Verlag: J.G. Seume Blog

Gamlitz – Versuch einer Ehrenrettung

Foto © Ulrike Jacobs

Das hat Gamlitz nicht verdient! Tagelang, eine Woche gar, namentlich mit einem Event verknüpft zu werden, das nicht ganz zu Unrecht in den europäischen Gazetten und Nachrichtensendungen ironisch, mitunter auch hämisch kommentiert wurde.

Dabei hatte die österreichische Aussenministerin Kneissl die Einladung zu ihrer Hochzeit in Gamlitz eher ohne große Erwartung abgegeben und fahrlässig als „privat“ deklariert…Aber von Putin weiß man, dass er gern auf fremden Hochzeiten tanzt und sich auch darauf versteht, Einladungen zu provozieren. Da Putin alsbald wieder abgereist ist, bedarf dies allerdings keiner weiteren Erörterung.

Nun gilt Gamlitz also als Ort des Kniefalls. Oder war es ein Knicks, ein Hofknicks?

Das hat Gamlitz wirklich nicht verdient!

Denn diese außerhalb der Steiermark kaum bekannte Gemeinde, ein Marktflecken von ca. 3500 Einwohnern in der Südsteiermark, sollte wegen einer außergewöhnlichen, wenn nicht gar einzigartigen  Einrichtung gerühmt werden.

Aber der Reihe nach: Die Südsteiermark ist ein kleines, wunderschönes, im Süden Österreichs, nahe der slowenischen Grenze gelegenes, ca. 2400 qkm großes Weinanbaugebiet.

Also etwa halb so groß wie ein mittlerer Ölteppich auf den Weltmeeren oder noch kürzer und einprägsamer: etwas weniger als halb so groß wie das Saarland. Die Südsteiermark mag den Reisenden und Weinliebhaber wegen seiner steilen hügeligen Lagen, den gelb gestrichenen Weinhöfen an die Toskana erinnern, obwohl dieser Vergleich besser nicht vor einem Einheimischen angebracht werden sollte…

Foto © Ulrike Jacobs

Welschriesling, Sauvignon Blanc, Grau- und Weißburgunder, Gelber Muskateller und andere vorwiegend weiße Rebsorten werden hier angebaut und genießen bei Kennern weltweit Respekt. Der dem Wein geneigte Leser weiß dies, die anderen mögen es nachlesen, oder noch besser beim Weinhändler des Vertrauens verkosten.

Nun zu dieser großartigen Idee, von der man zwar nicht genau weiß, wie sie entstanden ist. Aber so könnte es gewesen sein:

Zu später Stunde saßen im Ratskeller des Gamlitzer Rathauses der Bürgermeister, der Polizeichef, ein Taxiunternehmer, ein oder mehrere Winzer bei Wein in damals noch rauchgeschwängerter Atmosphäre zusammen. Wie den Tourismus ankurbeln, den Weinverkauf promoten, die alkoholbedingten Unfälle reduzieren, das Taxiwesen fördern? Diese scheinbar nicht zu bewältigende Aufgabe, wurde sicher nicht in dieser Nacht einer Lösung zugeführt. Zu viele Personen mussten eingebunden, Geschäftsinteressen berücksichtigt und eine Organisation aufgebaut werden.

Aber dann wurde es geschafft: Der unentgeltliche Gamlitzer Taxi Service wurde aus der Taufe gehoben.

Mit dem Taxi zur Weinprobe

Foto © Ulrike Jacobs

Jeder Gast, der in der Region bei einem dem Gamlitzer Taxi Service angeschlossenen Weingüter mit Beherbergungs- und Restaurantservice nächtigt , inzwischen 80 an der Zahl, kann vom unentgeltlichen Taxi-Service Gebrauch machen. Die Gamlitzer „Gast-Taxi-Service-Karte“ wird jedem Gast, kostenlos ausgehändigt. Das Taxi ist je nach Verfügbarkeit in der Region Gamlitz für die Fahrt zu den einzelnen Mitgliedsbetrieben einsetzbar, und dies täglich von 11.00 Uhr bis 23.30 Uhr.

Weinliebhaber, die auf einem der Mitgliedshöfe nächtigen, können sich also mehrfach am Tag und während der gesamten Zeit ihres Aufenthaltes kostenlos von Weingut zu Weingut fahren lassen, Weine beim Winzer preisgünstig verkosten und sich kostenlos wieder zur Herberge zurückbringen lassen.

Das Taxiunternehmen bekommt von dem das Taxi rufenden Weingut pro Fahrt zur Zeit  6,50 Euro gut geschrieben

Mit berechtigtem Stolz schreibt der Gamlitzer Tourismusverband in seiner Broschüre, dass dieses Modell seit 18 Jahren großen Zuspruch erfahre, einzigartig in der Welt sei und sich zudem rechne.

