Verlag: J.G. Seume Blog

Ein Schlachtfeld als Ort des Friedens: die Spicherer Höhen

Das ist die deutsch-französische Grenze auf den Spicherer Höhen bei Saarbrücken, von Deutschland aus gesehen, an einem Sommertag im Juli 2018. Wanderer passieren sie, Jogger laufen an ihr vorbei, Mountainbiker radeln über sie hin. Deutsche, Franzosen und Menschen von woanders. Manche grüßen kurz, die Franzosen eher als die Deutschen: ‚Bonjour‘, ‚Guten Morgen‘. Ein friedlicher Ort.

Man sieht ihm nicht an, dass hier am 06. August 1870 eine der drei großen Schlachten (Wissembourg, Wörth und Spicheren) zu Beginn des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 stattgefunden hat. 843 deutsche und 820 französische Soldaten waren am Abend dieses Tages tot. 3.656 deutsche und 1.662 französische Soldaten lagen verwundet in Lazaretten und Krankenhäusern.

Einer der Toten: Hauptmann Franz Mudrack, auf dem breiten Wanderweg von zwei Kugeln tödlich in die Brust getroffen. Hinterließ er eine verzweifelte Kriegerwitwe, die um ihn trauerte? Weinende Kinder, die fortan am Sedantag an ihn denken mußten?

Unter den Opfern auf französischer Seite: Capitaine Charles Auguste de Beurmann, 1829 im elsässischen Wissembourg geboren, wenige Kilometer von der deutsch-französischen Grenze:

Was hat seine Mutter gefühlt, als sie der Brief mit der Todesnachricht erreichte, was seine Freunde?

Besonders absurd: Der Sterbeort des preußischen Generalmajors Bruno Hugo Karl Friedrich von François. Der Name sagt es: Er stammte aus einer normannischen Hugenottenfamilie, die nach der Widerrufung des Edikts von Nantes 1685 nach Deutschland gekommen war.  Fast schon am Ende der Schlacht, um 16.00 Uhr, wurde er von französischen Scharfschützen getroffen. Seine letzten Worte sollen gewesen sein:  „Es ist doch ein schöner Tod auf dem Schlachtfelde; ich sterbe gern, da ich sehe, dass das Gefecht vorwärts geht.“

(Von Gio von Gryneck – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14689098)

Der Anderen wird gedacht, mit pompösen Denkmälern, wie diesem für das Niederrheinische Füsilier-Regiment Nr. 39, gestiftet von ihren Regimentern, bis 1918 jedes Jahr geschmückt, gepflegt und befeiert:

Auch die Franzosen haben ein Denkmal für Ihre 1870 gefallenen Soldaten errichtet:

Insgesamt 7.000 Menschen und ihren Familien hat der 06. August 1870 Leiden und Tod gebracht.

Und heute? Deutsche und Franzosen treffen sich beim „Woll“, einem Restaurant direkt hinter der Grenze, auf der französischen Seite. Man spricht Deutsch (auch die Eigentümer sind Deutsche) und Französisch, Saarländisch und Platt, man isst „Flamm“ (-kuchen), trinkt einen Riesling, wer mag, bekommt auch Froschschenkel, und man schaut in die friedliche lothringisch-saarländische Landschaft.

‚Jeder Schuß‘ ein Russ, jeder Stoß ein Franzos‘ – längst vorbei, längst vergessen. Auch die beiden Weltkriege sind Geschichte, noch im Bewusstsein der Menschen und auf den Spicherer Höhen präsent, aber im Alltag kaum noch zu spüren. Das zeigt ein erst im Mai 1997 aufgestellter, von amerikanischen Veteranen gestifteter M 24 Chaffee Panzer: Dass er nicht mehr dem Zeitgeist entspricht, wurde deutlich, als Unbekannte die Kanone mehrfach rosa anmalten. Wem das Denkmal zu martialisch ist, der möge aber daran denken, dass die Amerikaner am 21. Februar 1945 als Befreier nach Spicheren kamen. Sicherlich ist es auch eine versöhnliche Geste der Gemeindeverwaltung gegenüber den deutschen Nachbarn, den Panzer mit einer nach Frankreich gerichteten Kanone aufgestellt zu haben.

Die Menschen hier sind inzwischen gute europäische Nachbarn geworden, man respektiert sich, mag sich und geht sich gelegentlich auf die Nerven. Saarländisch-lothringische Normalität, so wohl nirgendwo in Deutschland zu erleben. Vergessen wir aber nie, wenn wir – nun von der französischen Seite aus gesehen – über diese Grenze wandern, joggen oder radeln: Wo am 06. August 1870 Deutsche und Franzosen einander umbrachten, ist nunmehr seit 73 Jahren Frieden!

Ein Champagnerhotel mit wechselvoller Geschichte

Foto © Volker Hildisch

Ein Hotel, das man nicht buchen kann? – Davon gibt es weltweit nicht so viele. Eines davon liegt in der Rue du Temple in Reims, gegenüber der Firmenzentrale des Champagnerhauses „Veuve Cliquot“, hinter einer Mauer in einem gepflegten Park. Das Haus spiegel auf eine besondere Art die deutsch-französische Geschichte wider.

