkrieg suchte sich Otto Klaebisch, der Sonderbeauftragte der deutschen Besatzer, das Hotel du Marc als seinen Dienstsitz aus. Klaebisch, Schwager von Außenminister Ribbentrop und Schwiegersohn des Sektfabrikanten Otto Henkell, sorgte als „Weinführer“ dafür, dass von 1941 bis Ende des Krieges rund 80 Millionen Flaschen Champagner zu Dumpinpreisen an das Naziregime geliefert wurden.

Wer sich dagegen auflehnte oder versuchte, den Besatzer minderwertige Ware anzudrehen, wurde mit Arbeitslager, KZ  oder Todesstrafe bedroht.

Foto © Volker Hildisch

Heute erstrahlt das Hotel Marc in neuem Glanz. Die alten Einschusslöcher in der Hauswand sieht man zwar noch. Aber ansonsten ist alles vom Feinsten restauriert. Der Luxusgüterkonzern LVMH hat richtig viel Geld in die Hand genommen. Dafür wurden zahlreiche Künstler und Designer engagiert. Andrée Putmann hinterließ bei der Gestaltung der nur sechs Gästezimmer seine Handschrift ebenso wie Karim Rashid, Tom Dixon und Mathieu Lehanneur. Einer der Räume ist in Eisblau gestaltet – eine Referenz an Russland, wohin Veuve Cliquot ihre ersten Champagner exportierte. Die Farbe im Treppenhaus orientiert sich am Ton des Pinot Noir-Rebensaftes. Die Eingangshalle ziert ein riesiger Kronleuchter von Issey Miyake. In den Gesellschaftsräumen werden die besten Champagner des Hauses Veuve Cliquot verkostet. Und überall ist in Bildern die Witwe Cliquot zu sehen.

Foto © Volker Hildisch

Wer das Hotel du Marc besichtigen will, muss schon den exklusiven Dienst des Hauses Veuve Cliquot in Anspruch nehmen (→ visitscenter@veuve-clicquot.com). Ob man dann auch im Bentley abgeholt wird, ist dem Autor nicht bekannt. Der konnte das Hotel du Marc im Zuge einer Recherche für einen Fernsehfilm besichtigen. Darin geht es – wie oben angesprochen – um die speziellen französisch-deutschen Beziehungen beim Thema Champagner. Aus dem anfänglichen Miteinander wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen den französischen Champagnerherstellern und den deutschen Sekthäusern um das Markenrecht. Erst im Versailler Vertrag von 1919 konnten die Champagnerwinzer ihre Ansprüche besiegeln lassen. Viele deutsche Sekthäuser mit Niederlassungen in der Champagne und in Lothringen mussten Frankreich verlassen.

Einen Besuch ist Reims (zweieinhalb Stunden Autofahrt ab Saarbrücken → reims-tourisme.com) aber nicht nur wegen der vielen Champagnerhäuser wert, sondern weil die Stadt über Jahrhunderte im Zentrum europäischer Geschichte stand und dafür viele sehenswerte Zeugnisse bietet. Im Mittelpunkt natürlich ein gotisches Meisterwerk, die Kathedrale Notre-Dame, so etwas wie ein französisches Nationalheiligtum.

Foto © Volker Hildisch

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Seit dem Jahr 816 wurden hier fast alle französischen Könige gekrönt. Ein Grund, weshalb die deutschen Truppen im ersten Weltkrieg nicht nur die Stadt zu 60 Prozent in Schutt und Asche legten, sondern auch speziell die Kathedrale im Visier der Artillerie hatten. Nach dem 2. Weltkrieg wurde sie wiederum zum Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung, als Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer hier am 8. Juli 1962 demonstrativ an einer Messe teilnahmen. Ein Ort, dessen Architektur und dessen Aura den Besucher nicht unbeeindruckt lassen.

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