Foto © Ulrike Jacobs

Wie sich dieses nachahmenswerte System in den vergangenen 20 Jahren auf die Wein-Produktion ausgewirkt hat, wie hoch der prozentuale Rückgang der alkoholbedingten Verkehrsunfälle ist und wie die Zufriedenheit der Gäste und deren Weinkenntnisse mit dieser Innovation gewachsen sind? Dies hätte der Verfasser dieser Zeilen gerne eruiert, würde dies auch bei großzügiger Spesenbewilligung durch den Blogbetreiber ausgiebig und garantiert unfallfrei vor Ort versuchen…

Text: Manfred Jacobs / Fotos: Ulrike Jacobs

Flucht aus Lothringen

Am 4. Juni 1919 stellt Berthe Grass, verwitwete Dietrich, einen Antrag auf „freiwillige Rück­führung“. Sie zieht mit ihren zwei Kindern weg aus Lothringen. Denn für die neuen, die französischen Behörden, ist Berthe, deren Vater aus Sachsen stammt, eine Deutsche, obwohl ihre Mutter aus Chalons kommt. Berthe gehörte zur „Klasse D“ – Angehörige eines verfeindeten Landes.

Bei der Familie des ebenfalls verstorbenen Gießers Adolphe Sebastian war die Sache noch komplexer. Auch Adolphe gehörte als Sohn eines „Rheinpreußen“ zur „Klasse D“, aber seine Frau, Catherine Brix, war eine erstklassige Lothringerin (Kategorie A), denn sie wurde vor 1871 als Kind französischer Eltern in Elsass-Lothringen geboren. Das war, bevor sich das deutsche Kaiserreich diese Gebiete einverleibte. Catherines Kinder hatten deshalb das Gütesiegel B (Kinder aus Mischehen), sie hätten bleiben können. Doch sie zogen weg, in die deutsche Heimat des Vaters, ins  Rheinland, das nach dem Krieg jedoch die Alliierten verwalteten, und waren dort unerwünschte Eingewanderte.

70 000 lothringische Menschen irrten durch dieses Nachkriegs-Nationalitäten-Labyrinth, bis 1921 verließen elf Prozent der Bevölkerung Elsass-Lothringen. Bereits im November 1918, direkt nach der „Befreiung“ durch die Franzosen, hatte es Diskriminierungen und Vertreibungen gegeben. Sie betraf Kriegswitwen mit Kindern, entlassene Arbeiter und Bedürftige. Man zwang diese „Deutschen“, ihr Zugticket selbst zu kaufen, verbot ihnen mehr als 30 kg Gepäck, und limitierte das Bargeld, das sie mitnehmen durften.

All dies sind historische Flüchtlings-Schicksale in unserer Region, es ist ein bisher kaum ausgeleuchtetes Kapitel der großregionalen Geschichte. Jetzt hat es das Bergarbeitermuseum in Petite-Rosselle (Musée les Mineurs Wendel) in Zusammenarbeit mit den Archiven des Départements Moselle zumindest mal angepackt, im Erinnerungsjahr 2018, hundert Jahre nach Ende des  Ersten Weltkrieges. Ein Riesenthema, das Riesenerwartungen weckt und das eine Riesen-Gemeinschaftsaufgabe für saarländische und lothringische Landesforscher und Museen hätte werden können.

Stattdessen wagte sich das finanzschwache Musée les Mineurs allein vor – das kann nur kläglich enden. Denn in Petite-Rosselle wird das Top-Sujet nicht wirklich besuchergerecht aufgearbeitet. Alle Infos sind auf zwölf zweisprachigen Wandtafeln zusammengepresst, die abfotografierte Dokumente zeigen. In einer einzigen (!) Vitrine finden sich Original-Exponate, das alles spielt in einem Durchgangsraum.

Wer ein museales Erlebnis erwartet, wird herb enttäuscht. Das muss gesagt sein, bevor man den Abstecher zum Parc Explor dennoch empfiehlt. Weil das neu Erforschte derart aufschlussreich ist, dass man sich gerne in die Texte auf den Tafeln vertieft. Das Material stammt überwiegend aus dem Hauptsitz der Archive des Départements in Saint-Julien-les-Metz, die in der Vitrine gezeigten Objekte wurden vom Verein „Ascomémo“ in Hagondange zur Verfügung gestellt, der sich der Erinnerung an die beiden Weltkriege widmet. Durch die Schau wird plötzlich eine kaum je gestellte Frage aufgeworfen: Wie erlebten die Lothringer ihr Deutschfranzosentum, wie formte sich ihre Identität im Hinundhergeworfensein zwischen zwei Nationen? Für das Saarland wurde dies intensiv beackert, maßgeblich durch das Historische Museum Saar. Das Saarland entstand eigentlich erst durch den Versailler Vertrag von 1919. Vor allem aber bekamen die Saarländer, die ab 1920 einen Sonderstatus genossen, 1935 die Wahl, ob sie „heim ins (deutsche) Reich“ wollten.

Die Lothringer wurden 1919 nicht gefragt, die „Grande Nation“ startete ganz selbstverständlich eine energische Repatriierung. Der große symbolische Moment der Wiedereingliederung erfolgte bereits kurz nach Kriegsende, am 8. Dezember 1918, durch eine Bereisung der Gebiete durch Staatspräsident Poincaré und Ministerpräsident Clemenceau. Offiziell herrschte Jubel, er prägte die französische Perspektive auf den Weltkrieg. Doch in Lothringen saßen die Verlierer. Sie waren nur Schemen. Erstmals sieht man sie klarer.