Hier im „Hôtel du Marc“ (→ veuveclicquot.com ) können nur Freunde, Familie und Geschäftspartner des Unternehmens übernachten. Kunden von booking.com müssen leider draußen bleiben. Manchmal werden die Gäste sogar mit dem „Veuve Cliquot“-Bentley vom TGV-Bahnhof abgeholt. Da er im Kofferraum über ein Picknick-Set mit Flaschenhaltern und –Kühlern (natürlich für den hauseigenen Champagner) verfügt, eignet er sich auch für Überlandtouren durch die Weinberge der Champagne.

Foto © Volker Hildisch

Das 1840 gebaute Haus gehört einem Unternehmen, das die kühne Geschäftsfrau Barbe-Nicole Cliquot-Ponsardin weltweit berühmt gemacht hat. Heute ist es im Besitz des Branchenführers der Luxusgüterindustrie LVMH, zu dem auch die Champagnerfirmen Moet & Chandon, Ruinart, Mercier, Dom Perignon und Krug gehören. Das Grundstück hatte die Witwe ihrem einstigen Lehrling und späterem Partner Eduard Werlé geschenkt.

Foto © Volker Hildisch

Werlé, 1801 in Wetzlar geboren, kam wie so viele Deutsche in die Champagne, um dort sein berufliches Glück zu finden. Landsleute wie William Deutz und Peter Geldermann aus Aachen, Johann-Joseph Krug aus Mainz oder Joseph Bollinger aus Ellwangen handelten zunächst mit Wein, gründeten dann aber in der boomenden Branche schnell ihre eigenen Champagnerhäuser, die bis heute bestehen – wenn auch nicht mehr alle in Familienbesitz.

Foto © Volker Hildisch

Werlé, Sohn eines deutschen Posthalters, machte dagegen im Hause Veuve Cliquot-Ponsardin schnell Karriere. Schon nach kurzer Zeit übernahm er die Leitung der Kellerei, wurde Betriebsleiter und bereits 1831 Teilhaber. Er heiratete eine Französin, wechselte die Staatsangehörigkeit, wurde Bürgermeister von Reims, Präsident der Handelskammer und Deputierter im Parlament. Schließlich vermachte Barbe-Nicole Cliquot-Ponsardin ihm das Unternehmen. Auf dem Grundstück, das sie ihm zuvor geschenkt hatte, baute Eduard Werlé ein Haus für seine Familie, das heutige „Hotel du Marc“.

Im 1. Weltkrieg wurde es durch die Deutschen, die Reims zu 60 Prozent in Schutt und Asche legten, von zahlreichen Geschossen getroffen. Im 2. Weltkrieg suchte sich Otto Klaebisch, der Sonderbeauftragte der deutschen Besatzer, das Hotel du Marc als seinen Dienstsitz aus. Klaebisch, Schwager von Außenminister Ribbentrop und Schwiegersohn des Sektfabrikanten Otto Henkell, sorgte als „Weinführer“ dafür, dass von 1941 bis Ende des Krieges rund 80 Millionen Flaschen Champagner zu Dumpinpreisen an das Naziregime geliefert wurden.

Wer sich dagegen auflehnte oder versuchte, den Besatzer minderwertige Ware anzudrehen, wurde mit Arbeitslager, KZ  oder Todesstrafe bedroht.

Foto © Volker Hildisch

Heute erstrahlt das Hotel Marc in neuem Glanz. Die alten Einschusslöcher in der Hauswand sieht man zwar noch. Aber ansonsten ist alles vom Feinsten restauriert. Der Luxusgüterkonzern LVMH hat richtig viel Geld in die Hand genommen. Dafür wurden zahlreiche Künstler und Designer engagiert. Andrée Putmann hinterließ bei der Gestaltung der nur sechs Gästezimmer seine Handschrift ebenso wie Karim Rashid, Tom Dixon und Mathieu Lehanneur. Einer der Räume ist in Eisblau gestaltet – eine Referenz an Russland, wohin Veuve Cliquot ihre ersten Champagner exportierte. Die Farbe im Treppenhaus orientiert sich am Ton des Pinot Noir-Rebensaftes. Die Eingangshalle ziert ein riesiger Kronleuchter von Issey Miyake. In den Gesellschaftsräumen werden die besten Champagner des Hauses Veuve Cliquot verkostet. Und überall ist in Bildern die Witwe Cliquot zu sehen.

Foto © Volker Hildisch

Wer das Hotel du Marc besichtigen will, muss schon den exklusiven Dienst des Hauses Veuve Cliquot in Anspruch nehmen (→ visitscenter@veuve-clicquot.com). Ob man dann auch im Bentley abgeholt wird, ist dem Autor nicht bekannt. Der konnte das Hotel du Marc im Zuge einer Recherche für einen Fernsehfilm besichtigen. Darin geht es – wie oben angesprochen – um die speziellen französisch-deutschen Beziehungen beim Thema Champagner. Aus dem anfänglichen Miteinander wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts ein heftiger Konkurrenzkampf zwischen den französischen Champagnerherstellern und den deutschen Sekthäusern um das Markenrecht. Erst im Versailler Vertrag von 1919 konnten die Champagnerwinzer ihre Ansprüche besiegeln lassen. Viele deutsche Sekthäuser mit Niederlassungen in der Champagne und in Lothringen mussten Frankreich verlassen.

Einen Besuch ist Reims (zweieinhalb Stunden Autofahrt ab Saarbrücken → reims-tourisme.com) aber nicht nur wegen der vielen Champagnerhäuser wert, sondern weil die Stadt über Jahrhunderte im Zentrum europäischer Geschichte stand und dafür viele sehenswerte Zeugnisse bietet. Im Mittelpunkt natürlich ein gotisches Meisterwerk, die Kathedrale Notre-Dame, so etwas wie ein französisches Nationalheiligtum.

Foto © Volker Hildisch

Foto © Volker Hildisch


Seit dem Jahr 816 wurden hier fast alle französischen Könige gekrönt. Ein Grund, weshalb die deutschen Truppen im ersten Weltkrieg nicht nur die Stadt zu 60 Prozent in Schutt und Asche legten, sondern auch speziell die Kathedrale im Visier der Artillerie hatten. Nach dem 2. Weltkrieg wurde sie wiederum zum Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung, als Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer hier am 8. Juli 1962 demonstrativ an einer Messe teilnahmen. Ein Ort, dessen Architektur und dessen Aura den Besucher nicht unbeeindruckt lassen.

Dänen lügen nicht: Bielefeld existiert wirklich!

Ich habe in Bielefeld gelebt, mehr als 13 Jahre. Bin dort zur Bückhardtschule und zur Falk-Realschule gegangen, habe eine Lehre bei der Stadtsparkasse Bielefeld gemacht, bin auf die Alm zu den Heimspielen von Arminia Bielefeld gepilgert, habe die Tanzstunde bei Thielemann & Richter überstanden, reichlich Spengemanns Bratwürste und gelegentlich Pickert gegessen sowie später, auf dem Westfalenkolleg, das Abitur nachgeholt. Alles nur ein langer Traum?
Wie soll man beweisen, daß dem nicht so ist? Zeugen lassen sich bestechen, falsche Schilder aufstellen und im Internet kann man leicht eine Scheinwelt generieren. Aber es gibt – glücklicherweise – eine Institution in Deutschland, die verschwörungssicher ist – die Deutsche Bundesbahn. Hier möge man den Test machen – sie verkauft Fahrkarten nach Bielefeld!

Wem das nicht genügt, der kann bei der DB sicherheitshalber einmal Fahrkarten zu Phantasieorten bestellen. Er wird lernen müssen: Nach Entenhausen, Michelbinge oder Metropolis kann man keine Fahrtausweise erwerben! Oder er mag bei der Danske Statsbaner anfragen – Dänen lügen nicht: Auch sie fährt nach Bielefeld, zum Beispiel 08.52 Uhr ab Kopenhagen, an 16.51 Uhr in Bielefeld, für 304,– Dkr in der 2. Klasse!

Das hatte mich überzeugt. Ich würde nichts riskieren, wenn ich zur Realitätsprüfung nach Bielefeld fahren würde. Ich habe es dann Ende Mai 2018 getan und fand eine lebendige, gepflegte und interessante Großstadt mit rund 333.000 Bielefeldern. Dazu einen türkischstämmigen Taxifahrer, der mir sagte, dass Bielefeld für ihn die schönste Stadt der Welt sei. Inzwischen rund 30.000 Studenten mögen das – zumindest eine zeitlang – ähnlich sehen.
Wer Bielefeld nicht nur sehen, sondern auch noch begreifen will, muß zwei Museen besichtigen: Das Bauernhausmuseum im Bielefelder Stadtwald und das Historische Museum in der alten Spinnerei. Dort wird – museumspädagogisch exzellent aufbereitet – die Geschichte der Stadt von der ländlichen Leineweberstadt zur industriellen, evangelisch geprägten Großstadt mit den Schwerpunkten Textil, Maschinenbau, Nahrungsmittel und den Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel erläutert.

Bauernhausmuseum Bielefeld. Quelle: Wikipedia

Im Museum wird ein interessanter Ansatz verfolgt: Der Bauernhof wird als System begriffen, dessen Erhalt alle Aktivitäten untergeordnet waren und woraus sich letztlich alle Sitten und Gebräuche erklären ließen. Beispielsweise erbte in Ravensburg der Jüngste den gesamten Hof, weil er im Erbfall der Kräftigste war und durch ihn dem Altbauern zu Lebzeiten lange keine Konkurrenz erwuchs.

Ein Schmankerl ist ein Pumpernickel in Originalgröße, geschätzt 80x30x20 cm. Wem das auf den Kopf fällt, der wird dumm durch Brot.