Saarbrücker Zeitung vom 15./16.09.2018, Seite B 4, mit Genehmigung der Autorin Cathrin Elss-Seringhaus

Öffnungszeiten: Dienstags bis sonntags neun bis 18 Uhr. Alle Präsentationen sind zweisprachig. Man spricht Deutsch.

 

Ein Schlachtfeld als Ort des Friedens: die Spicherer Höhen

Das ist die deutsch-französische Grenze auf den Spicherer Höhen bei Saarbrücken, von Deutschland aus gesehen, an einem Sommertag im Juli 2018. Wanderer passieren sie, Jogger laufen an ihr vorbei, Mountainbiker radeln über sie hin. Deutsche, Franzosen und Menschen von woanders. Manche grüßen kurz, die Franzosen eher als die Deutschen: ‚Bonjour‘, ‚Guten Morgen‘. Ein friedlicher Ort.

Man sieht ihm nicht an, dass hier am 06. August 1870 eine der drei großen Schlachten (Wissembourg, Wörth und Spicheren) zu Beginn des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 stattgefunden hat. 843 deutsche und 820 französische Soldaten waren am Abend dieses Tages tot. 3.656 deutsche und 1.662 französische Soldaten lagen verwundet in Lazaretten und Krankenhäusern.

Einer der Toten: Hauptmann Franz Mudrack, auf dem breiten Wanderweg von zwei Kugeln tödlich in die Brust getroffen. Hinterließ er eine verzweifelte Kriegerwitwe, die um ihn trauerte? Weinende Kinder, die fortan am Sedantag an ihn denken mußten?

Unter den Opfern auf französischer Seite: Capitaine Charles Auguste de Beurmann, 1829 im elsässischen Wissembourg geboren, wenige Kilometer von der deutsch-französischen Grenze:

Was hat seine Mutter gefühlt, als sie der Brief mit der Todesnachricht erreichte, was seine Freunde?

Besonders absurd: Der Sterbeort des preußischen Generalmajors Bruno Hugo Karl Friedrich von François. Der Name sagt es: Er stammte aus einer normannischen Hugenottenfamilie, die nach der Widerrufung des Edikts von Nantes 1685 nach Deutschland gekommen war.  Fast schon am Ende der Schlacht, um 16.00 Uhr, wurde er von französischen Scharfschützen getroffen. Seine letzten Worte sollen gewesen sein:  „Es ist doch ein schöner Tod auf dem Schlachtfelde; ich sterbe gern, da ich sehe, dass das Gefecht vorwärts geht.“

(Von Gio von Gryneck – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14689098)

Der Anderen wird gedacht, mit pompösen Denkmälern, wie diesem für das Niederrheinische Füsilier-Regiment Nr. 39, gestiftet von ihren Regimentern, bis 1918 jedes Jahr geschmückt, gepflegt und befeiert:

Auch die Franzosen haben ein Denkmal für Ihre 1870 gefallenen Soldaten errichtet:

Insgesamt 7.000 Menschen und ihren Familien hat der 06. August 1870 Leiden und Tod gebracht.

Und heute? Deutsche und Franzosen treffen sich beim „Woll“, einem Restaurant direkt hinter der Grenze, auf der französischen Seite. Man spricht Deutsch (auch die Eigentümer sind Deutsche) und Französisch, Saarländisch und Platt, man isst „Flamm“ (-kuchen), trinkt einen Riesling, wer mag, bekommt auch Froschschenkel, und man schaut in die friedliche lothringisch-saarländische Landschaft.

‚Jeder Schuß‘ ein Russ, jeder Stoß ein Franzos‘ – längst vorbei, längst vergessen. Auch die beiden Weltkriege sind Geschichte, noch im Bewusstsein der Menschen und auf den Spicherer Höhen präsent, aber im Alltag kaum noch zu spüren. Das zeigt ein erst im Mai 1997 aufgestellter, von amerikanischen Veteranen gestifteter M 24 Chaffee Panzer: Dass er nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, wurde deutlich, als Unbekannte die Kanone mehrfach rosa anmalten. Wem das Denkmal zu martialisch ist, der möge aber daran denken, dass die Amerikaner am 21. Februar 1945 als Befreier nach Spicheren kamen. Sicherlich ist es auch eine versöhnliche Geste der Gemeindeverwaltung gegenüber den deutschen Nachbarn, den Panzer mit einer nach Frankreich gerichteten Kanone aufgestellt zu haben.

Die Menschen hier sind inzwischen gute europäische Nachbarn geworden, man respektiert sich, mag sich und geht sich gelegentlich auf die Nerven. Saarländisch-lothringische Normalität, so wohl nirgendwo in Deutschland zu erleben. Vergessen wir aber nie, wenn wir – nun von der französischen Seite aus gesehen – über diese Grenze wandern, joggen oder radeln: Wo am 06. August 1870 Deutsche und Franzosen einander umbrachten, ist nunmehr seit 73 Jahren Frieden!