Im Historischen Museum lernt man, daß die preußische Regierung die Ostwestfalen dazu gedrängt hat, die bäuerliche Leinenherstellung (‚Spinnen am Abend, erquickend und labend‘) auf industrielle Fertigung umzustellen. Zur Leinenherstellung wurden Maschinen benötigt – so entstand die Maschinenindustrie vor Ort. Arbeiter mußten zur Fabrik kommen – das ging am besten mit Fahrrädern. So entstanden rund 100 Betriebe – Dürkopp und Göricke sind wohl die bekanntesten-, in denen Fahrräder hergestellt wurden. Bis heute sollen rund 20 Millionen in Bielefeld gebaute Räder weltweit unterwegs sein. Auch hier ein Schmankerl: Bei der Firma Dürkopp (‚Jeder Schlürkopp ist bei Dürkopp‘) wurden auch wunderschöne Autos gebaut:

Dürkopp Knipperdolling 10/20 PS 1908. Quelle: Wikipedia

Weinberg im Winzerschen Garten. Quelle: Wikipedia

Und was wirklich kein ‚fake‘ ist: Inzwischen gibt es in Bielefeld auch einen Weinberg – im (wo sonst) Winzerschen Garten am Johannisberg! Schloß Johannisberg im Rheingau mag ja das älteste Riesling-Weingut der Welt sein; Bielefeld aber hat bald das jüngste!

 

Es bleibt die Frage: Wer hat und warum die Bielefeld-Verschwörung wirklich ausgeheckt? Bei der Beantwortung hilft die Überlegung: Cui bono? Hochgradig verdächtig ist natürlich der SC Paderborn, der einen alten Rivalen – den DSC Arminia Bielefeld – medial vernichten wollte. Wahrscheinlicher aber ist diese Erklärung: Es war der nordkoreanische Geheimdienst.

Der Grund: Dem ehrenwerten Führer Kim Jong-un ist während seiner Schulzeit in der Schweiz ein ostwestfälischer Pumpernickel auf den Kopf gefallen.

Diese traumatische Erfahrung spiegelt sich bis heute – unbewußt – in seiner Frisur wieder. Er versucht seitdem, Bielefeld aus seinem Bewußtsein zu eliminieren. Eifrige Gefolgsleute haben daraus die Bielefeld-Verschwörung konstruiert.

Wer also heute noch daran glaubt, dass Bielefeld nicht existiert, ist nichts als ein nützlicher Idiot im Dienste Nordkoreas!

Angelika Superstar – Stoff für eine Soap-Opera


Ein Mädchen aus eher einfachen Verhältnissen zieht mit seinem Vater, einem Wandermaler, durch die Schweiz und Oberitalien, wird früh als Wunderkind gehandelt, entscheidet sich gegen eine Gesangskarriere, wird freischaffende Malerin und setzt dies gegen den Wunsch des Vaters durch; es folgen vielfältige Ausbildungen, Erfolge in verschiedenen italienischen Städten, Gerüchte über viele Flirts und Verlobung; sie wechselt nach London, baut sich ein Netzwerk aus wichtigen Persönlichkeiten auf, Ehe mit einem Heiratsschwindler, Erpressung, Scheidung, macht eine steile Karriere und wird zum gefeierten Star, nach 15 Jahren in London Heirat mit einem deutlich älterem Maler, der ihr den Rücken freihält, Umzug nach Rom mit weiter anhaltendem Erfolg und einem weithin gefeierten, intellektuellen Salon, Verbindungen zur gesellschaftlichen und geistigen Elite, Millionärin, bejubelt als „vielleicht die kultivierteste Erscheinung Europas“1, bewundert als „unglaubliches, (…) wirklich ungeheures Talent“2, und von Reynolds als „Miss Angel“3.

Eine moderne Geschichte? Nein, diese Angelika Kauffmann lebte von 1741-1807 – und überwandt geografische, kulturelle und sprachliche Grenzen!

Mein erster Kontakt mit dem Werk von Angelika Kauffmann, kam über Goethe. Das bekannteste Goethe-Gemälde ist wohl das vom Goethe-Tischbein „Goethe in der Campagna“ (1787).

Goethe in der Campagna

Johann Heinrich Wilhelm Tischbein – Goethe in der Campagna, Rom 1787

Goethe war begeistert von diesem mit vielfältigen Bezügen aufgeladenen Bild. Mir war es immer zu inszeniert: Zu wenig der junge Goethe, zu viel der „Dichterfürst“. Es entsprach aber wohl dem, wie er gerne gesehen wurde.

Goethe PotraitWie anders das Porträt von Angelika Kauffmann: Keine Überhöhung, eher das „realistische“ Bild eines Mannes, dessen wache, „empfindsame“, attraktive, menschliche Seite gezeigt wird, das die starke Anziehung des „Menschen Goethe“ gerade in jungen Jahren auf Frauen und Männer verständlich macht. Goethe gefiel es nicht: „ Es ist immer ein hübscher Bursche, doch keine Spur von mir.“

Wer war sie, diese Angelika Kauffmann?
Die Vertreterin des sog. empfindsamen Stils war eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die sich willentlich dem Risiko einer freien Künstler-Existenz aussetzte, sich nicht in die klassische Rolle fügte, eine menschlich angenehme Netzwerkerin war, die energisch zu kämpfen und ihre Interessen zu verteidigen wusste. Eine Grenzgängerin par excellence.
Ihr grandioser Erfolg und die Bewunderung provozierte Klatsch, Unterstellungen, Abwertungen, besonders da sie nun mal eine Frau ist. Da ihr guter Ruf lebensnotwendig war, musste sie sich klug verhalten, zwischen Anpassung und Kampf.

So wurde ihr bei ihrer Ankunft sogleich eine Affäre mit Englands damals berühmtesten Maler Joshua Reynolds nachgesagt. Der Maler Nathaniel Hone reichte zur Jahresausstellung der königlichen Akademie ein Bild ein, dass Reynolds und eine Frau, die nichts außer schwarzen Strümpfen trägt – Angelika Kauffmann. Sie aber kämpft dagegen und gewinnt!

Royal-Academie

Den Zeitgeist beschreibt das Gemälde „Die Mittglieder der Royal Academy in London“ (1772): Angelika Kauffmann war Gründungsmitglied und – neben Mary Moser – die einzige Frau unter den 36 Mitgliedern der Royal Academy. Trotzdem durften weder sie noch Moser als Personen in diesem Bild erscheinen, da zwei männliche Aktmodelle dargestellt waren. Da Frauen männliche Aktmodelle nicht sehen durften, wurden die beiden als Bildnisse hineingemalt. Gleichzeitig wurde ihr aber vorgeworfen, sie sei „in der Anatomie des Nackten ungewiß“ – schwierig zu erfüllen, wenn man nicht hingucken darf!

Neben der Grenzgängerin, der Kosmopolitin, der weltläufigen Künstlerin gab es noch eine weitere Facette, die den Mythos „Angelika“ ausmachte, der „sweet daugher oft the mountains“4.

Der Ort Schwarzenberg, damals ein kleines Dorf im Bregenzerwald, war der Geburtsort des Vaters. Er wurde für Kauffmann zur „Seelenheimat“ und sie hat sich mehrmals und unterschiedlich alt in der dortigen Tracht gemalt. Viele ihrer Bekannten und Bewunderer schwärmten von ihrer ländlichen Herkunft und damit unterstellten verbunden „natürlichen Arglosigkeit“. Eine Freundin berichtet, Kauffmann habe den Wunsch geäußert, dass sie „dort gern ihr Leben zu beschließen (würde)…, denn die Menschen leben da unschuldig, wie die Kinder.“ Diese Verbundenheit wirkt umso überraschender, als sie nur dreimal in ihrem ganzen Leben dort war und jeweils nur zu kurzen Besuchen. Trotzdem hat sie brieflich und finanziell Kontakt mit Verwandten gehalten, ihnen einen Großteil des Erbes vermacht sowie eine Stiftung in Schwarzenberg gegründet.

Nun passt diese idyllisch-ländlich inszenierte angebliche Herkunft und die scheinbar „natürlich ländliche Einfalt“ und Arglosigkeit, die man der „sweet daugher of the mountains“ zugeschrieben hat, hervorragend in die zeitgenössische Haltung der „Empfindsamkeit“ und hat sicher auch zum Erfolg des Mythos „Angelika Kaufmann“ beigetragen. Auf der anderen Seite fällt auf, dass dieses Bild in krassem Gegensatz zu ihrem tatsächlichen von Konkurrenz, klugem Taktieren und Ehrgeiz geprägten Leben in internationalen Großstädten steht. Neben dem damaligen Zeitgeist („zurück zur Natur“), den Projektionen ihrer Zeitgenossen und der eigenen bewussten Arbeit an ihrem Image, handelt es sich hier vielleicht auch um eigene unbewusste, rückwärtsgewandte Idealisierungen in einem globalisierten Leben? Der Versuch, sich tief zugehörig zu fühlen? Ziemlich modern: das Zurück zum scheinbar „authentischen“ Leben, die Sehnsucht nach Wurzeln…

Ein paar Tage in und um Schwarzenberg lohnen sich auch für uns heute aus mehreren Gründen:

  • In der Pfarrkirche Schwarzenberg existieren noch die Apostelfresken, die die Malerin mit 16 Jahren gestaltete und das später entstandene, der Kirche gewidmete Hochaltarbild. Eine noch zu Lebzeiten geschaffene Büste erinnert an sie.
  • Das Angelika-Kauffmann-Museum zeigt wechselnde Ausstellungen zu unterschiedlichen Themen. (→ angelika-kauffmann.com)
  • Ein musikalisches High-Light ist die Schubertiade Schwarzenberg Hohenems, die (fast) alljährlich stattfindet und Musik auf international hohem Niveau präsentiert. (→ schubertiade.at)
  • In Egg, nur ein paar Kilometer entfernt, unbedingt probieren – das Sonntagsgasthaus: (→ adler-grossdorf.at)
  • Und nicht zuletzt: Die Landschaft, die Architektur, besonders die Mischung aus Tradition, Handwerkskunst und Moderne – am besten erwandern!

Angelika Kauffmann traf mit ihrer Malerei den Geschmack der Menschen zwischen Rokoko und Klassizismus. Manches wirkt auf uns wie das „hameau de la reine“ von Marie Antoinette, aber es lohnt sich, genau hinzuschauen. Berühmt wurde sie als Porträtmalerin und die besten ihrer Porträts (z. B. Goethe, Winckelmann, Garrick) zeigen häufig die Menschen hinter ihrem Ruhm, eher psychologisch, als heroisch. In ihren Selbstporträts kann man verfolgen, wie eine Frau sich zunehmend ihrer Rolle als Künstlerin, als Malerin bewusst wird. Und sie überspringt eine weitere Grenze und beschäftigt sich mit der Historienmalerei, die als „Königsdisziplin“ gilt, nach dem Zeitgeist nicht unbedingt für Frauen geeignet. Ihre Inhalte sind für uns häufig nicht mehr geläufig, scheinen uns manchmal langweilig. Ein Vergleich der Umsetzung dieser Themen bei verschiedenen Malern, zeigt aber teilweise interessante Unterschiede zwischen den oft heroischeren Helden und Kauffmanns Sicht der Geschichte.