Ein Champagnerhotel mit wechselvoller Geschichte

Foto © Volker Hildisch

Ein Hotel, das man nicht buchen kann? – Davon gibt es weltweit nicht so viele. Eines davon liegt in der Rue du Temple in Reims, gegenüber der Firmenzentrale des Champagnerhauses „Veuve Cliquot“, hinter einer Mauer in einem gepflegten Park. Das Haus spiegel auf eine besondere Art die deutsch-französische Geschichte wider.

Hier im „Hôtel du Marc“ (→ veuveclicquot.com ) können nur Freunde, Familie und Geschäftspartner des Unternehmens übernachten. Kunden von booking.com müssen leider draußen bleiben. Manchmal werden die Gäste sogar mit dem „Veuve Cliquot“-Bentley vom TGV-Bahnhof abgeholt. Da er im Kofferraum über ein Picknick-Set mit Flaschenhaltern und –Kühlern (natürlich für den hauseigenen Champagner) verfügt, eignet er sich auch für Überlandtouren durch die Weinberge der Champagne.

Foto © Volker Hildisch

Das 1840 gebaute Haus gehört einem Unternehmen, das die kühne Geschäftsfrau Barbe-Nicole Cliquot-Ponsardin weltweit berühmt gemacht hat. Heute ist es im Besitz des Branchenführers der Luxusgüterindustrie LVMH, zu dem auch die Champagnerfirmen Moet & Chandon, Ruinart, Mercier, Dom Perignon und Krug gehören. Das Grundstück hatte die Witwe ihrem einstigen Lehrling und späterem Partner Eduard Werlé geschenkt.

Foto © Volker Hildisch

Werlé, 1801 in Wetzlar geboren, kam wie so viele Deutsche in die Champagne, um dort sein berufliches Glück zu finden. Landsleute wie William Deutz und Peter Geldermann aus Aachen, Johann-Joseph Krug aus Mainz oder Joseph Bollinger aus Ellwangen handelten zunächst mit Wein, gründeten dann aber in der boomenden Branche schnell ihre eigenen Champagnerhäuser, die bis heute bestehen – wenn auch nicht mehr alle in Familienbesitz.

Foto © Volker Hildisch

Werlé, Sohn eines deutschen Posthalters, machte dagegen im Hause Veuve Cliquot-Ponsardin schnell Karriere. Schon nach kurzer Zeit übernahm er die Leitung der Kellerei, wurde Betriebsleiter und bereits 1831 Teilhaber. Er heiratete eine Französin, wechselte die Staatsangehörigkeit, wurde Bürgermeister von Reims, Präsident der Handelskammer und Deputierter im Parlament. Schließlich vermachte Barbe-Nicole Cliquot-Ponsardin ihm das Unternehmen. Auf dem Grundstück, das sie ihm zuvor geschenkt hatte, baute Eduard Werlé ein Haus für seine Familie, das heutige „Hotel du Marc“.

Im 1. Weltkrieg wurde es durch die Deutschen, die Reims zu 60 Prozent in Schutt und Asche legten, von zahlreichen Geschossen getroffen. Im 2. Weltkrieg suchte sich Otto Klaebisch, der Sonderbeauftragte der deutschen Besatzer, das Hotel du Marc als seinen Dienstsitz aus. Klaebisch, Schwager von Außenminister Ribbentrop und Schwiegersohn des Sektfabrikanten Otto Henkell, sorgte als „Weinführer“ dafür, dass von 1941 bis Ende des Krieges rund 80 Millionen Flaschen Champagner zu Dumpinpreisen an das Naziregime geliefert wurden.

Wer sich dagegen auflehnte oder versuchte, den Besatzer minderwertige Ware anzudrehen, wurde mit Arbeitslager, KZ  oder Todesstrafe bedroht.

Foto © Volker Hildisch

Heute erstrahlt das Hotel Marc in neuem Glanz. Die alten Einschusslöcher in der Hauswand sieht man zwar noch. Aber ansonsten ist alles vom Feinsten restauriert. Der Luxusgüterkonzern LVMH hat richtig viel Geld in die Hand genommen. Dafür wurden zahlreiche Künstler und Designer engagiert. Andrée Putmann hinterließ bei der Gestaltung der nur sechs Gästezimmer seine Handschrift ebenso wie Karim Rashid, Tom Dixon und Mathieu Lehanneur. Einer der Räume ist in Eisblau gestaltet – eine Referenz an Russland, wohin Veuve Cliquot ihre ersten Champagner exportierte. Die Farbe im Treppenhaus orientiert sich am Ton des Pinot Noir-Rebensaftes. Die Eingangshalle ziert ein riesiger Kronleuchter von Issey Miyake. In den Gesellschaftsräumen werden die besten Champagner des Hauses Veuve Cliquot verkostet. Und überall ist in Bildern die Witwe Cliquot zu sehen.