Neugierig geworden? Wenn Sie die Bilder dieser ungewöhnlichen Frau sehen möchten, dann müssen Sie auch die ein oder andere Grenze überwinden – allerdings nur Ländergrenzen. Bilder von Angelika Kauffmann finden Sie u. a. hier:

Viele spannende und anregende Momente auf den Spuren einer faszinierenden Frau und Grenzgängerin!

 

1. Herder, Johann Gottfried

2. Goethe, Johann Wolfgang, allerdings mit der Einschränkung „unglaubliches, für ein Weib Wirklich ungeheures Talent“. Der Status des Genies – damals sehr en vogue – wurde nur Männern zugestanden.

3. Reynolds, Joshua

4. Keate, George

Zu Besuch bei Guy Maupassant

© C. Spurk (2)

1648A: Wer diesen Code eintippt, betritt einen verzauberten Ort: Ein Gitter öffnet sich, gibt den Weg auf eine kleine Straße frei. Am Ende des Sträßchens liegt ein romantisch verwilderter Garten, dahinter die ‚Bastide du Bosquet‘ – ein französischer Gutshof aus dem 18. Jahrhundert. Seit 1993 ist er ein Hotel in Antibes mit vier Chambres d‘ Hôtes, voller alter Möbel, Gemälde und mit dem anheimelnden Holzgeruch eines alten Hauses.

Was die Bastide so bedeutsam macht, ist ein Besuch von Guy de Maupassant im Jahr 1886. Dort blieb der 36jährige, inzwischen erfolgreiche Schriftsteller den Winter über und schrieb: Den Roman „Mont Oriol“ und mehrere Novellen, darunter „Madame Parisse“:

„Ich saß auf der Mole des kleinen Hafens Obernon bei der Ortschaft La Salis, um hinter Antibes die Sonne untergehen zu sehen. Etwas so Wunderbares und Schönes hatte ich noch nie erblickt“. (→ weblitera.com – „Madame Parisse“)

Guy de Maupassant (1850 – 1893)

Ein sozialer Grenzgänger war er, aufgestiegen vom kleinen Beamten bis zum wohlhabenden Autor. So, wie der Unteroffizier Georges Duroy, der Protagonist seines wohl bekanntesten Romans ‚Bel Ami‘. Wer dem Geist der Zeit am Vorabend des ‚Fin de siècle‘ nachspüren will, kann in Maupassants ehemaligen Zimmer übernachten. Es ist das schönste Zimmer des Hauses. Furchtsame Naturen sollten jedoch den Raum darunter nehmen, denn de Maupassant spukt von Zeit zu Zeit noch in seinem damaligen Zimmer, auf der Suche nach einem verlegten Manuskript.

 


Ansonsten ließe sich noch über die Bastide anfügen: Gut und ruhig gelegen, sehr liebenswürdige und hilfsbereite Gastgeber, ein wunderbares französisches Frühstück mit exzellentem Baguette vom nahen Boulanger, eine kleine Bibliothek (→ lebosquet06.com).

In drei Minuten Entfernung das sehr empfehlenswerte Restaurant ‚La Brasserie de L‘Ilette‘ und als Geheimtip zum Besichtigen: Nein, nicht das Picasso-Museum, sondern das dem Zeichner der ‚les amoureux‘ gewidmete ‚Musée Peynet et du Dessin humoristique‘: Stilles Schmunzeln und lautes Lachen sind garantiert.

Für Saarländer, Pfälzer und Badenser sei noch hinzugefügt, daß man mit der Tochtergesellschaft der Air France, HOP, in einer Stunde Flugzeit von Straßburg (im Sommer auch von Metz/Nancy) nach Nizza kommt. Also durchaus mal ein verlängertes Wochenende wert. Aber nur mit dem Roman ‚Mont Oriol‘ im Gepäck!

Das Saarland – mehr als Kohle und Stahl

Blick vom Litermont auf das Saarland

Blick vom Litermont auf das Saarland. Hier ungefähr ist der geographische Mittelpunkt des kleinen Bundeslandes. © Volker Hildisch

Goethe – ja. Er war hier – im Sommer 1770 – und es hat ihm gefallen.

„Wir gelangten über Saargemünd nach Saarbrück, und diese kleine Residenz war ein lichter Punkt in einem so felsig waldigen Lande. Die Stadt, klein und hüglig, aber durch den letzten Fürsten wohl ausgeziert, macht sogleich einen angenehmen Eindruck, weil die Häuser alle grauweiß angestrichen sind und die verschiedene Höhe derselben einen mannigfaltigen Anblick gewährt“ (Goethe, J.W. v.: Dichtung und Warheit,…).