Foto © Volker Hildisch

Wer das Hotel du Marc besichtigen will, muss schon den exklusiven Dienst des Hauses Veuve Cliquot in Anspruch nehmen (→ visitscenter@veuve-clicquot.com). Ob man dann auch im Bentley abgeholt wird, ist dem Autor nicht bekannt. Der konnte das Hotel du Marc im Zuge einer Recherche für einen Fernsehfilm besichtigen. Darin geht es – wie oben angesprochen – um die speziellen französisch-deutschen Beziehungen beim Thema Champagner. Aus dem anfänglichen Miteinander wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen den französischen Champagnerherstellern und den deutschen Sekthäusern um das Markenrecht. Erst im Versailler Vertrag von 1919 konnten die Champagnerwinzer ihre Ansprüche besiegeln lassen. Viele deutsche Sekthäuser mit Niederlassungen in der Champagne und in Lothringen mussten Frankreich verlassen.

Einen Besuch ist Reims (zweieinhalb Stunden Autofahrt ab Saarbrücken → reims-tourisme.com) aber nicht nur wegen der vielen Champagnerhäuser wert, sondern weil die Stadt über Jahrhunderte im Zentrum europäischer Geschichte stand und dafür viele sehenswerte Zeugnisse bietet. Im Mittelpunkt natürlich ein gotisches Meisterwerk, die Kathedrale Notre-Dame, so etwas wie ein französisches Nationalheiligtum.

Foto © Volker Hildisch

Foto © Volker Hildisch


Seit dem Jahr 816 wurden hier fast alle französischen Könige gekrönt. Ein Grund, weshalb die deutschen Truppen im ersten Weltkrieg nicht nur die Stadt zu 60 Prozent in Schutt und Asche legten, sondern auch speziell die Kathedrale im Visier der Artillerie hatten. Nach dem 2. Weltkrieg wurde sie wiederum zum Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung, als Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer hier am 8. Juli 1962 demonstrativ an einer Messe teilnahmen. Ein Ort, dessen Architektur und dessen Aura den Besucher nicht unbeeindruckt lassen.

Dänen lügen nicht: Bielefeld existiert wirklich!

Ich habe in Bielefeld gelebt, mehr als 13 Jahre. Bin dort zur Bückhardtschule und zur Falk-Realschule gegangen, habe eine Lehre bei der Stadtsparkasse Bielefeld gemacht, bin auf die Alm zu den Heimspielen von Arminia Bielefeld gepilgert, habe die Tanzstunde bei Thielemann & Richter überstanden, reichlich Spengemanns Bratwürste und gelegentlich Pickert gegessen sowie später, auf dem Westfalenkolleg, das Abitur nachgeholt. Alles nur ein langer Traum?
Wie soll man beweisen, daß dem nicht so ist? Zeugen lassen sich bestechen, falsche Schilder aufstellen und im Internet kann man leicht eine Scheinwelt generieren. Aber es gibt – glücklicherweise – eine Institution in Deutschland, die verschwörungssicher ist – die Deutsche Bundesbahn. Hier möge man den Test machen – sie verkauft Fahrkarten nach Bielefeld!

Wem das nicht genügt, der kann bei der DB sicherheitshalber einmal Fahrkarten zu Phantasieorten bestellen. Er wird lernen müssen: Nach Entenhausen, Michelbinge oder Metropolis kann man keine Fahrtausweise erwerben! Oder er mag bei der Danske Statsbaner anfragen – Dänen lügen nicht: Auch sie fährt nach Bielefeld, zum Beispiel 08.52 Uhr ab Kopenhagen, an 16.51 Uhr in Bielefeld, für 304,– Dkr in der 2. Klasse!

Das hatte mich überzeugt. Ich würde nichts riskieren, wenn ich zur Realitätsprüfung nach Bielefeld fahren würde. Ich habe es dann Ende Mai 2018 getan und fand eine lebendige, gepflegte und interessante Großstadt mit rund 333.000 Bielefeldern. Dazu einen türkischstämmigen Taxifahrer, der mir sagte, dass Bielefeld für ihn die schönste Stadt der Welt sei. Inzwischen rund 30.000 Studenten mögen das – zumindest eine zeitlang – ähnlich sehen.
Wer Bielefeld nicht nur sehen, sondern auch noch begreifen will, muß zwei Museen besichtigen: Das Bauernhausmuseum im Bielefelder Stadtwald und das Historische Museum in der alten Spinnerei. Dort wird – museumspädagogisch exzellent aufbereitet – die Geschichte der Stadt von der ländlichen Leineweberstadt zur industriellen, evangelisch geprägten Großstadt mit den Schwerpunkten Textil, Maschinenbau, Nahrungsmittel und den Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel erläutert.

Bauernhausmuseum Bielefeld. Quelle: Wikipedia

Im Museum wird ein interessanter Ansatz verfolgt: Der Bauernhof wird als System begriffen, dessen Erhalt alle Aktivitäten untergeordnet waren und woraus sich letztlich alle Sitten und Gebräuche erklären ließen. Beispielsweise erbte in Ravensburg der Jüngste den gesamten Hof, weil er im Erbfall der Kräftigste war und durch ihn dem Altbauern zu Lebzeiten lange keine Konkurrenz erwuchs.

Ein Schmankerl ist ein Pumpernickel in Originalgröße, geschätzt 80x30x20 cm. Wem das auf den Kopf fällt, der wird dumm durch Brot.