Die Saarbrücker sind heute noch so stolz auf diesen Besuch, daß sie eine Gedenktafel am Ludwigsplatz in den Boden eingelassen haben. Und Seume? Der nicht. Seume hat für den Rückweg seines Spaziergangs nach Syrakus den Weg über Straßburg gewählt. Da hat er was verpasst. Wer heute das Saarland besuchen will, dem steht seit kurzem ein neues, handliches und informatives Buch zur Verfügung, auf das wir als saarländisch-sächsischer Verlag gerne aufmerksam machen – auch, wenn es nicht von uns ist. Es beschreibt eine Grenzregion, die einen Besuch wert ist.

Der Autor, Wolfgang Felk, gebürtiger Schwabe, war seit frühester Kindheit immer schon gerne Gast bei den Großeltern in Saarbrücken. Das war Anfang der Fünfzigerjahre, als das Saarland noch sehr französisch geprägt war in Politik, Kultur und Lebensart. Damals schon wuchs bei ihm die Faszination für dieses exotische Ländchen zwischen Deutschland und Frankreich. Das Studium der Germanistik und Anglistik an der Universität des Saarlandes ergab sich daraus fast zwangsläufig, dazu kam der berufliche Einstieg beim Saarländischen Rundfunk, zunächst mit Schwerpunkt Kultur in der Großregion, von der Politik auch gerne „SaarLorLux“ genannt. Später kamen die TV-Formate „Reisewege“, „Weit-weit-weg“, „Bilderbuch Deutschland“, „Fahr mal hin“ und „Schätze des Landes“ dazu, die den Autor durch ganz Europa führten. Seit 2013 im Ruhestand, betreut und aktualisiert er weiter seine beiden Reiseführer „Marco-Polo-Luxemburg“ sowie das hier beschriebene Buch „Dumont-direkt Saarland“ und engagiert sich bei diversen Kulturprojekten in der Großregion.

Das Saarland beschreibt er in seinem Buch so:

Was fällt Ihnen spontan zum Saarland ein? Nichts? Nicht viel?

Macht nichts, da geht es Ihnen wie den meisten, die noch nicht da waren. Lafontaine kennen Sie natürlich (die bekannteste „Hausnummer“ seit
Jahrzehnten, jetzt immer im Schlepptau mit Sahra Wagenknecht). Die Fortgeschrittenen (und heimlichen Kenner) schätzen ebenfalls seit Jahren
den Becker-Heinz, ein Schlaumeier (saarländisch: „Dummschwätzer“) mit „Batschkapp“ und ständiger Wiederholungs-Wiedergänger in den TV-Programmen. Und die ganz Schlauen wissen, dass unsere AKK (Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer) ganz heiß im Rennen sein soll für die K-Nachfolge von AM (Angela Merkel).

Und sonst? Kohle und Stahl, rauchende Schlote – und war das nicht irgendwie auch mal alles französisch? Alles richtig, aber alles ziemlich Schnee von gestern. Ein bisschen Edel-Stahl köchelt noch, die Gruben sind alle dicht. Die Signalfarbe des Saarlandes von heute ist grün (leider nicht politisch, da machen wir derzeit auch in GroKo). Egal aus welcher Himmelsrichtung Sie anreisen: sanft gewellte Hügel ziehen am Auto- oder Zugfenster vorbei, und Wald, viel Wald. Aus dem Flieger sehen Sie glitzernde Flusstäler und Seen, sonnensatte Wiesen, Weinberge, Felder und Weiden mit knorrigen Obstbäumen drauf, die nahtlos über die Grenze nach Frankreich weiterschwingen. Dazwischen immer mal wieder Fördertürme, Kohlehalden, erkaltete Hochöfen, die Landmarken der Vergangenheit. Ein schönes Panorama, klein, kompakt, übersichtlich.

Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Das Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist eine Kathedrale aus Stahl. © Volker Hildisch

Ich lade Sie gerne ein, mit mir durch das Buch zu flanieren und sich das Saarland genauer anzusehen. Ich zeige Ihnen die grandiose Ludwigskirche in Saarbrücken, die Perle des deutsch-französischen Barock an der Saar. Ich klettere mit Ihnen durch das atemberaubende Weltkulturerbe Völklinger Hütte, das uns die 150-jährige Geschichte der Montanindustrie erzählt. Ich zeige Ihnen den riesigen Steinwall einer ehemaligen Keltenfestung im Hochwald, wo einst womöglich Cäsar mit seinen Truppen ante portas stand. Ich führe Sie zu meinem persönlichen Lieblingsplatz im Lande, zum Wortsegel am Fuße des Schaumbergs. Eine schwungvolle stählerne Skulptur, die den Bogen schlägt von den ersten Mönchen der Abtei Tholey im 7. Jh. bis zu den High-Tech-Stahlkochern von heute in Dillingen und Völklingen.

Das Saarland ist mehr als Industrieland

Das Saarland ist mehr als Industrieland. © Volker Hildisch

Im Saartal schwingen wir uns aufs Rad Richtung Merzig und Mettlach, wo wir uns im Keramikmuseum von Villeroy und Boch über Kaiser Wilhelms
kunstvolle Kloschüssel amüsieren. Klar, dann geht’s (auf dem Baumwipfelpfad) weiter zur Saarschleife. Die muss man einfach gesehen haben. Im Abendrot sitzen wir dann auf der Sonnenterrasse des Europazentrums Schengen in Luxemburg und sinnieren bei einem „Pättchen“ Mosel-Elbling darüber, wie lange es wohl noch offene Grenzen in Europa gibt – und ob uns eventuell Künstliche Intelligenz (Forschungs-Schwerpunkt an der Saar-Uni) dabei helfen kann, die Zukunft (besser) zu gestalten.