Im Historischen Museum lernt man, daß die preußische Regierung die Ostwestfalen dazu gedrängt hat, die bäuerliche Leinenherstellung (‚Spinnen am Abend, erquickend und labend‘) auf industrielle Fertigung umzustellen. Zur Leinenherstellung wurden Maschinen benötigt – so entstand die Maschinenindustrie vor Ort. Arbeiter mußten zur Fabrik kommen – das ging am besten mit Fahrrädern. So entstanden rund 100 Betriebe – Dürkopp und Göricke sind wohl die bekanntesten-, in denen Fahrräder hergestellt wurden. Bis heute sollen rund 20 Millionen in Bielefeld gebaute Räder weltweit unterwegs sein. Auch hier ein Schmankerl: Bei der Firma Dürkopp (‚Jeder Schlürkopp ist bei Dürkopp‘) wurden auch wunderschöne Autos gebaut:

Dürkopp Knipperdolling 10/20 PS 1908. Quelle: Wikipedia

Weinberg im Winzerschen Garten. Quelle: Wikipedia

Und was wirklich kein ‚fake‘ ist: Inzwischen gibt es in Bielefeld auch einen Weinberg – im (wo sonst) Winzerschen Garten am Johannisberg! Schloß Johannisberg im Rheingau mag ja das älteste Riesling-Weingut der Welt sein; Bielefeld aber hat bald das jüngste!

 

Es bleibt die Frage: Wer hat und warum die Bielefeld-Verschwörung wirklich ausgeheckt? Bei der Beantwortung hilft die Überlegung: Cui bono? Hochgradig verdächtig ist natürlich der SC Paderborn, der einen alten Rivalen – den DSC Arminia Bielefeld – medial vernichten wollte. Wahrscheinlicher aber ist diese Erklärung: Es war der nordkoreanische Geheimdienst.

Der Grund: Dem ehrenwerten Führer Kim Jong-un ist während seiner Schulzeit in der Schweiz ein ostwestfälischer Pumpernickel auf den Kopf gefallen.

Diese traumatische Erfahrung spiegelt sich bis heute – unbewußt – in seiner Frisur wieder. Er versucht seitdem, Bielefeld aus seinem Bewußtsein zu eliminieren. Eifrige Gefolgsleute haben daraus die Bielefeld-Verschwörung konstruiert.

Wer also heute noch daran glaubt, dass Bielefeld nicht existiert, ist nichts als ein nützlicher Idiot im Dienste Nordkoreas!

Angelika Superstar – Stoff für eine Soap-Opera


Ein Mädchen aus eher einfachen Verhältnissen zieht mit seinem Vater, einem Wandermaler, durch die Schweiz und Oberitalien, wird früh als Wunderkind gehandelt, entscheidet sich gegen eine Gesangskarriere, wird freischaffende Malerin und setzt dies gegen den Wunsch des Vaters durch; es folgen vielfältige Ausbildungen, Erfolge in verschiedenen italienischen Städten, Gerüchte über viele Flirts und Verlobung; sie wechselt nach London, baut sich ein Netzwerk aus wichtigen Persönlichkeiten auf, Ehe mit einem Heiratsschwindler, Erpressung, Scheidung, macht eine steile Karriere und wird zum gefeierten Star, nach 15 Jahren in London Heirat mit einem deutlich älterem Maler, der ihr den Rücken freihält, Umzug nach Rom mit weiter anhaltendem Erfolg und einem weithin gefeierten, intellektuellen Salon, Verbindungen zur gesellschaftlichen und geistigen Elite, Millionärin, bejubelt als „vielleicht die kultivierteste Erscheinung Europas“1, bewundert als „unglaubliches, (…) wirklich ungeheures Talent“2, und von Reynolds als „Miss Angel“3.

Eine moderne Geschichte? Nein, diese Angelika Kauffmann lebte von 1741-1807 – und überwandt geografische, kulturelle und sprachliche Grenzen!

Mein erster Kontakt mit dem Werk von Angelika Kauffmann, kam über Goethe. Das bekannteste Goethe-Gemälde ist wohl das vom Goethe-Tischbein „Goethe in der Campagna“ (1787).

Goethe in der Campagna

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein – Goethe in der Campagna, Rom 1787

Goethe war begeistert von diesem mit vielfältigen Bezügen aufgeladenen Bild. Mir war es immer zu inszeniert: Zu wenig der junge Goethe, zu viel der „Dichterfürst“. Es entsprach aber wohl dem, wie er gerne gesehen wurde.

Goethe PotraitWie anders das Porträt von Angelika Kauffmann: Keine Überhöhung, eher das „realistische“ Bild eines Mannes, dessen wache, „empfindsame“, attraktive, menschliche Seite gezeigt wird, das die starke Anziehung des „Menschen Goethe“ gerade in jungen Jahren auf Frauen und Männer verständlich macht. Goethe gefiel es nicht: „ Es ist immer ein hübscher Bursche, doch keine Spur von mir.“

Wer war sie, diese Angelika Kauffmann?
Die Vertreterin des sog. empfindsamen Stils war eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich willentlich dem Risiko einer freien Künstler-Existenz aussetzte, sich nicht in die klassische Rolle fügte, eine menschlich angenehme Netzwerkerin war, die energisch zu kämpfen und ihre Interessen zu verteidigen wusste. Eine Grenzgängerin par excellence.
Ihr grandioser Erfolg und die Bewunderung provozierte Klatsch, Unterstellungen, Abwertungen, besonders da sie nun mal eine Frau ist. Da ihr guter Ruf lebensnotwendig war, musste sie sich klug verhalten, zwischen Anpassung und Kampf.

So wurde ihr bei ihrer Ankunft sogleich eine Affäre mit Englands damals berühmtesten Maler Joshua Reynolds nachgesagt. Der Maler Nathaniel Hone reichte zur Jahresausstellung der königlichen Akademie ein Bild ein, dass Reynolds und eine Frau, die nichts außer schwarzen Strümpfen trägt – Angelika Kauffmann. Sie aber kämpft dagegen und gewinnt!

Royal-Academie

Den Zeitgeist beschreibt das Gemälde „Die Mittglieder der Royal Academy in London“ (1772): Angelika Kauffmann war Gründungsmitglied und – neben Mary Moser – die einzige Frau unter den 36 Mitgliedern der Royal Academy. Trotzdem durften weder sie noch Moser als Personen in diesem Bild erscheinen, da zwei männliche Aktmodelle dargestellt waren. Da Frauen männliche Aktmodelle nicht sehen durften, wurden die beiden als Bildnisse hineingemalt. Gleichzeitig wurde ihr aber vorgeworfen, sie sei „in der Anatomie des Nackten ungewiß“ – schwierig zu erfüllen, wenn man nicht hingucken darf!

Neben der Grenzgängerin, der Kosmopolitin, der weltläufigen Künstlerin gab es noch eine weitere Facette, die den Mythos „Angelika“ ausmachte, der „sweet daugher oft the mountains“4.

Der Ort Schwarzenberg, damals ein kleines Dorf im Bregenzerwald, war der Geburtsort des Vaters. Er wurde für Kauffmann zur „Seelenheimat“ und sie hat sich mehrmals und unterschiedlich alt in der dortigen Tracht gemalt. Viele ihrer Bekannten und Bewunderer schwärmten von ihrer ländlichen Herkunft und damit unterstellten verbunden „natürlichen Arglosigkeit“. Eine Freundin berichtet, Kauffmann habe den Wunsch geäußert, dass sie „dort gern ihr Leben zu beschließen (würde)…, denn die Menschen leben da unschuldig, wie die Kinder.“ Diese Verbundenheit wirkt umso überraschender, als sie nur dreimal in ihrem ganzen Leben dort war und jeweils nur zu kurzen Besuchen. Trotzdem hat sie brieflich und finanziell Kontakt mit Verwandten gehalten, ihnen einen Großteil des Erbes vermacht sowie eine Stiftung in Schwarzenberg gegründet.

Nun passt diese idyllisch-ländlich inszenierte angebliche Herkunft und die scheinbar „natürlich ländliche Einfalt“ und Arglosigkeit, die man der „sweet daugher of the mountains“ zugeschrieben hat, hervorragend in die zeitgenössische Haltung der „Empfindsamkeit“ und hat sicher auch zum Erfolg des Mythos „Angelika Kaufmann“ beigetragen. Auf der anderen Seite fällt auf, dass dieses Bild in krassem Gegensatz zu ihrem tatsächlichen von Konkurrenz, klugem Taktieren und Ehrgeiz geprägten Leben in internationalen Großstädten steht. Neben dem damaligen Zeitgeist („zurück zur Natur“), den Projektionen ihrer Zeitgenossen und der eigenen bewussten Arbeit an ihrem Image, handelt es sich hier vielleicht auch um eigene unbewusste, rückwärtsgewandte Idealisierungen in einem globalisierten Leben? Der Versuch, sich tief zugehörig zu fühlen? Ziemlich modern: das Zurück zum scheinbar „authentischen“ Leben, die Sehnsucht nach Wurzeln…

Ein paar Tage in und um Schwarzenberg lohnen sich auch für uns heute aus mehreren Gründen:

  • In der Pfarrkirche Schwarzenberg existieren noch die Apostelfresken, die die Malerin mit 16 Jahren gestaltete und das später entstandene, der Kirche gewidmete Hochaltarbild. Eine noch zu Lebzeiten geschaffene Büste erinnert an sie.
  • Das Angelika-Kauffmann-Museum zeigt wechselnde Ausstellungen zu unterschiedlichen Themen. (→ angelika-kauffmann.com)
  • Ein musikalisches High-Light ist die Schubertiade Schwarzenberg Hohenems, die (fast) alljährlich stattfindet und Musik auf international hohem Niveau präsentiert. (→ schubertiade.at)
  • In Egg, nur ein paar Kilometer entfernt, unbedingt probieren – das Sonntagsgasthaus: (→ adler-grossdorf.at)
  • Und nicht zuletzt: Die Landschaft, die Architektur, besonders die Mischung aus Tradition, Handwerkskunst und Moderne – am besten erwandern!