Die Gegenwart zumindest gestaltet der Saarländer ganz epikureisch-horazisch-hedonistisch – auf seine Art: „Carpe diem“ heißt auf Saarländisch: „Mir wisse, was gudd is“, das Intensivum davon: „Hauptsach gudd gess“. Deshalb sollten wir jetzt, wo wir schon mal da sind, ruhig auch noch versuchen, spontan bei Christian Bau einen Tisch zu bekommen. Der sitzt auf der anderen Moselseite mitten in den Weinbergen, hat drei Michelin-Sterne und ist Koch des Jahres 2017. Noch Fragen? Nein? Na dann guten Appetit!

Wolfgang Felk, Autor Dumont-direkt Saarland

Saarland-Buch bei Dumont Direkt

Das Saarland-Buch bei Dumont Direkt ist Anfang Januar 2018 erschienen und kostet 11,99 Euro.

„Welch ein Geist, welch ein Herz, welch ein Charakter…“

Johann Gottfried Seume (Hans Veit Schnorr von Carolsfeld, 1798 )

… ist mit diesem seltnen Mann aus der Welt verschwunden!“, schrieb Christoph Martin Wieland nach dem Tod Johann Gottfried Seumes an den Verleger Georg Joachim Göschen.

Es wurde Zeit, daß der Verlag: J.G. Seume das Andenken seines Namensgebers mit einem Buch ehrt und pflegt. Nun hat dankenswerterweise der Germanist, Historiker und Vorsitzende der Johann Gottfried Seume Gesellschaft zu Leipzig e.V., Dr. Otto Werner Förster, eine neue Biographie über den Leipziger Spätaufklärer und Wanderer nach Syrakus geschrieben, das zur Leipziger Buchmesse erscheinen wird.

Wer ihn noch nicht kennt: Seume, 1763 in Poserna geboren, war Schüler der Alten Nikolaischule und Student der Theologie in Leipzig, bevor er als Soldat vom Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel als Soldat in den Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg vermietet wurde. Nach der Flucht aus dem hessischen, später dem preußischen Militärdienst studiert er in Leipzig Jura, Philosophie, Geschichte und Sprachen. Seine Studien schließt er mit Promotion und Habilitation ab: Dr. habil. Johann Gottfried Seume. Vier Jahre arbeitet er danach als Korrektor des Göschen-Verlags in Grimma, bevor er am 06. Dezember 1801 in Hohnstädt zu seinem berühmten ‚Spaziergang nach Syrakus‘ aufbrach. Nach weiteren Wanderungen – u.a.nach Polen, ins Baltikum, nach Russland – fristet er ein mühseliges Dasein als Autor und Hauslehrer in Leipzig.

Schwer erkrankt, reist er auf Einladung seiner Freunde 1810 zur Kur nach Teplitz, wo er am 13. Juni 1810 verstirbt. Otto Werner Förster beschreibt Seume so: „Lese ich Seume, bin ich immer wieder erstaunt über seine treffende Sicht auf die Zeit. Und dass sich nach mehr als zwei Jahrhunderten so viel scheinbar nicht verändert hat: Der Adel heißt jetzt Politiker, Konzernlenker,Großaktionär. Das Geld und die Werte – nun in einer Demokratie – erwirtschaften noch immer allein die Millionen Menschen »darunter«. Die ewigen Mitmacher, Bücklinge, Schleimer, den Klüngel gibt es noch immer. Seume schreibt, was er denkt, mit einem Bildungshintergrund und -Horizont, der weit mehr ist als »Wissen«: nämlich Durchschauen der Verhältnisse, Weltsicht, Verantwortung. Solche Sicht auf die Dinge schafft nicht nur Freunde. Aber angepasst an die gängige Meinung hat er sich nie. Ein »Selbstdenker« und wichtiger Autor, dem Aufklärungsjahrhundert verpflichtet und nur seinem Gewissen …“

Förster holt Seume wieder in das historische Gedächtnis der Deutschen zurück: Auch für uns Heutige ein Vorbild an Mut und Aufrichtigkeit in politisch schwierigen Zeiten. Er wird sein Buch an folgenden Terminen vorstellen:

  • Donnerstag, den 08.03.18, um 19.00 Uhr im Leipziger Museum für Druckkunst, Nonnenstraße 38, 04229 Leipzig,
  • Donnerstag, den 15.03.18, um 19.30 Uhr in der Weingalerie Leipzig, Dufourstraße 28, 04107 Leipzig sowie
  • Samstag, den 17.03.18, um 13.30 Uhr in der Buchhandlung Hugendubel, Petersstraße 12, 04109 Leipzig.

Buchcover Johann Gottfried Seume

Das Buch „Johann Gottfried Seume“ zum Preis von 19,90 € erscheint zur Leipziger Buchmesse (→ leipziger-buchmesse.de), die vom 15. bis 18. März stattfindet.

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