Angelika Kauffmann traf mit ihrer Malerei den Geschmack der Menschen zwischen Rokoko und Klassizismus. Manches wirkt auf uns wie das „hameau de la reine“ von Marie Antoinette, aber es lohnt sich, genau hinzuschauen. Berühmt wurde sie als Porträtmalerin und die besten ihrer Porträts (z. B. Goethe, Winckelmann, Garrick) zeigen häufig die Menschen hinter ihrem Ruhm, eher psychologisch, als heroisch. In ihren Selbstporträts kann man verfolgen, wie eine Frau sich zunehmend ihrer Rolle als Künstlerin, als Malerin bewusst wird. Und sie überspringt eine weitere Grenze und beschäftigt sich mit der Historienmalerei, die als „Königsdisziplin“ gilt, nach dem Zeitgeist nicht unbedingt für Frauen geeignet. Ihre Inhalte sind für uns häufig nicht mehr geläufig, scheinen uns manchmal langweilig. Ein Vergleich der Umsetzung dieser Themen bei verschiedenen Malern, zeigt aber teilweise interessante Unterschiede zwischen den oft heroischeren Helden und Kauffmanns Sicht der Geschichte.

Neugierig geworden? Wenn Sie die Bilder dieser ungewöhnlichen Frau sehen möchten, dann müssen Sie auch die ein oder andere Grenze überwinden – allerdings nur Ländergrenzen. Bilder von Angelika Kauffmann finden Sie u. a. hier:

Viele spannende und anregende Momente auf den Spuren einer faszinierenden Frau und Grenzgängerin!

 

1. Herder, Johann Gottfried

2. Goethe, Johann Wolfgang, allerdings mit der Einschränkung „unglaubliches, für ein Weib Wirklich ungeheures Talent“. Der Status des Genies – damals sehr en vogue – wurde nur Männern zugestanden.

3. Reynolds, Joshua

4. Keate, George

Zu Besuch bei Guy de Maupassant

© C. Spurk (2)

1648A: Wer diesen Code eintippt, betritt einen verzauberten Ort: Ein Gitter öffnet sich, gibt den Weg auf eine kleine Straße frei. Am Ende des Sträßchens liegt ein romantisch verwilderter Garten, dahinter die ‚Bastide du Bosquet‘ – ein französischer Gutshof aus dem 18. Jahrhundert. Seit 1993 ist er ein Hotel in Antibes mit vier Chambres d‘ Hôtes, voller alter Möbel, Gemälde und mit dem anheimelnden Holzgeruch eines alten Hauses.

Was die Bastide so bedeutsam macht, ist ein Besuch von Guy de Maupassant im Jahr 1886. Dort blieb der 36jährige, inzwischen erfolgreiche Schriftsteller den Winter über und schrieb: Den Roman „Mont Oriol“ und mehrere Novellen, darunter „Madame Parisse“:

„Ich saß auf der Mole des kleinen Hafens Obernon bei der Ortschaft La Salis, um hinter Antibes die Sonne untergehen zu sehen. Etwas so Wunderbares und Schönes hatte ich noch nie erblickt“. (→ weblitera.com – „Madame Parisse“)

Guy de Maupassant (1850 – 1893)

Ein sozialer Grenzgänger war er, aufgestiegen vom kleinen Beamten bis zum wohlhabenden Autor. So, wie der Unteroffizier Georges Duroy, der Protagonist seines wohl bekanntesten Romans ‚Bel Ami‘. Wer dem Geist der Zeit am Vorabend des ‚Fin de siècle‘ nachspüren will, kann in Maupassants ehemaligen Zimmer übernachten. Es ist das schönste Zimmer des Hauses. Furchtsame Naturen sollten jedoch den Raum darunter nehmen, denn de Maupassant spukt von Zeit zu Zeit noch in seinem damaligen Zimmer, auf der Suche nach einem verlegten Manuskript.

 


Ansonsten ließe sich noch über die Bastide anfügen: Gut und ruhig gelegen, sehr liebenswürdige und hilfsbereite Gastgeber, ein wunderbares französisches Frühstück mit exzellentem Baguette vom nahen Boulanger, eine kleine Bibliothek (→ lebosquet06.com).

In drei Minuten Entfernung das sehr empfehlenswerte Restaurant ‚La Brasserie de L‘Ilette‘ und als Geheimtip zum Besichtigen: Nein, nicht das Picasso-Museum, sondern das dem Zeichner der ‚les amoureux‘ gewidmete ‚Musée Peynet et du Dessin humoristique‘: Stilles Schmunzeln und lautes Lachen sind garantiert.

Für Saarländer, Pfälzer und Badenser sei noch hinzugefügt, daß man mit der Tochtergesellschaft der Air France, HOP, in einer Stunde Flugzeit von Straßburg (im Sommer auch von Metz/Nancy) nach Nizza kommt. Also durchaus mal ein verlängertes Wochenende wert. Aber nur mit dem Roman ‚Mont Oriol‘ im Gepäck!

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